Die Geschichte

der

Motorfähre

Linz-Bad Kripp“ / „St. Martin“

(1948 - 1971)

von Alex Bohrer


                                                                                                                                                       Fotoquelle: G.Ziss

Die Geschichte der Motorfähre Linz-Bad Kripp / St. Martin ist so verwirrend, wie auch faszinierend zugleich. Sie spiegelt auf ihre Art die Zeit und die Wirren nach dem 2. Weltkrieg wieder. Der Anfang unserer Geschichte beginnt 1946, kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Deutschland hatte den Krieg verloren und die alliierten Siegermächte kontrollierten das öffentliche Leben.

Die beiden Orte Linz und Kripp, die seit jeher durch die natürliche Grenze, dem Rhein, voneinander getrennt und nur durch eine seit Jahrhunderten bestehende  Fährverbindung miteinander verbunden sind, waren jetzt nach Ende des Krieges erneut voneinander getrennt. Das Fährschiff, die Motorfähre „Franziska“ der Fährgesellschaft Linz-Kripp GmbH, war in den letzten Kriegstagen durch Fliegerbomben versenkt worden, und eine Brücke in erreichbarer Nähe gab und gibt es bis heute nicht.

Eine Behelfsbrücke, eine sogenannte Pontonbrücke, bestehend aus sehr vielen kleinen Booten, die mit Holzbohlen miteinander verbunden sind, war durch die Alliierten während des Krieges bzw. auch eine Zeit lang danach eingerichtet worden, musste aber wegen dem wieder erwachendem Schiffsverkehr auf dem Rhein abgebaut werden.

Die einzige verbleibende Verbindung zwischen den beiden Orten war ein von Hand geruderter Nachen zur Beförderung von Personen, genau so wie vor 2000 Jahren. Diese völlig unzurei ende Fährverbindung war ein dauerhaftes Ärgernis und so kam es, das die Fährgesellschaft Linz Kripp GmbH dem Ruf nach einer neuen Fähre folgte und bei den Alliierten um die Genehmigung zum Bau und Betrieb einer neuen Fähre ersuchten.

Da die französische Militärregierung aber nur den Bau einer Querseilfähre ge-nehmigte und auch die Auflage des Wasserbauamtes Köln noch immer Bestand hatte, wurde 1946 der Firma Hilgers AG in Rheinbrohl der Auftrag zum Bau einer neuen Fähre erteilt. Der eigentliche Bau konnte aber erst im Winter 1947 in Angriff genommen werden. Die Planungen sahen vor, eine Grundseilfähre am Querseil bauen zu lassen, die später erweitert und zu einer freifahrenden Fähre umgebaut werden konnte.

Als Grundlage dienten vermutlich die Pläne der ersten Querseilfähre (1926 - 1937), wobei sicherlich auch die gewonnenen Erfahrungen mit der Motorfähre „Franziska“ mit in die Planungen der neuen Fähre eingeflossen sind.

Nachfolgend versuche ich nun darzustellen, wie sich die Fähre nach und nach entwickelt hat und ihr uns lange bekanntes Aussehen bekam.


Querseilfähre mit Schleppboot „Argo“ 

Die Auflage des Wasserbauamtes Köln, wie im vorigen Text angegeben, lautet wie folgt:

Mit Gründung der Fährgesellschaft 1920 und Übernahme des Pachtvertrags, wurde auch dem neuen Pächter, der Linz Kripp GmbH, genauso wie dem vorhergehenden Pächter Albert Dörries, durch die Wasserstraßendirektion Köln die Anschaffung einer freifahrenden Fähre zur Auflage gemacht. Diese willkürlich klingende Auflage war deshalb nötig geworden, da die Schifffahrt auf dem Rhein seit den 1920 er Jahren immer weiter zunahm und eine Gierseilfähre eine Behinderung des Längsverkehrs darstellte, da das an der Ahrmündung verankerte Längsseil, an dem die Gierseilfähre befestigt war, den gesamten Rhein absperrte, wenn die Fähre in Linz an der Anlegestelle lag oder sich auf dem Weg von / dorthin befand. Eine Überfahrt dauerte im Schnitt eine viertel Stunde.


