Die „halbmeilige Chaussee- Barriere“ in Kripp von 1852 – 1876.

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Die heutige Quellenstraße in Kripp war bis vor ihrer Chaussierung ein ausgefahrener und ausgeweiteter ehemaliger Fußweg, über deren mit Kuhfladen und Pferdeäpfeln übersäte Einschlämmdecke aus Sand und Kies einst ungefügige Pferdekarren und Wagen rumpelten. Wie damals die meisten Verbindungen im Kreis Ahrweiler war sie auf Karten nur als erkennbare Route anzusehen, auf der Menschen, Vieh und Fuhrwerke ihre angestrebten Ziele erreichten, weder befestigt noch in irgendeiner besonderen Weise markiert. Neben größeren Schlaglöchern gab es unzählige ausgefahrene Spurrinnen, die schwer beladene Pferdefuhrwerke mit ihren großen eisenbeschlagenen Karrenrädern in den Straßenbelag gefurcht hatten. Die vorhandene unbefestigte Verschleißdecke war bei Regen ein einziger zernarbter Kies- Matschweg, in den angesammelten Wasserpfützen die hiesigen Kinder bis zu ihrer Chaussierung gefahrlos spielten und herumtollten, da die weit hörbaren knarrenden Pferdefuhrwerke, die diese Strecke für ihr Tagewerk behäbig benutzten, keine Gefahr darstellten.

Diese Durchgangsstrasse ist einigen älteren Krippern noch vom Hörensagen aus früheren Zeiten her unter den Namen als Provinzialstraße, Ahr-Bezirksstraße, Kripper Chaussee, unter dem Namen Hermann Göring-Straße während der NS- Zeit und Hauptstraße erinnerlich, bevor sie 1969 als ausgebaute Bundesstraße 266 in Quellenstraße umbenannt wurde. Seit eh und jeh war sie wegen ihrer Fähranbindung auf die gegenüberliegende Rheinseite eine beliebte Route für den Verkehr zwischen Eifel und Westerwald und dementsprechend frequentiert.


Ausbau/ Verlauf.

1851 wurde die Auskofferung und Chaussierung der Kripper Ortsdurchgangsstraße als Provinzialstraße in Angriff genommen. Bis dahin bestand das Wegenetz in Kripp aus unchaussierten Straßen, Feldwegen gleichend in einem mangelhaften Zustande.
Mit verschleißarmen Pflastersteinen aus Blaubasaltquadern (ugs. Katzeköpp) von annähernd 12-15 cm gestickt und einem überschütteten Basaltfeinschlag auf der Straßenoberdecke wurde die Kripper Durchgangsstraße in einer Breite von 22-24 Fuß von der Rheinfähre bis Sinzig als wetterharte Kunststraße chaussiert, um auf die dortige linke Rheintalstraße Köln- Mainz einzumünden. Diese von der preußischen Regierung um 1822 fertig gestellte Staatsstraße, die dem etwaigen Verlauf nach der heutigen Koblenzer Straße in Sinzig als vormalige Bundesstraße 9 entspricht, war unter französischer Herrschaft als bedeutende Staatsstraße unter dem bezeichnenden Namen "routes impériales de troisiéme classe de Balé á Nimégue par la rive gauche du Rhin" klassifiziert.
Etwas südlich zur Ahr hin versetzt bestand nun die Möglichkeit, die bereits 1846 in Angriff genommene und fertig chaussierte Ahrstraße von Sinzig bis Altenahr zu befahren.

Mit der kunststraßenmäßigen Vollendung der Kripper Chaussee war nun das letzte Teilstück der Ahrstrecke fertiggestellt, dessen 1834 durchstoßener 175 Fuß langer Tunnel vor Altenahr zur damaligen Zeit als einziger Tunnel einer preußischen Chaussee eine Attraktion darstellte. (Statistik 1860, S.42) Sie eröffnete nach ihrer Fertigstellung dem Kripper Hauderergewerbe einen lebhaften Aufschwung, indem man nun gelöschte Schiffsladungen auf dem schnellsten Wege ins Ahrtal und die Eifelregion speditieren konnte.
Zur Unterhaltung dieser Strecke wurde laut Bekanntmachung im Wege der Submission am Montag, den 18.Mai 1846 „die Sinzig- Altenahrer-Straße in Pos.16 zur Unterhaltung der Strecke zwischen Bodendorf und Walporzheim 78 Schachtruthen Basalt, auf 1 bis 1½ Zoll kleingeschlagen, angeschlagen zu 540 Thaler und 24 Silbergroschen“ öffentlich ausgeschrieben.


