Kripper Glockengeschichte

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Ein geschichtlicher Rückblick der Kripper Glocken in einer Zeitspanne von über 163 Jahren.

Der im November 2005 vorgenommene Glockenwechsel des nach 83 Jahren Läutebetriebes ausgedienten Kripper Stahlglockenensemble in der Glockenstube der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk zu Kripp ist vollzogen.
Dieses besondere Ereignis stellt heutzutage für die gläubigen Kripper kein Weltuntergang mehr wie in früheren Zeiten dar, als das religiöse Leben der Kripper Landbevölkerung allumfassend war und das Glockenläuten für sie das hörbare Zeichen zum Gebetsaufruf sowie des Arbeitsbeginn- und Ende darstellte, Freud und Leid verkündeten oder Menschen bei Brand, Unwetter und Gefahren warnten. Waren die Glocken doch in der Kripper Dorfgemeinschaft ein nicht mehr wegzudenkender Orientierungspunkt.




Erster Glockennachweis 1832.


Der erste Nachweis des Vorhandenseins einer Glocke in der altehrwürdigen Kapelle zu Kripp, dem heutigen Wohnhaus Rübbert in der Quellenstraße 34, ergibt sich aus einem Eintrag im Kirchenrechnungsbuch vom 29. Juli 1832 über „16 Silbergroschen dem Joh. Tempel und Henr. Lütchen für Arbeit an der Glocke bezahlt".
Des Weiteren erscheinen nachfolgend Eintragungen vom 21.5.1838 über „7 Sgr, 6 Gro, Briefporto für den Glockengießer“, vom 6.6.1838 „ 4 Sgr. für den Arm an der Glocke zu befestigen“, vom 15.8.1841, „3 Sgr, 6 Gr. Christoph Breuer für Reparatur und Anbringung eines Glockenseiles“ und am 6.1.1842 über „ 3 Sgr. für die Reparatur eines Glockenseils“ im Manual für die Kapelle zu Kripp von 1834- 1874.
Da es sich von der Höhe der Forderung her lediglich nur um eine Reparaturrechnung gehandelt haben kann, ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich bereits schon vor dieser Zeit eine Glocke in der Kripper Kapelle, Johannessaal genannt, befand.

Anno 1843 dürfte während einer erfolgten umfangreichen Kapellenreparatur das Glockengebälk wegen der bevor stehenden Aufnahme einer zweiten und dritten Glocke vermutlich verstärkt worden sein. Am 19. Mai 1844 gelangten 2 Glocken der renommierten Sieglarer Glockengießerei Claren mittels Pferdegespann nach Kripp. Für die Abholung der Glocken von Bonn nach Kripp wurde einem gewissen „Laurens Breuer 27 Silbergroschen als Frachtlohn“ gezahlt.
Dieser Glockenkauf erfolgte auf Ratenzahlung, denn 1859 war nach 15 Jahren noch ein finanzieller Rückstand der Glocken laut Kirchenrechnungsbuch auszugleichen.

Die aus Köln stammende traditionsreiche Glockengießerfamilie hatte den Ruf der guten Herstellung von musikalisch hervorragenden Geläuten durch generationsweiser Übertragung des Geheimnisses des Glockengusses in der eigenen Familie.
Der Guss der 2 Kripper Glocken erfolgte in einem 6x 10 m ehemaligen großen Gebäude in der heutigen Rathausstraße in Sieglar, auf dem jetzigen Krankenhausgelände, wo ein holzbeschickter Gießofen das Rohmaterial von Kupfer und Zinn zur Herstellung der Glockenspeise verflüssigte um die Hohlräume der mit Pferdemist gebundenen lehmigen Glockenform in einer dortigen Glockengrube auszufüllen. (Matth. Dederichs, Troisdorf)

Das kleine in der Kripper Kapelle eingebrachte bronzene Dreiergeläut von jeweils 13, 17 und 24 Zentnern befand sich oberhalb der Decke der Apsis und dürfte zur damaliger Zeit der ganze Stolz der Kripper Gläubigen gewesen sein, da die Ausstattung ihrer kleinen Kapelle von den hiesigen Gläubigen mit Sach- und Geldspenden ausgestattet wurde, um die wirtschaftliche Sicherheit der kleinen Religionsgemeinde zu gewährleisten.