Zeitraum 1948 – 1949


                                                                                                                                    Quelle:Werftplan Hilgers AG

Die neue Fähre (beschrieben von Walter Fuchs)

"Das Schiff selbst ist 22m lang und 8m breit, mit einer nutzbaren Fahrfläche von 7m, sodass mit Leichtigkeit 2 schwere Lastzüge nebeneinander Platz haben. Die Anfahrten und das Abfahren geschieht auf den beiden Kopfenden, die je mit einer Klappe, die herunter gelassen werden kann, die Verbindung mit den Auffahrtrampen herstellen. Diese Einrichtung der Querseilfähre ist aber nicht die endgültige Lösung. Noch im Laufe dieses Jahres erfolgt auf der Talseite der Fähre ein bereits fertiggestellter Anbau zur Aufnahme eines Motors von 100PS und einer Ruderanlage, sodass nach Fertigstellung dieses Anbaus die Fähre am vorhandenen Querseil mit Motorantrieb und infolge dessen schneller fahren kann. Der gleiche Anbau wird dann später auf der Bergseite erfolgen und nach Fertigstellung dieses zweiten Anbaus wird dann aus der jetzigen Gierseilfähre eine freifahrende Fähre entstanden sein."

Am 7. Juli 1948 wurde das neue Fährschiff, das keinerlei Namensbezeichnung trug, nach der kirchlichen Weihe durch Dechant Schütz aus Linz in Dienst gestellt. Doch war der neuen Fähre das Glück nicht Hold: Nach nur vier Tagen riss das Querseil ! Die Fährverbindung war wiederum unterbrochen. Es gab keine andere Möglichkeit, als die Fähre seitlich zu schleppen. Hierfür vermiet-ete Bootseigner Kickel aus Bad Honnef sein Boot „Argo" an die Fährgesell-schaft. Vom 27. Juli 1948 bis 25. Januar 1949 war die „Argo" der Nothelfer.“

Walter Fuchs war Stadtbaurat der Stadt Linz und Geschaftsfuhrer der Fahrgesellschaft Linz Kripp GmbH

Zeitraum 1949 – 1950


                                                                                                                                   Foto: Stadtarchiv Linz BA 780

Am 1. April 1949 nahm die erste eigene Motorfähre der Fährgesellschaft mit seitlichen Pferdestärken ihren Betrieb auf. Zu diesem Zeitpunkt trug das Fährschiff noch keinen Namen. Gut auf den Bildern zu erkennen - der 1. geplante Umbau ist erfolgt:
"Noch im Laufe dieses Jahres erfolgt auf der Talseite der Fähre ein bereits fertiggestellter Anbau zur Aufnahme eines Motors von 100PS und einer Ruderanlage ......" so beschrieben von Walter Fuchs in seiner Rede zur Einweihung der neuen Querseilfähre.

Zeitraum 1950 – 1951

Zwischen dem 8. April 1950 und dem 23. März 1951 erfolgte dann der nächste Umbau in Richtung zur freifahrenden Fähre. Der gleiche Anbau wird dann später auf der Bergseite erfolgen und nach Fertigstellung dieses zweiten An- aus wird dann aus der jetzigen Gierseilfähre eine freifahrende Fähre entstanden sein." so Walter Fuchs in seiner Rede zur Einweihung der neuen Querseilfähre.



Foto aus dem Album von Manfred Geyer. Die Fähre „Linz-Bad Kripp“ im Sommer 1950 an der Fährrampe in Kripp


Foto aus dem Album von Manfred Geyer. Es zeigt Geschäftsführer Hill an Deck der „Linz-Bad Kripp“

Zeitraum 1951 – 1953

Am 23. Marz 1951 (Karfreitag) präsentierte sich den Linzer und den Kripper Bürgern eine modernisierte Fähre mit dem Namen „Linz-Bad Kripp". Auffällig-stes Merkmal der modernisierten Fähre waren die überlangen Ladeklappen von 5.50m. Dadurch wurde das Auf- und Abfahren auf die Fähre deutlich bequemer. Ausgeführt wurden die Arbeiten auf der Schiffswerft C. Ruthof, Mainz-Castel.