Finanzierung/ Unterhaltung.

Zur Realisierung der Chausseearbeiten der Ahrstrecke wurden Teile der anliegenden Gemeindeeinwohner zu Hand- und Spanndiensten herangezogen. Insgesamt wurden für die Neubauten an der gesamten Ahrstrecke 31500 Taler verbaut, inclusive der von Kripp bis zur Gemeinde Rech gepflanzten 1150 Bäumen, wovon alleine 600 Kirschbäume die Chausseeränder alleenmäßig säumten. (Kreisstatistik 1860)
Diese seitlichen Baumbepflanzungen außerhalb von Ortschaften wurden neben der Zierde und Schattenwirkung wegen zur optischen Abgrenzung des Fahrweges bei Schnee und zur Nacht vorgenommen. Die Beaufsichtigung der gesamten Strecke von Kripp bis Walporzheim unterstand als fester Aufsichtsbezirk dem Chaussee- Aufseher zu Wadenheim.
Zum Zwecke der laufenden Unterhaltung wurde als Benutzungsgebühr der wetterharten Schnellstraße ein Chausseegeld erhoben. Eigens dafür wurden auf der gesamten 26,650 km langen Ahrstrecke Chausseehebestellen mit Barrieren in Kripp, Lohrsdorf und Dernau eingerichtet, wobei die Hebestelle Kripp mit ihrem hebepflichtigen Einzugsbereich von „einer halben Meile“ im Zeitraum von 1859- 1862 mit 100 Talern die geringsten Einnahmen der Ahrstrecke verzeichnete. (in Sinzig u.s.Stadtteile, -Sinzig 1815-1969, S.247,248, H. Kleinpaß)
Grundlage des Hebegeldes war eine preußische Order von 1838 und einem Regulativ von 1841, wonach nach der 1806 abgeschaften "taxe d´entretien" auf den linksrheinischen Bezirksstraßen mit festen Gebührensätzen für Wagen, Schlitten und Vieh Chausseegeld erhoben werden konnte, wobei sich die Tarife nach der Breite der Räderfelgen berechnete.
So war die Gebühr für breitere Felgen wegen Schonung des Straßenbelages geringer als die der schmalen Felgen einer Kutsche.
Ein allgemeines Chausseegeld-Tarifexemplar war im Hebestellenlokal an einer „dazu bestimmten Stelle zur beliebigen Einsicht des Zahlungspflichtigen“ anzuschlagen, des weiteren einen für Berechtigte „besonderen Tarif, auf eine Holztafel geschrieben, welche er, an dem dazu bestimmten Orte außerhalb des Lokales, zu Jedermanns Anschauung auf seine Kosten anzubringen hat.“ (LHAK 403/11971-2, § 4 der Kontraktsbestimmungen für die Verpachtung von Chausseehebestellen)
Für die 7159,9 Ruthen lange ahrbegleitende Chausseestrecke, die von der Rheinfähre bis Altenahr in die dortige Bonn- Trierer Straße einmündete, betrug das Chausseegeld einer Kutsche insgesamt 24 Silbergroschen. Selbst der Viehtrieb über die Chaussee wurde, wenn auch gering, mit einer Gebühr belegt.
Von der Bezahlung waren jedoch Wagen- und Viehbesitzer innerhalb ihres Wohnortes oder der Gemarkungsgrenze sowie die Post befreit (HJB 1968,S.97-98, H.Schmalz)
Desweiteren hatte man Fuhren mit "thierischem Dünger" (Stalldünger) ..." und Abtrittsdünger" (Jauche) nach dem Gesetz vom Juni 1844 "frei passiren zu lassen" (Ahrweiler Kreisblatt, Nr.10, vom 9. März 1862,S.1)
Die laufende Unterhaltung der klassifizierten Kripper Chaussee als Bezirksstraße im Verband der "westrheinischen Straßen" erfolgte aus dem westrheinischen Bezirksstraßenbaufonds.

Kripper Barriere/ Verpachtung.

