Ende der Kripper Lederfabrik

von: Horst Krebs

Die Kripper Lederfabrik wurde um 1905 erbaut, im Jahre 2006 wurden die Einrichtungen ausgebaut. Die meisten Gegenstände  wurden versteigert. Viele Maschinen gingen nach Indien und Pakistan. Der letzte Tag der Lederfabrik war auf dem Wandkalender abzulesen. Die rote Markierung blieb auf dem 27. Juli 2006 stehen. Einhundert Jahre Arbeit und Brot neigten sich dem Ende.

Das Werkstelefon war schon ein Unikat. Keine Verbindung zur Außenwelt. Man erreichte das Büro und die Fachabteilungen auf dem Werksgelände. Bei der Entkernung des Fabrikgebäudes wurde das Telefon aus der Wand gerissen, ein Sammlerstück bester Güte.

Der Tag des Endes der Kripper Lederfabrik markiert das Ende einer großen Vergangenheit: "Kripper Leder", das stand für Qualität. Das Familienunternehmen war eine feste Größe in der Branche. Seit über 100 Jahren wurde in der Fabrik, im beschaulichen Kripp nahe Bonn gelegen, Leder verarbeitet. Und nicht selten für bekannte Namen – Brockhaus zum Beispiel. Monate lang stand die Fabrik leer, bis das Unternehmen in diesem Jahr endgültig zerschlagen wurde. Die Journalisten Volker Lannert und Benjamin O`Daniel sprachen mit ehemaligen Mitarbeitern und begleiteten die Insolvenz.

In Glanzzeiten gab es hier bis zu 120 Mitarbeiter. Ein ehemaliger Mitarbeiter sagte:“Ich habe die alten Stechuhren gesehen, da waren 120 Fächer für Mitarbeiter. Als ich hier eingestellt wurde, waren es noch 50 später dann 30 in der Produktion und jetzt ist niemand mehr hier.”

Hier wurde Kleinleder hergestellt, Buchleder produziert für Bibel und Kalender. Die Firma entstand 1905 und wurde gegründet durch den amerikanischen Großindustriellen Clemens Heitemeyer, kam später in den Besitz des italienischen Grafen Taveggi und war danach im Besitz der Familie Gummersbach.

Das war das Büro vom Gerbermeister, es war ständig abgeschlossen, da hier gefährliche Chemikalien gelagert waren, auf die nur er Zugriff hatte. Hier gab es etliche Farben und der Gerbermeister war verantwortlich für die geforderte Mischung dieser Farben.

Das wars. Die Maschinen sind ausgebaut und kommen in die Industrieversteigerung.

Hier eine kleine Chronik der Kripper Lederfabrik:

Erbauer der Fabrik war der amerikanische Unternehmer Clemens Heitemeyer. Er ließ das Fabrikgebäude aus gebrannten Steinen der daneben gelegenen im Jahr 1898 gegründeten Dampfziegelei mauern. Conte Cioacchino (Joachim) Taveggi, der italienische Schwiegersohn Heitemeyers, hatte offenbar die Idee zum Bau des Kripper Mausoleums für die gräfliche Familie, das heute als Gedenkstätte für die Zivilopfer des 2. Weltkrieges aus Kripp dient.

Später wurde die Fabrik vom Familienbetrieb Gummersbach übernommen. In den besten Zeiten waren in der Lederfabrik bis zu 120 Mitarbeiter mit Produktion und Versand beschäftigt. Zum Schluss arbeiteten dort aber nur noch 20 Mitarbeiter. Zuletzt hatte sich die Firma auf die Fertigung von Täschnerleder spezialisiert. Die Produktionsschiene Hand-Saffian Ziegenleder wurde beibehalten. Außerdem wurden nach einem alten galvanischen Verfahren Prägeplatten hergestellt und weltweit versandt. Bis zum Sommer 2006 wurde in der Fabrik hochwertiges Leder unter anderem für Bücher, Bibeln und Kalender verarbeitet. Auch "Brockhaus" ließ dort Umschlagleder fertigen. Am 27. Juli 2006 hatten die Angestellten dort schließlich ihren letzten Arbeitstag.[1]

Der Insolvenzverwalter der Kripper Lederfabrik GmbH und ein Privatinvestor aus der Region hätten einen Kaufvertrag über das Firmengelände geschlossen, berichtete die Rhein-Zeitung am 15. Dezember 2009. Mehrere junge Existenzgründer und ihre Firmen würden sich dort demnächst ansiedeln, habe Remagens Bürgermeister Herbert Georgi mitgeteilt. Verhandlungen gebe es allerdings noch "hinsichtlich des durch den Fabrikbetrieb belasteten Grundstücks". Der neue Besitzer wolle die Bausubstanz aus dem Jahr 1908 erhalten - auch deshalb, weil es sich "um ein ortsbildprägendes und geschichtsträchtiges Gebäude handelt."

Zur Ursache des Brandes am 29. April 2010 hieß es im General-Anzeiger: "Durch die Arbeiten eines Privatmannes mit einem Trennschleifer in einem der oberen Räume entzündeten sich dort vorhandene Farbreste durch den Funkenflug. Das so entstandene Feuer drang durch eine Bodenöffnung nach unten und setzte Vlies- und Zellstoff in Brand.



Die Wacht am Rhein  

weis/funk Juli 2012

Im entmilitarisierten Rheinland, das nach dem Versailler Vertrag in 3 Besatzungszonen aufgeteilt wurde, lag Remagen mit Kripp in der 1. Besatzungszone, die bis 1926 besetzt blieb. Zuerst von den Amerikaner, danach von den Franzosen. Das übrige Kreisgebiet lag in der 2. Besatzungszone. Im Mittelabschnitt des linken Rheinufers besetzten amerikanische Soldaten das Gebiet des Kreises Ahrweiler. Die Besetzung Remagens und Kripp erfolgte im Dezember 1918 durch amerikanische Kavalleristen. Quartiere wurden benötigt. Eine Sanitätsabteilung belegte in Kripp die damalige Villa Hettlage, heutiges Verwaltungsgebäude der Firma Vito- Irmen. 