Der Austritt des Klangvolumens des vorhandenen Bronzegeläutes erfolgte über Öffnungen des über dem Chor vorhandenen schalloffenen achteckigen Dachreiters mit Schweifhaube und verlief störungsfrei bis 1867, nachdem infolge zweier in der Mitte durchgefaulter Balken des Balkenlagers unter dem Glockenturm während einer sonntäglichen Messfeier die Decke über dem Altarraum um 4 Zoll absackte und sich der zelebrierende Geistliche genötigt sah, den Glockenstuhl mittels Leiter selbst augenscheinlich zu inspizieren. Auf Grund des lebensbedrohlich bezeichneten Bauzustandes erfolgten die Sicherungsarbeiten am Glockengebälk ohne mindesten Aufschub mit Untersagung des Glockenläutens. Nach erfolgter Sanierung läuteten die Glocken noch 35 Jahre störungsfrei.

Umzug der alten Glocken in die neue Kirche.

1902 wurden 2 Glocken des ehemaligen Bronzegeläutes aus dem ausgeweithen Johannessaals in luftiger Höhe der Glockenstube des quadratischen Turmkörpers der neu errichteten katholischen Kirche, der südöstlich neben dem Chorraum außerhalb des kirchlichen Hauptkörpers integriert und mit einem schlank aufsteigendem achtseitigen schieferbedeckten Spitzhelm bekrönt ist, übernommen.
Über den Verbleib der dritten Glocke liegen uns derzeit keine gesicherten Erkenntnisse vor. Angeblich war sie durch den täglichen Gebrauch rissig geworden.


                                     Uhrwerk Kripper Kirche                                                                                          Foto: Willy Weis

1911 erfolgte auf Initiative des damaligen Kripper Bürgervereins der Einbau einer Kirchenuhr, deren Zeigerachsen sich in 28 m Höhe mittig in den rechteckigen Zifferblättern der 4 betürmten Gaupen im unteren Turmkranz befinden und durch ein mechanisches Uhrwerk der Firma J.F. Wenle aus Bakenheim bis zum Einbau eines vollautomatischen elektrischen Uhrwerk in 1975 gedreht wurden.
Fast unmerklich für viele Kripper Bürger begleitete von nun an der viertelstündliche Glockenschlag der Kirchenuhr den Tageszeitablauf.

Zum Leidwesen der Kripper Gläubigen wurden beide Bronzeglocken nach 73 jährigen Läutedienst im 1. Weltkriege infolge der staatlichen Metallmobilmachung zur Einschmelzung für Kriegsgüter 1917 requiriert und aus dem Turm geholt. Für die religiös verwurzelte Landbevölkerung glich der fehlende Glockenklang beinahe einem Weltuntergang.
Hierzu notierte der Kripper G. Valentin in seinem Tagebuch traurig und resignierend: "1917 ist die (mit 28 Mann zu läutende) Kaiserglocke aus dem Kölner Dom in Stücke geschnitten und heruntergeholt worden. Ein Kunstwerk von 504 Zent­ner; wer weiß, ob in 1000 Jahren nochmals so eine Glocke hergestellt wird. Nun hatten die Fanatiker doch Ruhe. Mit un­seren Kirchenglocken ist es ebenso ergangen.



Unser Herr Pastor hatte nichts eiligeres zu tun als ebenfalls die Glocken herunterholen zu lassen (weil nach Verordnung) und teilweise weil es kein harmonisches Geläut gewesen sein soll. Die anderen Geistlichen Herren aus der Umgebung hatten es nicht so eilig. Sie haben ihre Glocken noch alle. Was ist das für ein herrlicher Genuß, wenn man die Glocken läuten hört. Bloß wir sind die Dummen und hören nichts. Zu keiner Messe, zu keinem Hochamt, zu keinem Begräbnis, rundum zu nichts. Nur ein paar dumpfe Schläge auf ein Stück Blech (Kirchenuhr) dröhnen vom Turm der Kathedrale. Ist das nicht traurig, so lange ohne kirchliches Zeichen zu sein. Wer trägt nun die Schuld?".

Der Wunsch nach neuen Glocken.