Foto aus dem Album von Manfred Geyer


Foto aus dem Album von Manfred Geyer

Auf dem Foto der „Linz-Bad Kripp“ auf der vorigen Seite kann man hinten die Motorfähre „Zons“ sehen. Sie liegt vor dem Ufer von Kripp vor Anker. Sie wurde erworben von der Fährgesellschaft am 27. Oktober 1952.

Der Umbau zum Fährschiff „Finte“ erfolgte in der Zeit vom 29. August bis zum 29. Dezember 1953


Foto aus dem Album von Manfred Geyer.

Ende 1952/Anfang 1953 wurde ein weiterer Umbau der Fährklappen, eine Verlängerung auf 7.50m durchgeführt. In einem Schreiben der Fährgesellschaft an den Bürgermeister der Stadt Linz vom 22.Januar 1953 wird die Großfähre „nach ihrem letzten Umbau“ mit einer Länge von 38m angegeben.


Zeitraum 1953 – 1961

Ende der 1950er Jahre wurde das ewig verschleißende Holzdeck gegen ein Deck aus Stahl getauscht, das genaue Umbaujahr ist aber nicht mehr bekannt. Als 1959 die Planungen für den Fährenneubau „St. Johannes“ begannen, traf die Fährgesellschaft die Entscheidung, das Fährschiff „Linz-Bad Kripp“ in „St. Martin“ umzubenennen

Ansichtskarte 60 Jahre Cramers, Kunstanstalt KG, Dortmund

Zeitraum 1961 – 1971

Nach 23 Jahren Übersetzverkehr zwischen Linz und Kripp nahm „St. Martin“ Anfang Juni 1971 Abschied von seinem bisherigen Einsatzort. Das Fährschiff, welches durch den weiteren Fährschiffneubau, die „Stadt Linz“ abgelöst wurde, wurde an den Holländer W. H. Martens in Huissen bei Arnheim verkauft.


Was geschah mit der St.Martin nach 1971?

Ab 06.1971 wurde die nun „Looveer 2“ getaufte Fähre von W. H. Martens / Huissen (NL) als Ersatzfähre und zum vermieten an verschiedenen Fährstellen in Holland eingesetzt. 1986, als die neue Längsseilfähre "Pierre“ (I) nach Huissen kam, wurde die "Looveer 2“ abgelöst und an einen Kunden in Portugal verkauft. Dort soll die "Looveer 2“ noch bis vor wenigen Jahren im Einsatz gewesen sein, wie der Kunde Herrn Eggenhuizen, einem früheren der Firma Looveer Huissen B.V. während eines Telefonats berichtete.
Leider lies sich nicht herausbekommen, an welcher Fährstelle in Portugal die "Looveer 2“ eingesetzt wurde und ob sie als reguläre Fähre oder als Arbeitsschiff im Dienst stand. Ein möglicher Einsatzort könnte bei "Varzea do Douro" gewesen sein. Dieser Ortsname kam Herr Eggenhuizen auch irgendwie bekannt vor, aber woher konnte er leider nicht mehr sagen.


Besatzungszeit 1918-1923 

weis/funk Juli 2012

In Ergänzung an unseren Besatzungsbericht über die Zeit von Dez. 1919 bis 1923 in den Ausgaben Nr. 26-28/12 reichen wir zur damaligen Lebenssituation Auszüge der nunmehr noch aufgefundenen Archivalien in Alabama und Kalifornien nach, die das Ortsgeschehen in Kripp während der Besatzungszeit aus archivierten Tagebüchern durch Zeitzeugen noch präziser erhellen. Seien es die chronologisch angefertigten Listen von Standorten der als erster in Kripp eingesetzten Rainbow-Division, beginnend bei den Vorbereitungen des Kriegseintrittes in Liverpool (England) am 20. Nov.1917, 21. Nov. 1918 mit dem Grenzübertritt in Belgien, 23.Nov. 1918 Luxemburg, sowie das Erreichen der deutschen Grenze am 3. Dez. 1918 bis zum Eintreffen am 16. Dez.1918 in Löhndorf, wo wegen geringer Quartiere die vorbereitende Verlegung nach Kripp am 20. Dez. 1918 erfolgte. Eine Vorausabteilung an US-Quartiermachern hatte bereits schon am 6. Dez. Kripp in Beschlag genommen. Dabei wurden für einen eventuell eintretenden Ernstfall zur schnellen und wirkungsvollen Verteidigung die Verlegungen der Besatzungstruppen im Kreisgebiet nach logistischen und strategischen Gesichtspunkten einzelner Waffengattungen vorgenommen.