Die neuen Ereignisse in Kripp wurden vom hiesigen Bürger Valentin in seinem Tagebuch wie folgt festgehalten: Die Westfront war also planmäßig am 5. Dez. geräumt. Die feindlichen Truppen kamen direkt hinterher. Im hiesigen Gebiet liegen Amerikaner, hier im Ort liegen 700 Mann, es sind aber gute Leute. Wir haben 2 Mann. (…) 1) 

                                            Gasthof Rhein-Ahr: 1. Einquartierung amerik. Soldaten am 6.12.1918

Sehr zur Freude der hiesigen Schulkinder wurde zeitweise die Kripper Schule beschlagnahmt und diente den US- Besatzern vorübergehend für Einquartierungen. Die Anzahl der amerikanischen Besatzungsmitglieder der „151st M.G. Bn & 318 Mobile Sanitary Unit. der 42.nd Division“ betrug in Kripp um 780 Soldaten, inklusive der 30 Offiziere und der 45 in Kripper Häusern gegen Entschädigung fest einquartierten Soldaten, sowie der 180 in hiesigen Ställen untergestellten Pferden. Die Tagesvergütung für die Einquartierung betrug 2,00 Mark pro Offizier, 0,40 Mark pro Soldat und 0,10 Mark je Pferd. Die restlichen annähernd 700 Soldaten waren zum Schlafen in Zeltquartieren untergebracht, wofür der Gemeinde pro Soldat und Tag 0,10 Mark vergütet wurde. 2)

An Einquartierungsgelder für Kripp der 42. Division fielen für den Zeitraum vom 21.12.1918 bis 5.4.1919 insgesamt 15.787,70 Mark an, wovon alleine 10.000 Mark für die Kripper und 469,33 Mark für gemietete Gastwirtschaften entfielen.
Weitere Quartierzeiten sind belegbar und werden wegen der Fülle von uns hier nicht mehr aufgeführt, wohl jedoch der Vermerk des Bürgermeisteramtes Remagen über nicht gezahlte zustehende Quartiergelder "...für die Zeit vom 6.4.- 31.7.1919 mit 3263,30 Mark von Mr. Major Quartiermaster nicht gezahlt worden ist, weil diese Unterlagen nicht korrekt waren. Ich bitte die diesseitige Stelle benachrichtigen zu wollen, sobald das Geld gezahlt werden kann."3) 

Die Landeshauptkasse Kassel vergütete 1920 der hiesigen Schützengesellschaft 140 Mark „für Entschädigung der Amerikaner auf dem Schützenplatz 4)
Offiziere bevorzugten Privatunterkünfte und logierten teils in den ehemaligenVilla Nagel, Hettlage oder den rheinwärts liegenden Räumen der Kripper Dampfwaschanstalt.
Ein amerikanischer Ortskommandant, der sein Quartier in der gräflichen Villa Taveggi auf dem Batterieweg bezog, soll ein gewisser Oberleutnant Georg-Catlet Marshall gewesen sein, der 30 Jahre später durch sein nach ihm benanntes humanitäres Hilfsprogramm „Marshallplan“ (European Recovery Programm = ERP) für das wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm (1948- 1952) des zerstörten Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt wurde und 1953 dafür den Nobelpreis erhielt. 5)

Durch seine Freundschaft mit dem damaligen Ortskommandanten gelang es dem Grafen, so manche Bedrängnis der Besatzer von der Kripper Bevölkerung abzuwenden. An Hand der Gästebucheintragung des Grafen Taveggi waren verschiedene hochrangige Militärs bei ihm zu Gast, unter anderem in 1918 ein Lieut. Englebert MAY (Ord.- Officer, Castle Kripp) sowie ein Herman NIEMEYER, BOLLMANN- Major & Comm. of the Field Artillery oder von Weihnachten 1919 „Officer of the 151 Machine Gun Battalion of the 42nd Rainbow Division, the Field Remount Squadron 302“ sowie viele andere hochgestellte Persönlichkeiten. 6)
Welche wohlwollende Vergünstigungen sich aus dieser Freundschaft auf die Kripper Jugend übertrug, geht sinngemäß aus einem Bericht des damaligen Stadtsekretärs Knott hervor, der folgende Begebenheit des 21. Juni 1919 schriftlich fixierte. „Einen Tag vor einer Veranstaltung des JGV Kripp erschien auf dem Bürgermeisteramt ein Vereinsmitglied und verlangte im barschen Ton die Genehmigung zur Abhaltung einer Tanzmusik, über deren Ablehnung bereits vorab der Bürgermeister mit Begründung „Es geziemt sich nicht, dass Deutsche in der augenblicklichen für das Vaterland so unglücklichen Zeit tanzen. Die Erlaubnis wird nicht erteilt!“ entschieden hatte. 
Daraufhin erschien umgehend ein anderes Kripper JGV- Mitglied in Begleitung des amerikanischen Ortskommandanten und einem US-Soldaten auf dem Bürgermeisteramt und verlangte nun recht fordernd und barsch nach vorgetragener Kritik „Wir haben 4½ Jahre lang im Schützengraben gelegen und lange genug getrauert, lassen die sich schämen, die den Krieg schuld sind. Morgen wird getanzt“ eine Tanzgenehmigung, die nunmehr nochmals im Befehlston des Kripper Ortskommandant kurz und bündig mit dem Zusatz„Sofort“! vom 1. Beigeordneten verlangt wurde. Für „Ruhe und Ordnung“ würde schon gesorgt. Ein kleiner errungener Sieg der Kripper Junggesellen über die Remagener Stadtverwaltung, der natürlich in Kripp gebührend gefeiert wurde. 7)

Nach dem verlorenen Krieg wurden fast allerort in den besetzten Gebieten Kirmessen und Tanzbelustigungen abgehalten. Valentin schrieb voller Entsetzen über diese Vergnügungssucht in seinem Tagebuch: “Kirmessen und Tanzbelustigungen aller Orts und dabei noch im besetzten Gebiet. O, welche Zustände.  Das Geld wird mit vollen Händen zum Fenster hinaus geworfen, und erst die Sittlichkeit, o, Sodoma Gomorra“.
So nahmen die beginnenden „Goldenen Zwanziger“ in Kripp ihren Anfang 8)