Der ersehnte Wunsch der Hiesigen nach neuen Glocken lies nicht lange auf sich warten. Noch während der Besatzungszeit wurde ein Glockenfonds eingerichtet, wobei 800 Mark direkt infolge von Zinszuschreibungen in diesen Fonds aus den 1921 zum Kurs von 92 % veräußerten kirchlichen Kriegsanleihen einflossen. Der Rest von 300 Mark wurde dem Orgelfonds und 1000 Mark einem Reparaturfonds gutgeschrieben.
Erhebliche Summen zum Ausgleich des Glockenfonds erwirtschaftete man aus einem von der Pfarrei organisierten Glocken-Bazar, der nach Art einer amerikanischen Versteigerung abgehalten wurde und 140.000 Mark einbrachte.
Namhafte Kripper Geschäftsleute spendeten eigens dafür ansehnliche Gegenstände von erheblichen Wert wie Uhren, Möbelstücke, Steppdecken, etc.



Die dank der großen Opferbereitschaft der hiesigen Bevölkerung in Auftrag gegebenen neuen drei Gußstahlglocken im Klangton "E, Fis und Gis" von der Glockengießerei Schilling & Lattermann aus Apolda/ Thüringen erreichten 1922 Kripp und fanden nach einem feierlichen Umzug und Weihe Aufnahme in der hochgelegenen Glockenstube unseres Kirchturmes. Für die Kripper war es ein freudiges Ereignis, als wieder das Klangvolumen der Glocken als harmonisch klingende Stimmen des Ortes, sei es in Freud oder Leid, durch die vorhandenen Schalluken in alle Himmelsrichtungen drang und die Gläubigen zum Gebet rief.
Das angeforderte Material zum Bau des Glockenstuhls lieferte der Remagener Stadtwald mit 4 Eichenbalken von 20 x 22 cm , davon 2 Balken von 4,25 Meter Länge und 2 von 3,65 Meter Länge, sowie 5 Balken von 18 x 20 cm , davon 3 Balken von 4,25 Meter Länge und 3 von 3,65 Meter Länge.
Die Angelusglocke mit der Inschrift im äußeren Glockenrand "Maria mit dem Kinde lieb/ uns alle Deinen Segen gib - 1922" war mit 1,22 m Durchmesser und 744 kg Gewicht die kleinste Glocke. Als oberste Glocke im Glockenstuhl schlug sie mit Gis- Tonlage alle Viertelstunde.
Die mittlere Glocke (Fis) mit einem Durchmesser von 1,37 m und 1096 Gewicht hing mit der großen Glocke von 1,56 m Durchmesser und 1598 kg auf einer Ebene nebeneinander. Ihre Inschrift lautete "Heilig heilig Herr Gott Sabaoth - 1922" und auf der großen Glocke stand "Barmherzigkeit Friede und Liebe werde Euch allen in Fülle - Judas Thadäus". Die große Glocke (E- Tonlage) gab den Stundenschlag der Kirchenuhr an.



So erklang nach kriegsbedingter 5 jähriger akustischer Abstinenz nun ein dreistimmiges Glockengeläute vom Turm, das die Möglichkeiten des „Beierns“, ein traditionelles Festgeläute als Taktläuten nach genau festgelegten melodischen Rhythmus durch Anschlagen der Klöppel von Hand an die nicht schwingenden Glocken, das in früheren Zeiten zur Einstimmung an Fest- und Feiertagen üblich war, mittels einer im Turm befindlichen Hilfsglocke ermöglichte.
Die mit Seilen angebundenen Klöppel aller Glocken befanden sich dabei konstant einige Zentimeter vom Glockenrand und wurden von dem Beiermann, der diese an Armen und Beinen festgebundenen Seile im melodischen Rhythmus anstraffte, gegen den Glockenrand geschlagen. Dieses Festgeläut wurde alljährlich bei kirchlichen und weltlichen Festtagen am Spätnachmittag des Vortages bis annähernd des 2. WK durchgeführt. Anton Schumacher (1860-1936) fungierte lange in Kripp als Beiermann und bildete später den Nachwuchs in diesem speziellen musikalischen Fach aus.
Vom lokalen Humor zeugt der Glockenvers, der durch das Beiern eine Festtagsstimmung einläutete, der seit dem Kriegsende 1945 für die Kripper Ohren nicht mehr vernehmbar war. "Faul Fisch und Finte, ruch ens wat se stinke" oder "Spinategemöös und Limmesjenfleisch, Dat es de Remagener ihr Kirmesspeis, dat denk eis, dat denk eis"
Diese alte Tradition wird seit dem 2.WK in Kripp nicht mehr gepflegt.
Eine weitere Besonderheit stellte in Kripp eine zeitlang das spezielle Abläuten der Totenglocken vor Einbruch der Dunkelheit am Sterbetag dar.
Anhand des Glocken­spiels war zu erkennen, ob ein Mann, eine Frau oder ein Kind verstorben war. Bei einem Mann wurde mit der großen Glocke begonnen, dann wurden alle 3 Glocken zusammen geläutet und wieder mit der großen Glocke ausgeläutet. Bei ei­ner Frau wurde mit der mittleren begonnen, dann läuteten alle drei Glocken zusammen, und ausgeläutet wurde mit der mittleren Glocke. Bei einem Kind begann man mit der kleinen Glocke, dann wurde die mittlere dazugeläutet und wieder mit der kleinen Glocke ausgeläutet.

