Die jüdische Familie Ignatz Scharf aus Kripp

von: Horst Krebs

Ergebnisse der Recherche über die jüdische Familie Ignatz Scharf, der von 1909 bis 1924 Technischer Leiter in der Lederfabrik in Kripp war.

In die Recherche eingebunden war Willi Weis aus Kripp, mit dessen Hilfe ein Gesamtbild zustande kam.

Ignatz Scharf: *10.07.1875 Pistagowice, CSSR, um 1900 in Hoboken New York, um 1909 in Kripp Lederfabrik, um 1924 bis 1933 Lederfabrik in Köln, anschließend in Friedrichsdorf/Hessen und dort Arbeit als Ledertechniker in den Friedrichsdorfer Leder= werken, 1937 Ausreise in die USA ohne Genehmigung.

Gisela Scharf: Ehefrau, geb. Berger, *1879 in Schierza, CSSR, 1903 in Hoboken New York, 1905 nochmals in Hoboken New York, um 1909 in Kripp, um 1924 in Köln, anschließend in Friedrichsdorf, 1937 Ausreise in die USA.

Adolf Scharf: Sohn, *26.11.1900 in Ostrau, 1903 in Hoboken New York, 1905 nochmals in Hoboken New York, um 1909 in Kripp, 1935 Praxiseröffnung in Weibern, 1939 Wohnsitz Sinzig und Ausreise USA. +1976 in New York

Richard Scharf: Sohn, *09.09.1906 in Hoboken New York, um 1909 in Kripp, dort Vermerk Schulbesuch 1909-1924. In der Zeit vor 1924 hatte er sein Handwerk in der Kripper Lederfabrik erlernt. Von 1924 bis 1933 Lederfabrik in Köln, anschließend in Friedrichsdorf/Hessen und dort Arbeit als Ledertechniker in den Friedrichsdorfer Lederwerken. 1937 Reise in die USA mit Rückkehr im gleichen Jahr und Auswanderung nach Amerika um 1938. 1941 in der ameri-kanischen Armee. Gestorben 24.März 1991 in Florida County Pasco.

Irene Scharf: Tochter, *Januar 1903 in Ostrau, 1903 in Hoboken New York, 1905 nochmals in Hoboken New York, nach 1905 als Kind in Amerika verstorben.

Ignatz Scharf , geboren 10.07.1875 lernte sein Handwerk des Lederverarbeiters in den Lederwerken von Mährisch Ostrau. Er heiratete vor 1900 Gisela Berger, die 1879 geboren wurde. Beide waren jüdischer Herkunft. Die Scharfs hatten 3 Kinder, Adolph geboren in Ostrau, Irene geboren in Ostrau und Richard, geboren in Hoboken/New York. Im Jahre um 1902 verließ Ignatz Scharf Ostrau und fuhr über England nach Amerika mit Beruf „Ledertechniker“. Seine Familie blieb erst mal in Ostrau.

Am 22. Oktober 1903 erreichte Gisela Scharf mit ihrem 3-jährigen Sohn Adolph und ihrer 10 Monate alten Tochter Irene den Hafen von New York. Sie besuchte dort ihren Ehemann Ignatz, der in New York bei einer Familie S.Neiger, 225 East, 7th street wohnte, dies sind ca. 5 Meilen entfernt von der Lederfabrik in Hoboken, in der Ignatz Scharf eine Anstellung fand. Diese Lederfabrik in New York gehörte einem Clemens Heitemeyer, der später 1910 in Kripp verstarb und dort auf dem Friedhof in Kripp seine letzte Ruhestätte fand.
Die Nationalität aller 5 Scharf´s zu diesem Zeitpunkt war Österreich und alle fünf waren hebräischer Rasse. Als Wohnsitz 1903 ist angegeben „Ostrau“. Das Dampfschiff nach Amerika war die „Neckar“ und fuhr am 10.Oktober 1903 ab Bremen nach New York. Ignatz Scharf kannte also die Familie Neiger aus Österreich. Ich erinnere hier an Gisela Scharf, die ihren Mann 1903 und 1905 in New York besuchte und bei ihr und den Kindern war auf der Passagierliste die Nationalität mit „Österreich“ angegeben. (siehe die Passagierlisten im weitern Text). Familie Neiger, auch hebräisch, und Familie Scharf kannten sich also aus Österreich oder aus Ostrau.
Am 4.November 1905 wurde wieder eine Reise von den  Scharf´s unternommen, um den Vater und Ehemann Ignatz zu besuchen. Der Besuch des Vaters als „Besuch“ ist ausdrücklich auf der Passagierliste vermerkt. Die Ankunft des Dampfers „Bremen“ von Bremen war in New York am 14.11.1905. Auf der Passagierliste war wieder „Ostrau“ als Wohnsitz angegeben, und das Reiseziel in Amerika war mit „Hoboken“ angegeben, einem Stadtteil von New York, direkt am Hudson. Es wurde 1905 bei der Immigrationsbehörde vermerkt, dass der letzte Aufenthalt der  Scharf´s in Amerika 1903 in Hoboken war. So könnte es denn gewesen sein, dass Ignatz 1903 auch in Hoboken schon wohnte und nicht mehr bei Familie Neiger in 225 East in New York. Ignatz Scharf hatte 1903 auf der Passagierliste zwar Familie Neiger als Postadresse angegeben, vielleicht war dann hier der zeitliche Übergang, wo er in Hoboken wohnhaft wurde.
Im Jahre 1906 wurde Sohn Richard am Wohnort in Hoboken geboren. Tochter Irene verstarb als Kind nach 1905. Im Jahre 1909 kam dann die gesamte Familie nach Kripp, wo Vater Ignatz eine Anstellung als Technischer Leiter in der Lederfabrik Kripp fand. Eine Anstellung, die der gleiche Mann in Kripp vornahm wie vor Jahren in Hoboken, Clemens Heitemeyer, Besitzer der größten Lederfabrik der Welt in Hoboken/New York.
Im Jahre 1909, wo Clemens Heitemeyer stets pendelte zwischen Kripp und Hoboken, kam nun Heitemeyer endgültig nach Kripp, wo er 1910 starb.