Zwar war der Druck des Krieges von den Krippern gewichen, doch es dauerte noch eine längere Zeit, bis sich der normale Ortsalltag wieder einstellte. Für die streng preußisch erzogenen Kripper war die lässige legere Lebensart der Besatzer mit ihren lockeren Umgangsformen in der Tat gewöhnungsbedürftig, sie zeigten sich jedoch den Besatzern gegenüber recht freundlich. Die ersten amerikanischen Besatzungstruppen der Rainbow- Divison (Regenbogendivision) empfanden die Kripper überwiegend als eine umgängliche und humane Truppe. Von der Besatzungsmacht wurde für die Zivilbevölkerung der Passzwang eingeführt und die Ausgehzeit auf 22.00 Uhr beschränkt. Des Weiteren hatten alle Haushaltungsvorstände die Pflicht der Auflistung aller sich im Haus befindlichen Personen auf einen Zettel, der leserlich außen an der Türe zu befestigen war.

Morgenappell auf dem Kripper Feld

Nur einige wenige Kripper erhielten unter besonderen Voraussetzungen die Erlaubnis der Besatzungsmacht zum Übersetzen mittels Nachen ins rechtsrheinische gegenüberliegende Linz.
Zur Aufrechterhaltung der Moral bei den Truppen diente als Präventivmaßnahme der sogenannte „Schokomädchen-Erlass“, der es weiblichen Personen ohne behördliche Aufenthaltsberechtigung in diesem Bezirk nicht gestattete, sich während der Besatzungszeit ohne Angaben besonderer Berechtigung hier aufzuhalten. Laut Bekanntmachung des Remagener Bürgermeisters unter Nr. 122 A vom 22. März 1919 erging diesbezüglich von der 83. Infantrie-Brigade des Amerikanischen Expeditionskorps nachfolgende Anordnung:

„a. Keine Frauen oder Mädchen aus dem Gebiete nördlich von Rolandseck oder östlich vom Rhein dürfen das Gebiet der 83. Brigade betreten, ohne einen Paß, der vom Bürgernmeister oder Ortsvorsteher desjenigen Platzes, den sie besuchen wünschen, unterzeichnet und vom Militärkommandanten dieses Platzes gegengezeichnet ist. Ausnahmen: Solche Frauen oder Mädchen, welche mit der Eisenbahn anreisen auf Grund von Pässen, die von Alliierten Militärbehörden ausgestellt sind, und wo es bei der Entfernung offenbar wirklich unmöglich ist, Pässe wie oben gefordert zu erlangen, darf erlaubt werden einzureisen unter der Bedíngung, daß sie in Empfang genommen werden von wohlbekannten geachteten Bürgern oder von Civilpersonen für die sich die deutschen bürgerlichen Behörden verbürgen. b. Frauen oder Mädchen die auf Grund von Pässen der Alliierten Militärbehörden nach Punkten jenseits des Gebietes der 83. Brigade reisen, sollen nicht angehalten werden, doch dürfen dieselben den Zug nicht an irgendeinem Bahnhof innerhalb dieses Gebietes verlassen. Übertretungen werden streng bestraft. Der Bürgermeister“ 9)

Um einigermaßen bei der schlechten Versorgungslage über die Runden zu kommen, wurde auch während der Besatzungszeit die Zwangswirtschaft beibehalten. Trotzdem man sich mit den vielen Widrigkeiten der Nachkriegszeit zu arrangieren versuchte, wurden viele Verordnungen der Besatzer von den Krippern als reine Schikane empfunden.

Wie ernst es die amerikanischen Besatzern mit der Hygiene des Ortes nahmen, ergeht aus den nachfolgenden Begebenheiten. Der Fabrikant Grebe, der die ehemalige Kripper Kapelle als Lagerraum angemietet und die wöchentliche Reinigung des dortigen Rinnsteines versäumt hatte, wurde von zwei amerikanischen Soldaten mit aufgepflanzten Bajonett aus seiner Villa geholt und unter Bewachung persönlich zur Reinigung des Rinnsteines am Johannessaal gezwungen. 10) 
Des weiteren ging schriftliche Order der Besatzungsmächte an die Kripper Bürger, dass jeder private Misthaufen in den Höfen wegen Geruchsbelästigung mit Stroh geruchssicher abzudecken sei. Das Nichtbefolgen der schriftlichen Aufforderung zur zwangsweisen Reinigung des Ortes wurde als Kriegsgerichtssache erklärt.

Die im Landeshauptarchiv archivierten Anordnungen der Besatzungsmacht werden hier jeweils unter Beibehaltung der Orthographie transkribiert.

Befehlsbschrift!

Headquarters 83RD Infantry Brigade
American Expeditionary Forces.
G e r mn a n y

29. December 1918.

Vom :General 83rd Inf. Brigade.

Zum : Bürgermeister von Remagen, unt Remagen Lant. 

Inhalt : Aufreumung.

" 1. In Remagen und Remagen Lant wo Amerikanische Truppen sint hat sich in dieser Zeit fiel dreck gesamelt zum beispiel blech kannnen unt papier. Welches sehr schlimm aussiet. 
2. Am Donnerstag den zweiten Januar 1919 Sint sie angeortnet das alle stäte, unt dörpher in eurer kreis die bei Amerikanischen Truppen besätz sint reine zu machen von diesem vorher genanten dingen. So das Remagen, unt Remagen Lant recht proper sint. Diese Arbeit wird unter der befehl des Sanitary Offizier des amerikanischen Armee sein.
3. Sie werden den Sanitary Offizier von Remagen besuhen dieser wirt euch bescheit geben wie diese arbeit geshen soll. Dieses sollen auch die Gemeinde forsteher tuhn. Diese Besuhung muss bei abent Januar ersten Gemacht werden." 