Ein weiteres in Kripp geführtes Tagebuch des amerikanischen Soldaten Edward Inman, Hornist der Rainbow-Division, beschreibt auf 15 Seiten seine Erlebnisse in Kripp bis zu seiner Ablösung durch die Observationsgruppe zum April 1919. Voller Begeisterung schreibt dieser über den in Kripp vorhandenen baulichen Luxus seines zugewiesenen Quartieres.
So schilderte er unter „Freitag, den 20. Dez.1918 ….die Einquartierungen sind schon vorgenommen. Die meisten von uns werden in einem großen Schloss einquartiert, während der Rest des Bataillons in den Häusern einquartiert wird. Das Schloss ist bislang noch nie vom Militär besetzt worden und wurde 1914 zu Beginn des Krieges erbaut. Es trägt den NamenBethelm“...( )...„ Es ist ein modernes Gebäude, mit fließendem Wasser in einigen Zimmern. Es gibt dort Bäder, Toiletten, heizbare Öfen und ein großes Solarium, ein Babybett aus Stahl mit Federn , alles wird uns zur Verfügung gestellt. Elf von uns, Corporal Herr und Caldwell, Pvts. Hanby Meiser, Sauer, Jones, Kirsch, Humphries, Childs, McKale und ich selbst besetzen einen Raum in der zweiten Etage, es gibt dort 3 Etagen. In einer Ecke steht eine große Porzellan Waschschüssel für kaltes und warmes Wasser. Neben unserem Zimmer gibt es noch einen kleineren Raum, der besetzt wird mit Corporal Holbrook, Mechaniker May und Frederek, Pvts. Anderson, Johnson, Knox und Ryan. Von unseren Fenstern aus können wir den Rhein in 500m Entfernung sehen. Er windet sich in Krümmungen zwischen den gegenüberliegenden Hügeln.“



Neil Bruntrager who originally posted the pictures. His grandfather was in the veterinary corps and stationed at Kripp 