Von 1909 bis 1924 arbeitete Ignatz Scharf in der Kripper Lederfabrik als vorstehender Ledertechniker. Zuerst wohnte er mit seiner Familie im Sandweg 8, später bekam er eine Wohnung in einem Haus in der Voßstraße, dessen Eigentümer damals die Kripper Lederfabrik war. Zeitweise arbeitete auch sein Sohn Richard in der Kripper Lederfabrik und lernte dort den Beruf des Ledertech= nikers.

Ignatz und sein Sohn Richard arbeiteten von 1924 bis 1933 beide in einer Lederfabrik in Köln. Der Name dieses Lederwerkes war A.Cahen-Leuddesdorff & Co. Diese Lederfabrik stand unter jüdischer Leitung in Mühlheim. 1921/22 gab es einen Standort= wechsel nach Köln Buchheim unter dem neuen Namen ACLA. Im „3.Reich“ nahmen die Nazis Einfluss auf die Fabrik ACLA und die Mitglieder der Familie Cahen wurden aus dem Vorstand gedrängt. Seit 1932 war Karl Fees Vorstandsmitglied und 1933 wurde der Name Cahen-Leutesdorff aus dem Firmennamen gestrichen.

Die Lederfabrik Köln Buchheim im Jahre 1922 steht inzwischen unter Denkmalschutz. Dieser Standort ist heute noch Hauptsitz der Firma und hier in dieser Lederfabrik haben Ignatz und Richard Scharf von 1924-1933 gearbeitet In dieser Zeit schloss Richard auch sein Studium auf der Uni Köln ab. Seit 1926 firmiert die Firma nach den Anfangsbuchstaben des Firmengründers A.Cahen unter dem Namen ACLA.

1933 zogen die Scharf´s nach Hessen in den Ort Friedrichsdorf. Sohn Adolph blieb zurück und hatte später eine Arztpraxis in Weibern. In Friedrichsdorf wurde Ignatz Scharf der Technische Leiter der dortigen Lederwerke. Auch sein Sohn Richard arbeitete in diesen Lederwerken als Ledertechniker. 1937 wurde Ignatz Scharf im Alter von 62 Jahren seiner Anstellung in den Friedrichsdorfer Lederwerken gekündigt. Die Gründe waren politisch. 1937 immigrierten Gisela und Ignatz Scharf nach Amerika, vermutlich im Mai 1937. Im Juni 1937 besuchte Richard seine Eltern in New York, kam aber im September 1937 wieder zurück. Im Januar 1938 immigrierte Richard Scharf nach Havannah/ Kuba und gelangte von dort nach New York. Er verstarb am 24. März 1991 in Florida, County Pasco. Sohn Adolph gelang die Flucht 1939 von Sinzig aus über Havannah/Kuba nach New York. Er verstarb 1976 in New York und hatte dort bis zu seinem Tode eine Arztpraxis. In New York wohnte Adolph im Stadtteil Bronx und Richard im Stadtteil Kings.
Die Ehefrau von Adolph Scharf, Frau Gerta Scharf geb.Hirsch kam am 11.02.1905 in Sinzig auf die Welt. Sie war die Tochter von Karl Hirsch, der 1938 verstarb. Gerta Scharf verstarb am 16.12.1994 in New York.
1935 war die Praxiseröffnung von Adfolf Scharf in Weibern, einem Ort nicht weit von Sinzig. Im Jahre 1939 erfolgte die Ausreise von Adolf Scharf mit seiner Gattin Gerta. Dabei war auch der Bruder von Gerta Scharf, namens Walter, sowie die Mutter Jenny, die beide ein Jahr in Kuba warten mussten, bis sie die Weiterfahrt nach New York antreten konnten. Die Ausreise von Sinzig nach Kuba erfolgte zum Einreisehafen Havannah. Nach kurzem Aufenthalt dort konnte Greta weiterreisen nach New York. Adolf bekam sein Schiff erst zum Mai 1940, und er hatte Glück, diese Schiffsfahrt war die letzte, die stattfand, wegen den Kriegswirren. Adolph Scharf war ja praktischer Arzt im Eifeldorf Weibern gewesen, wohnhaft war er in Kempenich, und ein jahr vor der Ausreise zog er nach Sinzig. Auf seinem Schiffsticket von Havannah nach New York stand als Berufsbezeichnung „Physiker“. Der Grund mag darin liegen, dass bestimmte Berufsgruppen eher die Chancen auf eine Ausreise nach Amerika bekommen haben.