Auftrage des Brigade General Caldwell
gez. Unterschrift.
Wm. B. Livingston
1st Lieut. Aide-de-Camp.
Brigade Officer for Civil Affairs

11) LHAKO 635/ 826 ( Vermerk= Abschrift der Archiveinlage unter Beibebehaltung der Orthographie)

Im krassen Widerspruch stand dagegen das Verhalten der Besatzer, die für das Beheizen ihrer Gulaschkanone im Hof bei Lohmers (Hotel Rhein-Ahr) zu bequem waren, Kohlen, die für die Besatzungstruppen zentral auf dem Schulhof gelagert waren zu holen und die Öfen statt dessen mit Speckseiten befeuerten. Das Gebiet um die Gulaschkanone war stets zu den Mahlzeiten ein beliebter Spielort für die hungrigen Kripper Kinder. „Je nachdem welch herzensguter Soldat gerade Küchendienst versah, konnte man etwas von dem übrig gebliebenen Teig-oder Essensrest erhaschen“. 12) 
Die abgebrannten Speckschwarten wurden danach zur Entsorgung vom Küchenpersonal einfach in die Wiesen geworfen, die zur Freude des hiesigen Schumachers damals mangels des sehr teuren Ledermaterials behelfsweise als Schuhsohlen dienten. 
Auf der rechten Seite der heutigen B 266 von der Kiesgrube der heutigen Betonunion bis zur Bahnlinie befand sich ein riesiges Militärcamp. In zwei großen Zelten, jedes davon doppelt so groß wie ein Kirmeszelt, wurden von den Besatzern Freizeitgestaltungen und
Truppenbelustigungen wie Boxen, Tanzen und Kinoveranstaltungen abgehalten. Angrenzende Mannschaftszelte erweiterten das Camp. Zwei lange Holzbaracken befanden sich in Höhe der heutigen Betonunion, worin die Lebensmittel der Besatzer deponiert waren. Die Villa Hettlage, (heutiges Vito- Irmen Verwaltungsgebäude) diente als Sanitätsstation der Truppe und war dementsprechend eingerichtet worden. 

Hinter dem Godenhaus bis zur Ahr hin befanden sich in der Sinziger Feldflur "Grün" auf 100 Morgen- Gebietsgröße einige kleine Flugzeughangars, mit einem kleinen provisorischen US- Flugplatz auf den Rheinwiesen (Sinzig, Rasterweg) und rechts der Ahr in der Flur "Auf Grün" ein Militärfuhrpark von 60 Morgen. 13) 


Fuhrpark rechts der Ahr

Der Gewölbekeller des Godenhauses und Räume des Remagener Brückenturms dienten den Besatzern als Prison (Gefängnis). 
Ein interner Wechsel der amerikanischen Besatzungsmacht erfolgte am 5. April 1919. Die Ablösung der bisherigen humanen Rainbow-Divison (Regenbogendivision) erfolgte durch die 2. Kleeblatt-Division, die mit sofortiger Wirkung ein strengeres Regiment aufzog und ein striktes Verbot der Fraternisierung einhielt.
Hierzu vermerkt Valentin:„Am 5 ten April 1919 ist die bisherige Amerikanische Besatzung durch andere Amerikanische Truppen abgelößt worden erstere sind nach Amerika. Es ist von den bisherichen Truppen recht viel Annoliert worden." 14) 
Ein um 200 Morgen großes Areal des Ahrmündungsgebietes von Kripp bis hinter Sinzig war zur Besatzungszeit eingezäunt und glich einer riesigen Pferdekoppel. Hier befand sich in den Fluren "Godenhaus-und Linzerwiesen, im Dorn und im Brühl" das Pferdedepot mit über 25.000 Pferde und Mio´s (hochbeiniger Bastard von Eselhengst und Pferdestute) der US- Armee. Täglich kamen neue hinzu. Es sollen sogar zeitweise bis zu 40.000 gewesen sein. 15) 
Die Kommandantur der Pferdeverwaltung befand sich zeitweise in der Kripper Kapelle, dem heutigen Wohnhaus Quellenstr.34. Zwei mal wöchentlich wurden hier Pferdeversteigerungen abgehalten. 16)


 Kripper Johannessaal als Pferdekommandatur 1919, vorne US Besatzungstruppen

Hierzu vermerkt Valentin in seinem Tagebuch "Die Amerikaner haben den ganzen hohen Dorn (Flurbezeichnung an der Ahrmündung) vom Leinpfad bis alte Straße einschließlich Ahr rechtes Ufer und von der alten Straße einschließlich Mühlenteig bis zur Eisenbahn linkes Ahrufer eingezäunt für Pferdeplätze. Zirka 25.000 Pferde sind da eingebracht, wovon 2 x wöchentlich Pferde versteigert werden und kommen immer wieder andere dazu. Kein Grashälmchen sieht man mehr auf diesen Plätzen".17)
Wegen der Gefahr der Überweidung wurden täglich Unmengen an gepresstem Heu als Beifutter vom Bahnhof Sinzig nach Kripp transportiert. Zum großen Unmut des Besatzungskommandanten wechselten während der Besatzungszeit viele Pferde und Mulis aus dem Kripper Pferdedepot illegal für einige Flaschen „Hochprozentiges“ den Besitzer und gelangten nachts schwimmend von Kripp ans Linzer Ufer, um von dort aus, wie zahlreiche Berichte im Landeshauptarchiv Koblenz belegen, bis in den Westerwald unter der Hand verkauft zu werden. 18)
Der Pferdediebstahl nahm zeitweise derart überhand, so dass die Besatzungskommandantur beim Remagener Bürgermeister Beschwerde erhob und hohe Strafen androhte. 
So wurde der Sohn eines Bauern von der Oberkripp inflagranti beim illegalen Pferdedeal ertappt und mit einer derart hohen Strafe belegt, dass die Eltern zur Auslösung einige Felder verkaufen mussten. 19)
Zur Vorbeugung von weiteren Pferdediebstählen erfolgte auf Anordnung der amerikanischen Behörden eine Bekanntmachung des Remagener Bürgermeisters vom 2. Januar 1919„....daß keine Boote zum rechten Rheinufer fahren und dort landen dürften, mit....“ 
gez. Bürgermeister Geelen, m. d. B. um Abschrift an die Bezirksvorsteher mit der Bitte um weitere Veranlassung übersandt. 20) Der Fährbetrieb wurde vom US-Ortskommandanten bis zum 21.7.1919 eingestellt.