Gemeint ist hier die ehemalige riesige Sommerferienvilla der Großkaufmannsfamilie Hettlage, heutiges Bürogebäude der Firma VITO-Irmen Gmbh in der Mittelstrasse 74, damals unter dem Namen „Haus Bethlehem“ für jeden im Ort ein Begriff.
Des weiteren ist er am ersten Tag seiner Ankunft über die hier herrschende Armut und über das damalige schlechte Schuhwerk der hiesigen Kinder entsetzt, was ihn zu dieser sofortigen Tagebucheintrag veranlasste: „..bei den spielenden Kinder habe ich alle Arten von Schuhwerk gesehen. Jungen und Mädchen im Alter von 8-10 Jahren tragen die Schuhe der Mutter oder des Vaters. Alte, abgenutzte mit schweren dicken Sohlen aus Holz mit Oberteil aus Leder. Schuhe von ihren älteren Brüder und Schwestern, unpaarige Schuhe vielleicht von demselben Fuß, die Fersen meist abgenutzt“.
Schockiert über die Feststellung, dass die Kripper wegen der für den Kriegseinsatz fehlenden Pferde Ochsen, Kuh und Maultier als Zugtiere für die Feldarbeit benutzten, notierte er am selben Tag: „Sogar ein Pferd, welches mit einer Kuh zusammen auf dem Feld arbeitet. Nie haben wir 2 Pferde in Tandem gesehen, ein Zeichen, dass Pferde hier selten sind“. 1)
Nach Meinung der Besatzer wurden sie von der hiesigen Bevölkerung höflich und mit offenem Herzen empfangen. „Die Freundlichkeit und Unbeschwertheit traf uns im heiklen Gegenteil zu dem Verhalten der Franzosen, die immer Angst hatten, wir würden ihnen etwas wegnehmen“. 2) Den Zeilen des Tagebuches ist zu entnehmen, dass sich die Dorfbewohner mit ihren Besatzern engagierten, indem sie unter anderem Sonntags auf dem Dorfplatz musizierten. Aufgrund des an und für sich guten Miteinanders reagierten die Kripper jedoch arg verärgert auf eine in kriegsmäßiger Schlachtordnung der Infanterie und Artillerie nicht angekündigter Scheinattacke der Besatzer vom Reisberg aus über die Felder bis zum Kripper Flussufer, was eine sofortige Einstellung der anfänglich gegebenen Sonntagskonzerte der Kripper Musiker mit ihrer Kapelle auf dem Dorfplatz nach sich zog. “Der Deutsche wusste nicht, was los war, die Hände ringend weinten die Frauen und die alten Leute hatten Angst“.
Ein heiterer Kommentar im Tagebuch eines Besatzungssoldaten über eine Hochzeit in Kripp, wobei die Braut der damaligen Mode entsprechend die Modefarbe schwarz trug, sei noch angemerkt und gibt Anlass zum schmunzeln. Dem Eintrag entsprechend konnte man: „... hier eine Beerdigung sehr schwer von einer Hochzeit unterscheiden. Natürlich fehlte der Sarg, aber die Leute tragen alle schwarze Kleidung“. Ansonsten waren alle etwas unbekümmerter als sonst und man konnte frei Kaffee trinken. Nach der Hochzeit wurde dann ausgiebig getrunken3)
In der Nacht zum 18. März 1919 kam es in Kripp zwischen zwei amerikanischen Besatzungssoldaten zu Rivalitäten wegen einer älteren rothaarigen Kriegerwitwe, bei der ein Soldat niedergeschossen wurde und im Ambulanzwagen auf dem Weg nach Ahrweiler verstarb. Der vom Wachpersonal gefangen genommene Kontrahent wurde zur Ableistung einer 15jährigen Zuchthausstrafe nach Fort Leavensworth (Kansas) verschubt. 4)
Der Sold der Besatzungssoldaten wurde in Mark ausgezahlt, wobei der damalige Wert von 24 Cent vor dem Krieg nun nur noch 8 Cent entsprach. Auf Grund der mangelnden Ernährungslage bestand für die Truppen das Verbot, jegliche Art von Lebensmittel von der Ortsbevölkerung zu kaufen.

Neil Bruntrager who originally posted the pictures. His grandfather was in the veterinary corps and stationed at Kripp 

Fast ein über den anderen Tag fanden zur Unterhaltung der Dorfbewohner und zur Vorbeugung gegen die Langeweile der Soldaten auf dem Dorfplatz Veranstaltungen statt, angefangen von Box- und Ringkämpfen und Platzkonzerte verschiedener Regimentskapellen sowie Filmvorführungen, wozu zur Stromerzeugung eigens ein spezieller Lastwagen herangeschafft wurde, weil Kripp noch nicht über ein eigenes Stromnetz verfügte. Sonntags fanden auf dem Dorfplatz vor der Kirche für die Truppenmitglieder Gottesdienste statt, wobei am 15. Januar 1919 der New Yorker Bischof eine Predigt hielt.
Von den anfänglichen 2.500 eigenen Pferde der Besatzer kamen Anfang März 1919 Unmengen von Pferden zur Sammelstelle Kripp hinzu. Sie stammten von Divisionen, die ihre Heimreise antraten. Hier wurden die über 25.000 auf den Auen des Ahrmündungsgebietes von Kripp bis hinter Sinzig weidenden Pferde und Mio`s (hochbeiniger Bastard von Eselhengst und Pferdestute) hygienisch zum Verkauf, teilweise an die luxemburgische und belgische Regierung, Kripper Kleinbauern oder andere Interessenten, vorbereitet. Dabei wurden die Pferde und Esel am westlichen Dorfausgang in einer Art Schleuse von Läusen befreit. Hierfür standen eigens große Bottiche voll mit einem Insektizid präpariertem Wasser bereit, indem die Tiere über eine Rutsche komplett in den Bottich fielen und kurzfristig abtauchend bis an das andere Ende schwammen. Um nicht zu entfliehen, waren die Bottiche seitlich eingezäunt. 5) Wegen der akuten Gefahr der Überweidung wurden täglich die unzähligen aufgestellten Futterkrippen mit Unmengen an gepresstem Heu aufgefüllt.
Am 16. März 1919 fand in der Kripper Flur eine große Parade zu Ehren des in Trier stationierten Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, der sogenannten „American Expedetionary Force“, General J.John Pershing, statt, wobei der unter dem Nikname „Black Jack“ genannte General die Parade auf einem weißen Schecken reitend abnahm, während insgesamt 11 Musikeinheiten zu diesem Ereignis ununterbrochen spielten. Eigens für diese Parade hatten sich einige kleine Gruppen von Zivilisten eingefunden6)