Bis zum Einbau des elektrischen Läutewerks 1975 versahen die Messdiener, außer beim Angelusläuten, den Läutedienst.


Glockennachwuchs.

Neben dem Klangvolumen der Glocken der Kath. Pfarrgemeinde gesellte sich nach dem Bau der Evangelischen Kirche in Kripp ab dem Reformationstag 1966 noch ein Glockenensemble von 3 Bronzeglocken hinzu. Die mit nachfolgenden Schriftbändern versehenen Bronzeglocken der Glockengießerei Rincker aus Sinn (Dillkreis) fanden in einem unaufdringlich nördlich vor dem eigentlichen Kirchenkörper stehenden 16 m hohen quadratischen Stahlbetonturm, dessen oberer Turmabschluß ein großes Kreuz bildet und die Ost- und Westwand als Schallaustritt wabenartig durchbrochen ist, ihre Aufnahme.
Die Glocke im Klangton "h" mit einen Durchmesser von 860 cm und einem Gewicht von 353 kg mit den Majukeln „ ERHALTE UNS HERR BEI DEINEM WORT + „(oben) und
„ KRIPP „ (unten) ist die größte.. Die mittlere Glocke mit Klangton "cis" hat 785 cm im Durchmesser und weist ein Gewicht von 274 kg auf. Sie trägt die Majukeln „ LASSET UNS WAHRHAFTIG SEIN IN DER LIEBE+ „ (oben) „ KRIPP „ (unten). Die kleinere Glocke im Klangton "e" mit ihrem Durchmesser von 650 cm wiegt mit den Majukeln „ GLAUBT IHR NICHT, SO BLEIBT IHR NICHT + „(oben) „ KRIPP „ (unten) nur 158 kg. Fast 39 Jahre läuteten diese Glocken in Eintracht und Harmonie neben den stählernen Glocken der kath. Pfarrgemeinde einher.

Glockenwechsel.

Im November 2005 fand im Kirchturm der kath. Pfarrkirche zu Kripp das historische Ereignis eines Glockenwechsels statt. Das bisherige harmonische gusseiserne Dreiergeläute, das annähernd 83 Jahre lang die katholischen Kripper Gläubigen zu allen Zeiten zum Gebet rief, stellte mit seinen altersbedingten Verschleißerscheinungen ein Sicherheitsrisiko dar und wurde aus dem Glockenturm entfernt. Nach erfolgter Umrüstung des Glockenstuhles fanden nun gebrauchte Bronzeglocken des bereits am 16.12.1960 in Saarbrücken geweihten Vierergeläutes der dortigen St. Paulus Pfarrei ab 9.11.2005 ihren Platz in unserer Kirche.
Das gebrauchte Glockenensemble, das wegen des bereits erfolgten Abrisses des dortigen Kirchenturmes wegen Betonschäden zum Verkauf stand, wurde von der hiesigen Katholischen Pfarrgemeinde erworben.

Gegossen wurden die Glocken „ZUR EHRE GOTTES IM JAHRE DES HERRN 1960 FÜR DIE KIRCHE ST. PAULUS SAARBRÜCKEN“ bei der Glockengießerei Mabillon in Saarburg. Dieser Schriftzug in Latein befindet sich auf jeder Glocke.

Die „CHRISTUS KÖNIG“ Glocke „cis“ ist mit 1930 kg und einem Durchmesser von 150 cm die größte Glocke, gefolgt von den Glocken „HL. APOSTEL PAULUS“ im Klangton „e“ mit 125 cm Durchmesser und 1200 kg, der 795 kg schweren „fis“ Glocke „MARIA KÖNIGIN,