Die Kripper und Dernauer Chausseehebestellen wurden bis zur Aufhebung der Chausseegelderhebungen für Bezirks- und Staatsstraßen an Privatleute verpachtet.
Die Verpachtung der Chausse-Hebestellen geschah gemäß des § 2 der Kontraktsbestimmungen für die Verpachtung von Chausseehebestellen „in Bausch und Bogen, ohne Gewährleistung für den Ertrag und Benutzung. Eine „Afterverpachtung war nur mit Genehmigung der verpachtenden Provinzial- Behörde zulässig.“
(LHAK 403/11971-2)

Erster „Agent“ (Pächter) der Kripper Chausseebarriere war Johann Lohmer, der vor Errichtung seines Gasthofes, des heutigen Hotel „Rhein- Ahr“, auf gleichem Grundstück in seinem dort befindlichen kleinen Haus (heute links neben der Toreinfahrt) das Schusterhandwerk betrieb und geschäftstüchtig den Kunden die Wartezeit mit Fuhrmannsschnaps verkürzte. In diesem Haus sollen nach Angaben mündlicher Überlieferungen der Vorfahren vormals auch die Treidelmannschaften zusammengestellt und die entsprechenden Fuhrverträge ausgehandelt worden sein. Erste Benennung dieses Gasthofes soll der mündlichen Überlieferung nach „Zur Vorstadt Remagen“ gewesen sein.
Als späterer Pächter gleicher Hebestelle ist ein Eberhard Johann Eulenberg, Maurer zu Kripp, benannt. (LHKO 635/ 387)
Der Hebestellenpächter, „Agent“ genannt, war in seiner amtlichen Stellung“ als ein öffentlicher Beamter, als ein Erheber öffentlicher Abgaben, angesehen und vereidigt“ und hatte somit seine „allgemeinen Beamtenpflichten in Beziehung auf sein öffentliches, als auch in Beziehung auf sein Privatleben zu erfüllen, und muß insbesondere in seinen Berührungen mit dem Publikum, auch wenn er gereizt wird, Anstand und Ruhe beobachten, seine Geschäfte, so viel als möglich, selbst verrichten, und neben den Seinigen einen anständigen Lebenswandel führen.“ (LHAK 403/11971-2, §10 der Kontraktsbestimmungen für die Verpachtung von Chausseehebestellen)

Lage

Wo sich genau die Chausseebarriere in Kripp befand, blieb uns unbekannt. Alte Vermutungen, die hiesige Barriere könnte sich an der ehemaligen Metzgerei Linden Quellenstr. 30?) oder am Haus Wilhelm (Quellenstr. 78) befunden haben, konnten nicht bestätigt werden.

Viele Gründe sprechen jedoch dafür, daß sich eine solche im Bereich des heutigen Rhein- Ahr- Hotels befand. Denn wie früher in anderen Regionen üblich, siedelten sich häufig Gasthöfe an Barrieren an. Sie dienten als markante Treffpunkte der Fuhrleute. Die Gründe waren vielerlei. Ausschlaggebend für eine Barrierenstelle in Kripp dürfte neben einer hochwasserfreien Lage eine ebene Straße gewesen sein, damit die Fuhrwerke bei der Mauterhebung nicht wegrollten.
Dafür spricht auch, dass das Gasthaus sich im Gegensatz zu den anderen früheren Kripper Gaststätten nicht am Rheinufer oder Dorfzentrum, sondern am damaligen westlichen Ortsende unmittelbar an der Einmündung der heutigen Mittelstraße, 1851- 52 zeitgleich mit dem Bau der Chaussee errichtet wurde.
Dass sich das Hebestellenlokal jedoch im dortigen Gasthof des Hebestellenpächters selbst befand, dürfte bezweifelt werden, denn die Erhebungen des Chaussegeldes durfte „nur an der Hebestelle selbst geschehen, welche der Pächter zu diesem Behuf vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne, auch bei Mondenschein, durch die, dazu vorhandenen Laterne auf seine Kosten so zu beleuchten hat, dass der Schlagbaum schon in einiger Entfernung wahrgenommen werden kann.“ (LHAK 403/11971-2, § 3 der Kontraktsbestimmungen für die Verpachtung von Chausseehebestellen)