Unzählige aufgestellte Futterkrippen sollten einer Überweidung vorbeugen. Laut Tagebucheintragung des Kripper Gottfried Valentin war jedoch, wie auf dem Foto oben, wegen Überweidung auf den Ahrwiesen kein Grashälmchen mehr zu sehen.

Am 5. April erging für die ersten Kripper Besatzer der Marschbefehl in Richtung Heimat. “Wir gingen um 08.30 h singend durch Kripp, die meisten Bewohner stehen an den engen Straßen , um uns zu verabschieden, und viele Kripper haben Tränen in den Augen. Wir gehen über Felder, wo die Ahr in den Rhein mündet, Richtung Sinzig. Dort stehen die Trucks bereit, um uns nach Brest (Atlantikhafen) zu bringen, zu unserem Schiff“ 7) Sie wurden durch die Truppen der Ivy-Division abgelöst.
Ab 2.Mai 1919 löste General Liggett den bisherigen General Theodore Dickmann ab, der in die USA zurückkehrte und delegierte Brigadier Genral Malin Craig als „Chief of Staff“ und Colonel Fouler als Chef der Luftwaffe. In Kripp stationierte sich die 4th Corps Observations Group, und sie hatte die 85the Aero Squadron zur Unterstützung. 8)
Ein anfängliches Fraternisierungsverbot erlaubte es den Besatzern nach den Armeeregeln nicht, mit den Deutschen Verbindungen aufzubauen. Bei gleichen Regularien war es den Deutschen verboten, nächtliche Treffen abzuhalten, egal welcher Art. Mehr als drei Deutsche zusammen war verboten
.
Ab September lockerten die Besatzer dann das Fraternisierungsverbot. Von nun an war der Umgang der stationierten US-Truppen mit den Deutschen erlaubt, was in den besetzten Gebieten über 600 unterhaltsberechtigte Ehefrauen mit annähernd 250 Kindern zur Folge hatte. Zur Prävention einer „militärischen Germanisierung“ beabsichtigte man Hochzeiten mit deutschen Frauen zu limitieren. Nach einer Ablehnung durch das Kriegsministerium entstand zur Limitierung und Anerkennung dieser Ehen eine neue Regelung, wenn die charakterliche Eigenschaft des Soldaten „sehr gut bis exzellent“ war. Nach dieser Regelung kamen 1920 36% Besatzungskinder in den Genuss eines legalen amerikanischen Vaters und 1921 sogar 41 %, deren Schiffspassagen nach Übersee inklusive der Reisekosten der deutschen Ehefrauen von der Regierung übernommen wurden. 9) Nach dem Lockern des Fraternisierungsverbotes war es den Soldaten sogar erlaubt, zwischen 11.00-14.00 sowie 17.00 bis 19.00 Uhr Wein und Bier zu kaufen. Des weiteren wurde die Verfügung, Cafés und Restaurants bis 21.00 h zu verlassen ab 1920 etwas gelockert. Der Ankauf von hochprozentigem Alkohol blieb jedoch bei Strafe verboten. 

Quellen:
1+2) Tagebuch des US-Besatzungssoldaten Edward Inman, Einträge vom 20.12.1918
3-7) dto, Einträge vom 16.3.-5.4.1919
8) „The US Service into Great War / 1917-1918 by James J. Cooke
9) „The Doughboy Watch on the Rhine“ by Alexander F. Barnes


Die Schwedenschanze in Kripp 1632

weis/funk 2011

Schwedische Militäraktionen während des „ Dreißigjährigen Krieges“ im hiesigen Bereich. 