Das beschlagnahmte Remagener Personenboot "EXPRESS" mit MG-Heckaufbau 
während der permanenten Patrouillenfahrt zwischen Remagen und Koblenz


Zwei mal wöchentlich wurde der angefallene Pferdedung der 25.000 Besatzungspferde am westlichen Ortsausgang Kripp´s, weit unterhalb der jetzigen Abzweigung von der B 266 zum Godenhaus, auf einem riesigen dampfenden mehrerer Meter hoher Misthaufen angefahren, der für die Landwirte für die Auflockerung des Ackerbodens im Remagener Feld abgegeben, aber wegen des minimalen Düngeeffektes ungern angenommen wurde.

Abschrift


HEADQUARTERS THIRD ARMY
AMERICAN EXPEDITIONARY FORCES
MARCH 25 1919

"PROKLAMATION"

"Die Anhaufung von Pferde-oder Viehdunger, in den von amerikanischen Truppen besetzte Ortschaften, muss vor den 1st Mai 1919, weggeschafft werden. Darnach wird die Anhaufung von Dunger in Ortschaften dadurch verhutet das er wenigstens zweimal jede Woche weggschaft wird. Der Dunger mag auf die Felder gestreut, oder auf Haufen zusammon gebracht werden, die wenigstens 1000 Meter ausserhalb der Ortsgrenzen sein müssen. Wer dieser Verordnung zuwiederhandelt wird vor das Kriegsgericht gestellt werden."

By command of Major General DICKMANN

KALIN CRAIG,
Brigadier General,G.S.
Chief of Staff.

By order of Captain LYRCH;

O:C:C:A:

21) (LHKO 635/ 826, Abschrift der Archiveinlage unter Beibehaltung der Orthographie)

Zum Ärger der Ortsbewohner zogen während den Trockenperioden riesige Staubwolken, verursacht durch die herumlaufenden Pferde und Mio´s, je nach vorherrschender Windrichtung über Kripp und überzogen Bäume, Feldfrüchte und Gebäude mit weißlichem Staubpartikeln getrockneten Pferdedung. Gottfried Valentin notiert dazu nach einer schrecklichen Trockenperiode von 32 ° Celsius im September 1919 in seinem Tagebuch "Ganze Wolken von Staub, verursacht durch die Pferde und Mio´s zogen je nachdem der Wind kam durch die Luft, nichts wie Staub überall. Bäume, Futter, Bohnen, Gemüße alles voll Staub"22) 
Des Weiteren waren die Ortsbewohner starken Geruchsbelästigungen durch die Pferdehaltung, besonders durch ein riesiges Pferdemistdepot in Höhe des Godenhauses bei hier überwiegend herrschenden Westwinden ausgesetzt. Noch Jahre nach der Besatzungszeit wuchsen überall auf diesen Wiesen an ehemaligen Pferdedungstellen Unmengen von Champions.
Laut Chronik Sinzig waren die ganzen Wiesen "im Dorn" weithin mit Senfpflanzen überwuchert, ..."welche durch die stellenweise dick aufgelagerte Dungdecke des amerikanischen Pferde-Depots zu üppigen Wachstum gediehen." 23) 
Bei einer unerwartet schnellen Hochwasserflut im Winter 1919/ 20 sollen viele Maultiere und Pferde auf den Ahrwiesen ertrunken sein.
Bei diesem Hochwasser verfingen sich unzählige Benzin- und Lebensmittelfässer eines überfluteten US- Magazins am Oberrhein im Weidengestrüpp des Ahrmündungsbereiches zur Freude der Kripper. Es wurde viel gelandet, doch die Besitzfreude währte nicht lange.
Hierzu vermerkt Valentin "Eine unmenge Zeug kam getrieben Fässer gefüllte Amerikanische Benzinfäßer, Eichen und Buchenstämme sehr viel anderes Holz...( )...Joh und Peter haben auch sehr viel gelandet...()...Beim 2ten Hochw: war in Benndorf ein Amer: Öhllager abgetrieben. 1000 und abertausende volle und leere Faß und Kisten kamen wie Eisschollen den Rhein herunter getrieben. da gabs zu landen, aber alles abgegeben nichts erhalten." 24) 

authentisches Foto der angelandeten Fässer

Vermutlich wegen Verstöße gegen die für die amerikanischen Besatzungsmacht bestehende Prohibition erging im Mai 1922 vom Koblenzer Hauptquartier der Besatzer an den US-Ortskommandanten folgendes Schreiben:

„HEADQUARTIERS AMERICAN FORCES IN GERMANY ZONE MAJOR, 1st. BRIGADE 115 STADTHAUS, COBLENZ

Alle Befehle betreffend des Verkaufs von Getränken an die Truppe sind noch in Kraft im ganzen amerikanisch besetzten Gebiet. Bitte benachrichtigen sie den Bürgermeister von Remagen dementsprechend.
gez. Pinkerton“. 25)