Unter diesen Gesichtspunkten betrachtend besteht jedoch die begründete Annahme, dass sich das Hebestellenlokal unmittelbar im Einmündungsbereich der Mittelstraße auf dem städtischen Schulhofgelände der 1845 erbauten ehemaligen Dorfschule befunden haben könnte, zumal älteren Ortslageplänen zufolge sich direkt in dieser Kurve ein kleineres Gebäude befand, in dem man vor dem Abriss nähelich des 1. Weltkrieges noch Streichölzer der Marke „Fix- Feuer“ fabrizierte. (mündl. Angaben: Christel Schumacher, Kripp)
Hinzu kommt noch die Exaktheit der Chausseelänge einer „halben preußischen Meile“ bis zur Einmündung der Anschlussstraße in Sinzig (Preußische Meile = 7,532 km) sowie die Kenntnis, dass der „Agent“ Johann Lohmer als erster Barrierepächter fungierte und das durch diese Ideallage der innerörtliche Chausseebetrieb von den Gebührenerhebungen unbehelligt blieb.


Mit der Übernahme dieser Bezirksstraße in 1876 als Provinzialstraße im Provinzialstraßenfonds entfiel auch die Chausseegelderhebung und die Kripper Chausseebarriere mit halbmeiliger Hebebefugnis verschwand exakt nach einem Vierteljahrhundert aus dem Kripper Ortsbild.
Lediglich ein im Landeshauptarchiv Koblenz archiviertes „Ein-oder Ausgabejournal der Hebestelle Kripp“ nach durchgeführter Kassen- und Geschäftsrevision im Chausseegeld- Empfangslokal durch den Remagener Bürgermeister als Revisor unter Zuziehung des Kripper Hebestellenpächters Johann Eulenberg am 4. Januar 1855 erinnert an die ersten Versuche der heutigen Mautgebühr vor über 150 Jahren in Kripp.

Der ehemalige Verlauf dieser 1851 gefertigten Chaussee wurde nach großem Ausbau mit Asphaltbelag und einigen Korrekturen in 1968 als Bundesstraße 266 weitergeführt. Die am westlichen Ortsausgang im einstigen Ziegeleibereich befindliche Chausseesenke, die bei großen Hochwasser stets unpassierbar war, wurde im Zuge dieses Ausbaues hochwasserfrei ausgerichtet.



Der Baukran ist aufgestellt für den Bau des Hochverteilers B9 am Godenhaus um 1960. Damit beginnt das Ende der Ära der Kripper Chaussee. Bildnachweis: Slg.Weis/Funk (Repro)

Aufkommende Gerüchte und Vermutungen , dass sich die Barriere zuerst am Hause der Ochsenmetzgerei Linden befunden habe und später zum Haus Wilhelm verlegt wurde, konnten trotz intensiven Nachforschungen nicht gefestigt werden und widersprechen jeglicher Logik.
Genaues Wissen über die Lage der Barriere haben wir nicht. Lediglich die logische Vermutung der v. g. Aspekte geben uns das Gefühl der Annahme im heutigen Ortsmitte.

Mit der Schließung des früheren schienengleichen Bahnüberganges am Godenhaus hat die alte Kripper Straße ihre Funktion als durchgehende, überörtliche Verbindungsstraße verloren. 

Willy Weis und Hildegard Funk

Quellen:

1) Heinz Schmalz: Die Entstehung der Ahrtalstraße. In: Heimatjahrbuch Kreis AW 1968, S. 97ff
2) Kreisarchiv Ahrweiler, Statistik des Kreises Ahrweiler, 1858-62
3) Preußische Meile = 7,532 km
4) Hans Kleinpass: Sinzig. In: Sinzig und seine Stadtteile, Sinzig 1983, S.274, 248
5) Helmut Weinand: Die preußischen Staats- und Bezirksstraßen im Regierungsbezirk Koblenz bis
zum Jahre 1876. Bonn 1971. (Rheinisches Archiv 77)
6) Kreisblatt Ahrweiler Nr.10 vom 9.März 1862, S.1
7) Zeitungsausschnitt vom 15.6.1978 des Rhein- Ahr- Anzeigers anlässlich des 125jährigen
Jubiläums des Rhein- Ahr- Hotels in Kripp
8) Angaben zur Familie Lohmer von Christel Schumacher, geb. Lohmer, Kripp
9) Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 635/ 387, „Ein-und Ausgabejournal der Hebestelle Kripp“
vom 4.1.1855
10) Landeshauptarchiv Koblenz Bestand 403/ 11971-2, „Kontraktbestimmungen für die
Verpachtungen von Hebestellen“
11) wie Nr.5

Nr.16) Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2008, S. 168-170, "Barrieregeld" in Kripp 1852-1876,
von Willy Weis und Hildegard Funk.