Seinen eigentlichen Anfang nahm der „Dreißigjährige Krieg“ (1618-1648) durch die Erhebung der böhmischen Stände gegen die Herrscher der Habsburger mit dem legendären „Prager Fenstersturz“, der als Signal zum Widerstand gegen die Rekatholisierung am 23.5.1618 überregional entbrannte und sich durch die Einmischung außerdeutschen Staaten um die Hegemonie zwischen den Mächten Europas zum europäischen Krieg entfachte. Die militärischen Auswirkungen dieses Religionskrieges der hinter den Glaubensgegensätzen verborgener Machtinteressen der „Katholischen Liga“ und der „Protestantischen Union“, die die kirchliche Einheit des Heiligen Römischen Reiches spaltete, erreichten die Rheinlande um 1632.
So geriet unser Gebiet in die Wirrnisse eines wütenden nicht endenden Glaubenskrieges mit der Einnahme der gegenüberliegenden Stadt Linz am 30.10.1632 durch die Soldatesken des verwegenen Schwedengenerals Wolff Henrich Baudissin, der nach herkömmlicher unbekümmerter und brutaler Landsknechtsart die Protestantische Union vertrat. Mit dieser Eroberung und dortiger Verlegung seines Hauptquartiers schaffte er von Linz aus einen Ausgangspunkt für seine geplanten linksrheinischen Eroberungszüge zur Versorgnung seiner Truppen
 
                                                                                                                                     

Zur Sicherung der dortigen Rheinüberfahrt ließ Baudissin auf dem heutigen Kripper Gebiet im Fährbereich, wo sich ehemals im Burgundischen Krieg 1475 das Bollwerk befand, eine starke Schanze errichten, um von hier aus mit Feuer und Schwert brandschatzend und plündernd das Ahrtal heimzusuchen und in die linksrheinischen rheinanliegenden Orte einzufallen, die Feldmarschall Pappenheim durch Abzug seiner Truppen für den Beistand Wallensteins in der Schlacht bei Lützen dem schwedischen Feind schutzlos preisgegeben hatte

Eine geplante Zerstörung dieser hier vorhandenen Schwedenschanze durch eine Abteilung von annähernd 300 „Kurfürstlich cölnischer“ Soldaten konnte vereitelt werden. „Damit nun die Schanze gegen etwaige erneute Angriffe auch stark genug wäre, ließ Baudissin dieselbe nicht allein bedeutend verstärken, sondern belagerte auch mit 6 Geschütze Andernach, welches nach kurzer Gegenwehr in der Nacht vom 16. zum 17. November erlag. Alles was mit Waffen in der Hand angetroffen wurde, wurde niedergehauen, die Stadt den Soldaten preisgegeben und ausgeplündert“. 1)

Obwohl der für unser Gebiet herrschende Herzog Wolfgang Wilhelm
zur Schonung seiner Untertanen strengste wehrlose Neutralität dokumentierte, konnte er einen Einfall schwedischer Truppen in sein Territorium nicht verhindern. 

Entgegen der schriftlichen Schutzgewährung Baudissins, der als Generalleutnant des kurz vorher bei der Schlacht von Tilsit gefallenen Schwedenkönigs Gustav Adolf II. und Kommandant der niederrheinischen Kreisarmee die Ämter Remagen, Sinzig, Oberwinter mit samt den dazugehörenden Dörfern durch die„Salveguardia" (Schutzbrief) schriftlichen Schutz garantierte, kam es jedoch durch seine marodierende Truppenabteilungen anders wie Archivunterlagen belegen. 