Laut Nachweisung der sich im Stadtgebiet mit festem Wohnsitz aufhaltenden Amerikaner, Engländer, Franzosen und Belgier, aufgestellt am 11.1.1923, waren in Kripp 2 ausländische Familien gemeldet. Dies waren 3 englische Staatsangehörige der Familie Cranford-Kehrmann, whft. seit 1921 in Kripp, Rheinallee 8 (späteres Kurhaus), sowie die 3 belgischen Staatsangehörige der Familie Franz Mertens (gräflicher Chauffeur), whft.: seit 13.11.1922 in Kripp, Batterieweg 13, heute Haus 16-18. 26)
Nach dem Abzug der Amerikaner kam 1923 die französische Besatzungsmacht. 
Kripp blieb jedoch von größeren Einquartierungen verschont. Es begann die bitterste Zeit der Armut, da die Franzosen selbst nichts zu verteilen hatten.
Unter französischer Besatzung verkehrte die Fähre mit einer Nachenverbindung zum unbesetzten Linz nur stundenweise beschränkt auf einen eingegrenzten Personenkreis.
Das in 3 Besatzungszonen besetzte Rheinland wurde sukzessive von 1926 bis 1930 von den fremden Besatzungsmächten geräumt. Die 1. Zone mit dem am südlichsten Punkt endenden Gebiet Remagen mit Kripp wurde von der französischen Besatzungsmacht am 31. Januar 1926 geräumt, was in Remagen und Kripp am 6. Februar 1926 gebührend gefeiert wurde. Anlässlich der "Befreiungsfeier" zog man nachmittags mit Musik, Böllerschüssen und mit einem festlichen Geläute der neuen Glocken zur Ahrmündung, um dort unter Jubel der hiesigen Bevölkerung an einer einzementierten Eisenstange die von der Frankfurter Nationalversammlung 1848 übernommene deutsche schwarzrotgoldene Flagge zu hissen und das Besatzungsende zu dokumentieren. Während dem Glockengeläute dieser Feier huldigte man telegraphisch dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg in Berlin. 27) 
Später, Anfang Dezember 1929, feierte man im benachbarten Sinzig und im restlichen Kreisgebiet das Ende der II. Besatzungszone mit Musik und Feuerwerk und am 30. Juni 1930 fand laut Haager Konferenz die Räumung der III. und letzten Besatzungszone statt. Das Rheinland war nun endlich wieder frei von fremder Besatzung. Überall wurde die Befreiung des Rheinlandes überschwänglich gefeiert.
Eigens zu diesem Anlass fuhr das Luftschiff „Graf Zeppelin“ in der sogenannten „Befreiungsfahrt“ am 6. Juli 1930 in Richtung Andernach an Kripp, Sinzig, Bad Breisg und Brohl vorbei. 28) 
Als Schaden durch die Besatzungstruppen für die Gemeinde Kripp wird durch den Landrat lediglich der Verlust eines Kahnes im Werte von 400 Mark aufgeführt29)

Fotonachweise:

Rhein-Ahr, Villa, etc. ?
Johanneskapelle: Repro: Willy Weis
Boot: Archiv Weis/Funk,
alle anderen militärbezogene Fotos sind Archivfotos des US-Nationalarchiv Washington und wurden dort von den Verfassern reproduziert. Die jeweiligen Scan-Nr. liegen den Verfassern vor.

Quellenangaben:
1) Tagebuch des Kripper Bürger Gottfried Valentin, S. 32 2) LHKO 635/ 939, Billeting Certificate und Distributing List) 3.) LHAKo 635/ 939 4) Protokollbuch der St.-Sebastianus-Schützengesellschaft Kripp, siehe Jahr 1920- 5) unbekannter ZA zum Tode der Gräfin Elfriede 1966 6) Auszug des gräflichen Gästebuches durch die mit uns korrespondierende Urenkelin in England 7) LHAKo 635/ ?? 8) Tagebuch des Kripper Bürger Gottfried Valentin, S. 34 9) LHAKo 635/ 826 10) mündl. Angaben des Zeitzeugen Michael Schumacher ,* 1902, + 2000, Kripp 11) LHAKo 635/ 826 12) mündl. Angaben des Zeitzeugen Paul Ueberbach, Kripp + 13) Sinzig und seine Stadtteile, Kleinpass Sinzig, S. 170 14) Tagebuch des Kripper Bürger Gottfried Valentin, S. 33 15) Leonhard Janta, AW) 16) mündl. Angaben der Zeitzeugen Michael Schumacher + und Alois Ueberbach+, Kripp 17) Tagebuch des Kripper Bürger Gottfried Valentin, S. 33 18) LHAKo 635/826 =Berichte der amerikanischen Militärbehörde über US- Pferdediebstähle, mündl. Angaben des Zeitzeugen Alois Ueberbach + 19) mündl. Angaben des Zeitzeugen Michael Schumacher + 20) LHAKo 635/ 826 21) LHAKo 635/ 826 22) Tagebuch des Kripper Bürger Gottfried Valentin, S. 34 23) Sinzig und seine Stadtteile, Kleinpass Sinzig, S. 170, Fußnote 55 24) Tagebuch des Kripper Bürger Gottfried Valentin, S. 36 25) LHKAo 635/827 26) LHAKo 635/ 792 27) mündl. Angaben des Zeitzeuge n Michael Schumacher ,* 1902, + 2000, Kripp. dsgl. Chronik der Stadt Remagen 1879-1931, S. 46 ff von Klaus Flink sowie Sinzig und seine Stadtteile, H. Kleinpass,S.175 Anmerkung der Verfasser: Der Ursprung der Flaggenfarbkombination Schwarz- Rot- Gold, die freiheitlich demokratische Bestrebungen dokumentieren soll, geht zurück von den Uniformfarben des Lützowschen- Freicorps (schwarzes Tuch mit roten Aufnähern und goldenen Knöpfen) zur Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon (1813, als Synoym freiheitlich demokratischer Bestrebungen. Dieses Jägercorps wurde 1813 von Freiherr Adolf von Lützow, preuß. Generalmajor ab 1822, auf Wunsch Wilhelm Friedrich III. von Preußen aus patriotisch gesinnten Freiwilligen aufgestellt. 28) Heimatjahrbuch 1998 Kreis Ahrweiler, S.105-107, „Zeppeline über der „Goldenen Meile“, von Willy Weis und Hildegard Funk. 29) LHAKo 635/ 743 Bekanntgabe Landrat.


