Schwarzbrennen

© weis/funk 1994

Recht abenteuerlich ging es in Kripp während der Nachkriegszeit bei der Schwarzbrennerei zu. Aus der Not und den vielen Nachwirkungen des II. Weltkrieges heraus, erlebte die Schwarzbrennerei eine Blütezeit.
Damals wie heute eine illegale Tätigkeit, wurde sie aufgrund der Branntweinmonopolstellung des Staates und den damaligen Richtlinien der französischen Besatzungsmacht mit empfindlichen Freiheitsstrafen geahndet. Zur Unterbindung dieser "Hobbykriminalität" wurde eigens von den Besatzern eine Dorfpatrouille eingesetzt. Der aus bitterer Not geborene Erfindungsreichtum einiger Kripper kannte keine Grenzen. Damit das Schwarzbrennen nicht "anrüchig" wurde, ließen sich die pfiffigen "Kripper Kriminellen" einiges einfallen.
Durch die starke eigentümliche Geruchsentwicklung des Brenngutes während des Brennvorganges wurde die Maische (zerkochter Fruchtbrei) zur Geruchsneutralisierung meist unter Misthaufen versteckt, damit die Schwarzbrennerei vor den empfindsamen Schnuppernasen der in den Straßen Kripps patrouillierenden französischen Besatzungstruppen unentdeckt bleiben sollte.
Neben dem Brenngeruch waren die in die Straßenrinne laufenden Wasserrinnsale, hervorgerufen durch die stets notwendige Kühlung des Kühlrohres, verräterische Spuren eines illegalen Brennvorganges. Im Rahmen der Nachbarschaftshilfe wurden während dieser Zeit ungewollte Waschtage abgehalten, die neben der Geruchsverschleierung durch Seifenlauge auch die verräterischen Kühlungswasserspuren legalisieren sollten. Hinzu wurde zur Geruchsvermischung an den Brenntagen Jauche ausgefahren.

Der Schnaps wurde wie folgt hergestellt:
Als gängigste Früchte zum Schnapsbrennen wurden meist Futterrüben, Kartoffeln, Pflaumen, Birnen und Mirabellen verwendet.
Durch Aufbereiten der Früchte zu einer gärfähigen Maische setzte sich der Fruchtzucker in Alkohol um.
Aus abmontierten Kupferrohren der ausgebombten Fähre wurde von ideenreichen Tüftlern während der armen Nachkriegszeit eine Notdestille konstruiert.
Als provisorische Brennblasen dienten ausrangierte Wasserkanister der US- Armee, in die die durch den Fruchtzuckergehalt vergorene Maische als Ausgangsmaterial eingefüllt wurde. Um ein Anbrennen des Fruchtbreies zu verhindern, wurde die mit beliebigen Früchten gefüllte Brennblase in das Wasserbad eines Viehkessels gestellt, das durch eine Feuerung auf eine Temperatur über 80 ° C erhitzt wurde, niederschlug. Das Produkt des alkoholischen Fruchtdestillates ergab den "Selbstgebrannten".
Um die Schnapsqualität zu erhöhen, wurden später an der Destillationsmaschine der Vor- und Nachlauf separiert und das Erstdestillat nochmals gebrannt. Aus einer Arztpraxis organisiertes Filterpapier sowie mit ausgewaschenen und mit Holzkohle gefüllten Leinensäckchen erhielt man nach der Filterung reinen klaren Schnaps. Den kaum genießbaren ungefilterten Schnaps als Erstdestillat nannte man Fusel. Den Selbstgebrannten aus Rüben nannte man ugs. "Knolli-Brandy".

Nach erfolgter Qualitätssteigerung versuchte man nun die Quantität des Brennens zu optimieren.
Eigens dafür hatte man auf dem Transportwege zum Kripper Gefangenenlager die riesigen Gusskohlenkästen eines requirierten großen Hotelherdes entwendet und auf einer provisorisch gemauerten Feuerung in der Futterküche hinter dem damaligen Haus Schumacher, jetzt Quellenstraße 54, verbracht. Nach dem Aufheizen diente der mit Öl gefüllte Gusskasten als Ölbad. Laufend wurden nun die mit Maische gefüllten Wasserkanister nach erfolgtem Brennvorgang ausgewechselt. So ist es einmal vorgekommen, dass durch Unachtsamkeit der Flammpunkt des Öles überschritten und damit eine Selbstentzündung des Öles initiiert wurde, deren auflodernde Flammen die herunterhängenden Heureste des über der Futterküche liegenden Frucht- und Heuspeicher entzündeten. Erschrocken stürzten sich die „Schwarzbrenner“ auf den Brandherd und hatten nun alle Hände voll zu tun, mit Wassereimern unbemerkt den Brandherd zu löschen, bzw. mit einer Woilach 1) die Flammen brennender Fruchtsäcke zu ersticken. Nur für diesen kurzen Augenblick ließen die Akteure mit teilweise angesengten Haaren sprichwörtlich "Schnaps einmal Schnaps sein"! 2)


1) Pferdedecke
2) Mündliche Erzählung Friedel Valentin, Kripp 1993