„Des durchlauchtigsten Grossmechtigsten Fürsten und Herren, Herren Gustavi Adolphi, der Schweden, Gotthen vnd Wenden König, Grossfürsten in Finland, Hertzogen zu Ehsten vnd Carelen, Herrn vber Ingermannland, bestellter General: Lientenant vber dero Kön. May.Cavallrie vnd Commandant bey dero Niederrheinischen Craises Armée, Ich Wolff Henrich von Baudissin fuge hiemit zu wissen vndt thue kundt gegen meniglich, dass Ich die Embter Sintzig, Remagen vnd Oberwinteren sampt deroselbigen angehörigen Doerfferen vnd allen Adpertinentien, in sonderbahre Ihrer Kön.May. zu Schweden, meines gnedigsten Herren, Schutz vnd Protection genohmen vnd daruber diese schrifftliche Salveguardie ertheilt habe. Glangt hierauff an Alle vnd Jede der Königlichen Schwedischen Armée hohe vnd niedere Officirer, wie auch insgemein alle Soldaten zu Ross vnd Fuess, mein ernster scharffer Befelch, dass sie obermeldte Embter Sintzig, Remagen vund Oberwinteren sampt allen angehörigen Doerfferen vnd allen andern Adpertinentien vnd Zugehorungen an Menschen Viehe vnd Gütteren, beweglich vnd vnbeweglichen, wie die seyn vnd Namen haben mögen, nichts davon ausgenommen, frey vnd unmoglestirt, vund mit eigenwilligen Einquartierungen, Geldexactionen, Plünderung Viehraubung vnd dergleichen, allerdings vnbeschwerdt vnd verschont bleiben lassen, vnd diese Salveguardie gepürlich respectiren, auch deroselben Copeyen in obspecificirten Embtern, gleich dem Original selbsten achten vnd halten wollen, hieran vollbringen sie meinen ernstlichen schrffen Befelch, bey vnauspleiblicher hoher Straff, warnacher sich ein Jeder zu richtn vnd für Schaden zu hueten wissen wird.
Signatum Lintz, den 4./14. Novembris aô 1632. W.Baudissin“ 2)


Unten rechts im obigen Bild: Die angelegte Schwedenschanze auf unserem Territorium (Rekonstruktionszeichnung des Verfassers nach Vorlage eines Flugblattausschnittes, Kupferstich 31 x 39 cm anno 1633, Inventar Nr: 13815, LA für Denkmalpflege Rhld.-Pfalz)
Infolge wechselnder militärischer Herrschaftsverhältnisse in unserem Gebiet, die manchmal nur tageweise andauerten, wurde unser Terrain von Soldatesken verschiedenster Uniformen, angefangen von den Kaiserlichen, Schweden, Ligisten, Spanier, Franzosen bis hin zu den Holländern durchstreift. So wurde Remagen 1633 von Spaniern unter Ernst von Isenburg den Schweden abgenommen.


 
Ein Intermezzo von kurzer Dauer, da es einen Monat danach unter blutigsten Umständen wieder in die Hände der Schweden gelangte, wobei 106 Häuser und der Kirchturm in Brand gerieten und die Spanier niedergemacht wurden. 3) Oder 1642, als Remagen von Hessisch- Weimarischen eingenommen wurde, „wogegen Melander, der neuankommende kurcölnische General, im Dezember 1645 das Städtchen, worin Neuburgische Besatzung sich befand, petardiren ließ und seine Soldaten 300 einlegte“. 4) 
Nach dem Ende des 30jährigen Krieges durch den Westfälischen Frieden (1648) wurde in Kripp zur Erinnerung an diese Schwedenschanze die ehemalige Flurbezeichnung „Am Bollwerk“ aus der Zeit des Burgundischen Krieges 1475 durch die neue Flurbezeichnung „Auf der Schanz“ (vnder der Schanzen 1670, an der Schanzen 1781) abgelöst5) Heute erinnert die Straßenbezeichnung „Auf der Schanze“ an den Bereich des einstigen wehrhaften militärischen Bauwerkes.


Quellen:
1) Wilhelm J. Langen, Remagen 1705, „Remagen in den Kriegen des Mittelalters bis nach dem spanischen Erbfolgekrieg“, Remagen 1907. S.13-14. 2) wie 1, S.15ff. 3) Klaus Flink, Remagen 1977, „Zur Geschichte des Raumes Remagen“ Heft 1, S.17. 4) Stramberg, Rheinischer Antiquarius, Bd.II.,S. 157, desgl. Dr. Dr. Carl Müller, Schwedische Soldaten am Mittelrhein und im Ahrtal von 1632- 1635. In: Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 1962, S.131ff., desgl. Bruno Zeitz, „Schweden am Mittelrhein ab 1632, In: Heimatjahrbuch Neuwied 1996. 5) Wilhelm J. Langen, „Die Flurnamen von Remagen“, Remagen 1925, Flur 6, S.17-18.