Alle unsere Fährendokumentationen in der Kripper Schriftenreihe wurden uns von Herr Alexander Bohrer zur Verfügung gestellt. Herr Bohrer erreichen sie unter alex@faehrenfan.de. Er ist Mitautor unserer Webseite www.Geschichte-Kripp.de

Die ersten Jahre nach dem 2.Weltkrieg waren harte und entbehrungsreiche Jahre. Sie waren geprägtdurch Trümmer und Aufräumarbeiten. Mitte der 1950er Jahre ging es den Menschen im Allgemeinen schon besser und der wirtschaftliche Aufschwung hatte eingesetzt. Immer mehr Menschen konnten sich ein Auto leisten und der Individualverkehr wurde mehr. So wundert es auch kaum, das auch die Fährgesellschaft davon profitieren konnte. Eine immer größer werdende Zahl an Fahrzeugen wollte täglich über den Rhein übergesetzt werden. Schon bald wurde der Fährgesellschaft klar, das die beiden bisherigen Fähren, die Autofähre "Linz-Bad Kripp“ und die kleinere Motorfähre "Finte“ dem Ansturm bald nicht mehr gewachsen sein würden. Beide Zusammen schafften im Schnitt 28 PKW pro Überfahrt, wobei die "Linz-Bad Kripp“ mit bis zu 20 PKW (je nach Größe) beladen werden konnte, während die "Finte“ mit Ihren 10 Tonnen Tragfähigkeit, im Normalfall aber nur Platz für 8 PKW hatte. Es war also ganz schnell klar, das die "Finte“ zu klein geworden war und keine Entlastung mehr für die "Linz-Bad Kripp“ darstellte; es musste eine größere Autofähre beschafft werden. Da gebrauchte Autofähren zu der damaligen Zeit nicht verfügbar waren, erst recht nicht in der gewünschten Größe und mit der benötigen Transportkapazität, begannen man alsbald mit den Planungen für den Bau  einer modernen und großen Autofähre. Am 2. November 1959 war es soweit, die Schiffswerft Hilgers AG in Rheinbrohl erhielt den Auftrag zum Bau der bis dahin größten Autofähre für die Fährgesellschaft Linz-Kripp GmbH, dem Fährschiff "St. Johannes“. Mit ihren technischen Daten war die Autofähre "St. Johannes“ mit Indienststellung 1960 zwar nicht die größte Autofähre auf dem Rhein, aber die neuste und modernste ihrer Art. Größer (länger) waren nur noch die beiden älteren Seitenpfortenfähren "Hitdorf“ zwischen Leverkusen-Hitdorf und Köln-Langel und die "Königswinter“ II, (Spitzname Oma) zwischen Königswinter und Mehlen und die etwa gleich große, nur ein Jahr jüngere Doppelendfähre "Loreley V“ zwischen St. Goarshausen und St. Goar. Die Kiellegung der "St. Johannes“ erfolgte am 29.01.1960 auf der Helling der Hilgers Werft in Rheinbrohl. Der eigentliche Baubeginn hatte schon früher begonnen, da die "St. Johannes“ in der neuen und modernen Sektionsbauweise gefertigt wurde.


Am 30.06.1960 liegt das Schiff klar und bekränzt in Rheinbrohl zur Fahrt nach Linz bereit, wo die Übergabe stattfindet.

Durch die Sektionsbauweise war es möglich, einzelne Bauteile und ganze Baugruppen in der Werfthalle vorzufertigen. Für den Zusammenbau auf der Helling, also der eigentliche Kiellegung, bedeutete das eine erhebliche Zeitverkürzung, so das der Stapellauf bereits 5 Monate nach der Kiellegung, am 21. Juni 1960 erfolgen konnte. Nach dem die  "St. Johannes“ den Stapellauf erfolgreich gemeistert hatte, wurde sie am Ausrüstungspier der Hilgers Werft vertäut und weiter komplettiert. Bereits 7 Tage später, am 30.06.1960 ist sie fertig ausgerüstet und liegt zur Überführungsfahrt nach Linz bereit. Für die kurze Fahrt nach Linz wurde sie von den Werftarbeitern mit Flaggen, kleinen Wimpeln und Kränzen geschmückt. Bis über die Toppen beflaggt und bekränzt, liegt sie so am Rheinbrohl Ufer, bereit um sich auf den Weg nach Linz zu machen, wo die feierliche Übergabe stattfinden soll.
War während  des Stapellauf bis hier hin noch alles glatt gelaufen, passierte an diesem Nachmittag kurz vor der Übergabe eine kleine Panne: Beim Ablegen kollidierte die "St. Johannes“ mit dem ebenfalls an der Werft liegenden Bunkerboot "Marleen“. Die Schäden blieben zum Glück an beiden gering.



Ankunft der St. Johannes in Linz

Um 15 Uhr Nachmittags trifft die "St. Johannes“ in Linz ein, wo sie bereits sehnlichst erwartet wird. Im Rahmen eines Festaktes wird sie an die neuen Eigentümer, der Fährgesellschaft Linz-Kripp GmbH und ihrer neuen Bestimmung übergeben. Mit dem Eintreffen des Neubaus in Linz / Kripp begann am 30. Juni 1960 ein neues Kapitel in der Geschichte der Fährgesellschaft. Eine bis dahin noch nie dagewesene Menge an überzusetzenden Fahrzeugen konnte nun mit den beiden großen Autofähren, der "St. Johannes“ und der "St. Martin“ bewältigt werden. Die kleine "Finte“ konnte da endgültig nicht mehr mithalten und wurde zum Jahresende an den Fährmann Heinz Lurz aus Kaiserswerth - Langst  verkauft.

Empfang der neuen Autofähre ”St. Johannes” in Linz durch die Linzer und Kripper Bürger. 
Foto: ® Archiv Fährgesellschaft

Im Laufe der 30 jährigen Dienstzeit in Linz am Rhein wurde die Fähre "St. Johannes“ natürlich regelmäßig renoviert und modernisiert. Einer dieser größeren Umbauten wurde bereits 1972 durchgeführt. Bedingt durch die Größe und dem Antrieb mit nur 4 feststehenden Schrauben über Schaltgetriebe, und den dahinter liegenden Rudern, war die "St. Johannes“ alles andere als wendig. Sie reagierte schwerfällig und lies sich im Bereich der Fährrampen nur schlecht manövrieren, vor allem war sie sehr windanfällig. Darum entschied sich die Fährgesellschaft, sie bei der Hilgers Werft mit 4 Schottel - Ruderpropeller umrüsten zu lassen. Dazu musste der Rumpf so umgebaut werden, das die Ruderpropeller in den Ecken unter den Pylonen eingebaut werden konnten. Die beiden Antriebsmotoren blieben unterhalb der Deckshäuser und wurden über lange Antriebswellen mit den Ruderpropellern verbunden. Die nicht mehr benötigten Ruder wurden ausgebaut und der Rumpf in diesem Bereich verschlossen

