Spielwelt

von:  Horst Krebs

 Die Spielwelt für uns kleinen Kripper war in den 50 er Jahren ein einzig Abenteuer. Da es nie einen zentralen öffentlichen Spielplatz gab, waren die Abenteuer im ganzen Ort verteilt. Das Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, und so waren unsere Spielezeiten vom frühen Nachmittag bis in den Abend und meist an den Schauplätzen der Natur. Der alte Schulhof in der Ortsmitte war der Platz, wo wir oft "verstecken spielen" spielten und stundenlang Klicker aus Ton oder Glas. Dazu machten wir ein kleines Loch in den Boden, und wer den letzten Klicker in das Loch brachte, dem gehörten alle Klicker, die im Loch lagen. Wenn ein Klicker auf dem Spielfeld einen anderen Klicker traf, dann waren beide "getitscht" und wurden ins Loch gelegt. Am wertvollsten waren natürlich die Glasklicker, vor allem die farbigen Dicken. Die Klicker konnten wir im Friseurgeschäft Lützig kaufen.
Bei Niedrigwasser im Rhein sammelten wir seltene Steine, und manchmal fanden wir auch leere Patronenhülsen vom Zweiten Weltkrieg.
 Die Jungens lasen vornehmlich Abenteuer Comics, wie Sigurd, Tibor, Akim und Falk. Die flachen schmalen Hefte kosteten damals 20 Pfg, wir tauschten sie untereinander und schnitten die Sammlermarken aus. Man konnte die Sammelmarken dann an den Verlag schicken und man bekam dann eine Sigurd Anstecknadel oder einen Sigurd Wimpel. Für viele dieser alten Hefte werden heute einige hundert Euro pro Heft gezahlt, abhängig von der Erhaltung. Heute am teuersten sind die Hefte, wo die Sammelmarke noch vorhanden ist.
Der Bolzplatz war an der Quellenstraße/Ecke Sandweg. Wir nannten den Platz damals "Dahm's Wiss". Gegenüber, dem heutigen Kirmesplatz, hatte Bauer Molitor eine Weide für seine Kühe. Auf der Dahms Wiss spielten wir Völkerball und Fußball. Die Tore markierten wir mit Steinhaufen.
Beliebte Spielplätze im Sommer waren die Kirchbäume von Josef Marx, sowie die Erdbeerfelder an der Ahr und die Pfirsichbäume von Josef Dannemann.

 
 Die Mündung der Ahr und ahrauf bis kurz vor Sinzig war unser Dschungelgebiet. Hier im Dickicht hatten wir unsere Unterstände und Baumhäuser gebaut, spielten "Räuber und Gendarm", und banden öfters mal die Kinder der "Neuen Heimat" Sinzig an einen Baum. Wir bildeten Spähtrupps und manchmal waren wir selbst "Gefangene", und man schlug uns mit Brennnesseln auf die nackten Beine. Hier rauchten wir unsere ersten Zigaretten aus den Stielen des Röhrichts, schnitzten Pfeil und Bogen,  fingen  Fische mit der Hand, das so genannte "Fische töpern", wir schlugen Wege durch den "Dschungel", fanden immer neue Stellen, die unseren Drang zum Erfrorschen verstärkte.

Die Ahrwiesen waren stets ein blühender Blumenteppich, und hier war der Ort, wo wir die Blumen "ströppten", um sie vor den Kirchenprozessionen auf die Straße zu streuen, damit der Pfarrer unter dem Baldachin, die Monstranz haltend, auf weichem Untergrund sicher gehen konnte.

Das Gelände der Ziegelei war ein weiterer Abenteuerplatz. Dort bauten wir kleine Hütten aus gebrochenen Ziegel- und Bimssteinen, spielten "Mutter und Kind" und lernten, eine Familie zu führen. Die Mädchen säuberten die Hütten, fütterten ihre "Puppen", und die Jungen waren ständig bemüht, die Arbeiten rund ums Haus zu verrichten. Ein Meilenstein für unser späteres soziale Verhalten.
In jedem Winter hatten wir Schnee und die Highlights auf den Schlitten fanden am Nagels Damm und am Bälteser Loch statt. Das Bälteser Loch war gefährlich, weil es in der Abfahrt 2 scharfe Kurven am Abgrund gab, und unten standen die eisernen Kipploren, an denen so mancher Schlitten seinen Geist aufgab. Nur die Mutigsten lagen auf dem ersten und dem letzten Schlitten, wenn sich die Schlitten der Mädchen dazwischen einhakten. Der letzte Schlitten hatte oft das Nachsehen und rutschte aus den Kurven in den Abgrund. Hier konnten wir den Mädchen zeigen, wer die wahren Helden waren.

Auf dem alten Schulhof spielten wir auch "A zerlatschen". Dabei wird ein Fänger gewählt, drei Kinder haben einen Holzstock in der Hand. Auf Kommando werfen die Kinder die drei Holzstöcke in verschiedene Richtungen. Der Fänger muss die Hölzer zusammensuchen und zu einem A legen. In der Zwischenzeit müssen sich die anderen verstecken. Wenn der Fänger jemanden gefunden hat, rennt er schnell zum A, tritt darauf und ruft den Namen. Das Kind ist dann gefangen. Es kann aber von den anderen befreit werden, indem sie das A zerlatschen, also dagegentreten und ganz laut rufen "A- zerlatscht". Dann sind alle wieder frei und der Fänger muss das A wieder neu legen.
Ein anderes Versteckspiel ging so: Einer stand mit dem Gesicht zur Wand und zählte laut bis 20 dann rief er: "1,2,3 für Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir da gilt es nicht, 1,2,3 ich kooooomme!!"
Mädchen spielten Gummitwist, es gab ein Spiel, da wurden Vierecke auf den Boden gezeichnet, man warf einen Stein hinein und musste dann mit einem Bein von Viereck zu Viereck hüpfen und den Stein wieder aufsammeln
Wir lasen Struwelpeter und Heinzelmännchen, und zu Weihnachten gab es einen Trix Baukasten. So robust wir auch damals spielten, so sahen wir auch abends aus, wenn wir nach Hause kamen. Haut abgeschürft, Hose zerissen, Knöpfe weg. Dann musste Oma schnell die Hosen flicken und Knöpfe annähen, damit Mutter nichts merkt. Später kam das Fernsehen, die Zeiten wurden anders und Mitte der 60er wurden die Straßen langsam leerer.