Mit den neuen Schottel Ruderpropellern erreichte die "St. Johannes“ eine bis dahin nicht gekannte Manövrierfähigkeit und Wendigkeit. Es war sogar möglich, sie auf dem Teller zu drehen oder seitwärts zu fahren. Diesen Vorteil konnte man nun gezielt nutzen, um auch bei stärkerem Schiffsverkehr eine Lücke zwischen den Schiffen für eine Überfahrt auszunutzen. Selbst die Anlegemanöver waren nun deutlich einfacher und gingen zügiger von-statten, was wiederum eine Zeitersparnis einbrachte. Das Anfangs verbaute Holzdeck, wurde in den Jahren durch ein robusteres Stahldeck mit Rautenbelag ersetzt, die Ketten zum heben der Fährklappen gegen Hydraulikzylinder ausgetauscht.

Manfred Geyer aus Kripp steuerte die St.Johannes

In den Folgejahren hielt auch ein modernes Radargerät Einzug in den Fahrstand der "St. Johannes“, wodurch sie wetterunabhängig wurde und nun auch bei Nebel oder schlechter Sicht übersetzten konnte. Auch farblich veränderte sich die "St. Johannes“: Mitte der 1980er Jahre wurde der ursprünglich gelbe Rumpf mit schwarzem Trenn- Zierstreifen in rot umlackiert. Für uns Schüler, die täglich nach Linz zur Schule fuhren, war die neue Radaranlage ein Rückschritt. Es fielen keine Schulstunden mehr aus.


März 1990 / Abschied von "St. Johannes" 

Auch für die "St. Johannes“ kam die Zeit, wo sie nicht mehr die Nr. 1 unter den Linzer Fähren war. 1971 kam die neue und größere Autofähre "Stadt Linz“, welche die alte "St. Martin“ ablöste und gleichzeitig die "St. Johannes“ zur Zweitfähre degradierte. 1987 folgte schließlich die noch größere Autofähre "Linz-Remagen“ (I) und degradierte sie nun Endgültig zur Ersatzfähre. Da sie nun überwiegend nur noch am Ufer vertäut vor Anker lag, versuchte die Linzer Fährgesellschaft sie unter anderem an die Elbe zu verkaufen, doch war sie für den dort geplanten Fährbetrieb zu groß und der Verkauf kam so nicht zu Stande. 3 Jahre suchte man vergeblich nach einem Käufer, bis schließlich im März 1990, nach rund drei Jahrzehnten als Autofähre im Linzer Fähreinsatz, nun auch die Zeit für die "St. Johannes" gekommen zu sein schien. Eine englische Maklerfirma zeigte Interesse und kaufte Sie zum Einsatz als Fähre auf dem Magogoni Creek zwischen Dar es Salaam City und Kigamboni, gelegen  in Tansania, an der Küste des Indischen Ozean.

1994 Was wurde aus der "St. Johannes“ 

1994 machte sich der Traditionsverein Kripp auf die Suche nach der ehemaligen "St. Johannes“. Dank der Hilfe der Deutschen Botschaft in Dar es Salaam wurde man auch schnell fündig. Am 04.06.1994 erhielten Sie die amtliche Bestätigung, das die "M.V. Alina“, die ehemalige "St. Johannes“, auf einem Trockendock einer Werft in Dar es Salaam stark beschädigt und nicht betriebsbereit zur Generalüberholung liegt. Ein großes Loch wurde beim Abriß eines Propellers in den Bug gerissen, und ein weiterer Propeller ging verloren. Er ruht unauffindbar auf dem Grund des indischen Ozeans. Mangels Ersatzteilbeschaffung wird die Fähre in Zukunft nur noch mit 2 Antriebspropellern und somit nur noch mit halber Kraft fahren. Auch Manfred Geyer, einer der früheren Fährmänner der "St. Johannes“, hat sich nach seiner Pensionierung auf die Suche nach der alten Fähre gemacht und wurde ebenfalls fündig. Die "M.V. Alina“ war erneut stark beschädigt, ob von einem Unfall oder durch einen Sturm, konnte bisher nicht geklärt werden. Aufgrund der sichtbaren Beschädigungen liegt die vermutet nahe,  das es eine Kollision mit einem Schiff gegeben haben muss, da bei der "M.V. Alina“ einer der Tragarme der Fährklappen verbogen ist.


2014 Letzte Informationen

Ich habe daher erneut Google Maps bemüht und den Hafen von Dar es Salam abgesucht. Gegenüber den Cargo Terminal für die Hochseeschiffe wurde ich fündig: Mehrere Schiffe liegen dort am Strand auf und rosten vor sich hin. Für diesen Bereich habe ich bisher nur ein Foto finden können. Es zeigt den Strand und einen Teil einer der Hallen. Die Halle ist mit einem seitlich von der Decke hängenden Sichtschutz ausgestattet und verhindert so einen Blick auf das darunter abgestellte Schiff. Die 4 Hallengebäude sehen mir auch nicht nach einer regulären Schiffswerft aus, obwohl vom Strand aus eine kleine Helling an Land führt. Oberhalb davon gibt es eine kleine Drehscheibe, über die die Schiffe unter die Hallendächer gefahren werden können. Es könnte sich daher um einen militärischen Sicherheitsbereich handeln. Auch sehen die dort am Strand liegenden Schiffe nicht zivil aus (außer natürlich der ”MV Alina“). Über den Zustand der ”MV Alina“ lässt sich natürlich nicht viel sagen anhand der Google Maps Fotos, außer das sie keine Antriebsmotoren mehr zu haben scheint, da die Schottel Navigatoren, die auf Deck gestanden haben, nicht mehr erkennbar sind. Nach aktueller Quellenlage würde ich daher davon ausgehen, das die ”MV Alina“ seit Ende 2010 außer Dienst gestellt ist, nachdem sie durch die neue ”MV Maggogoni“ ersetzt wurde. Ob Ihr Zustand eine weitere Verwendung möglich macht, ist nicht anzunehmen.