Gerta Scharf und Adolf Scharf waren 1946 wohnhaft in 1105 Elder Avenue, Bronx, New York. Gerta Scharf bekam ihre Einbürger= ung am 6.Mai 1946, ihr Ehemann Adolf am 7.1.1946. Das Zertifikat der Einbürgerung ist in meinem Archiv, versehen mit beider Unterschrift. Adolph verstarb 1976 und Gerta Scharf 1994. Nach 1951 wohnten beide nicht mehr in der Bronx. Sie wohnten in einem Appartment Haus in 11 Riverside Dr Apt 6jw, NY Nähe Hudson River.

Das Buch „Knoblauch und Weihrauch“ von Rudolf Menacher erzählt von den Juden und Christen im Nachbarort Sinzig von 1914 bis 1992. Knoblauch ist die Bezeichnung für die Juden und Weihrauch die Bezeichnung für die Christen. In diesem empfehlenswerten Buch ist viel geschrieben über die mehr als 40 Familien, mehrheitlich über die Familien Friesem, Meyer, Moses und Hirsch. Die Familie Scharf, hier mit Adolph und seiner Frau Gerta Hirsch, wird in dem Buch von Rudolf Menacher auch erwähnt. Ich habe die unten stehenden Textpassagen über die Familie Scharf aus seinem Buch herausgesucht und unten angegeben:

Seite 36: Hier geht es um die Vorbeter in der Synagoge Sinzig, wo die Gebete in hebräischer Sprache waren „Leo Friesem lernte es schließlich notgedrungen, als die Alten es nicht mehr konnten. Dr. Scharf konnte es auch, sogar wun-derbar. Er machte die Feiertage“ (Angaben Zeitzeuge)

Seite 50: Ihre Mutter, eine Freundin und Gerta Hirsch stürzten sich verkleidet in das närrische Treiben. Einmal trat Gerta Hirsch verkleidet in das Haus, wo die anderen schon auf sie warteten. Da sagte die Freundin zu ihr:“Du hast ein Gesicht wie eine Jüd.“ Darauf brach Gerta in schallendes Gelächter aus: „Ich bin auch eine!“

Seite 118: Dr. Scharf, der Ehemann von Gerta Hirsch, war zusehends in seinen beruflichen Möglichkeiten eingeschränkt worden. 1935 hatte er eine Praxis in Weibern eröffnet, aber die örtlichen Nazis hatten ihn bereits als Judendoktor vorgeführt. Er durfte keine Kassenpatienten behandeln.


Im Jahre 2012 setzte ich mich mit Friedrichsdorf in Hessen in Verbindung. Ich fand einen Artikel der „Stolpersteine“ in bezug zu den Juden in der Zeitung die „Frankfurter Allgemeine“. Dieser Artikel handelte von den Juden in Friedrichsdorf, und dort fand ich dann einiges Material, welche die Lebenslücken der Familie Ignatz Scharf schlossen. Ich fand dort die Dokumente, welche die Familie Scharf in Angst brachte, weil sie jüdischer Abstammung waren. Ich fand die Dokumente des Antrages auf Ausstellung eines Befreiungsscheines. Mit dem Befreiungsschein erwirkt man eine Arbeitsaufnahme ohne Erlaubnis des zuständigen Landesarbeitsamtes. Ohne einen Befreiungsschein ist eine Arbeitsaufnahme ohne Erlaubnis strafbar. Den Antrag auf Ausstellung eines Befreiungsscheines wurde von Richard Scharf am 29.August 1935 bei der Ortspolizeibehörde in Friedrichs= dorf gestellt. Der Antrag wurde am 27.9.1935 von der Deutschen Arbeitszentrale abgelehnt. Für uns heute interessant ist nun das ausgefüllte Antragsformular des Befreiungsscheines. Man erkennt, dass Richard Scharf von 1909 bis 1924 bei uns in Kripp gewohnt hatte. Als Straße ist Poststrasse 5 (gemeint ist Voßstrasse 5) angegeben, dies war dann die Endadresse 1924 in Kripp. Volksschule und Gymnasium hat er in Linz besucht und dort das Abitur erlangt. Danach erhielt er dann unter seinem Vater eine Ledertechnikausbildung in der Kripper Lederfabrik. Ab 1924 wohnte Richard Scharf in Köln, Erderbergerstraße 5 und machte dort sein Studium. Er arbeitete dort bis 1933 in der dortigen Lederfabrik. Von 1933 bis 1937 wohnte er dann in Friedrichsdorf/Hessen, genau wie seine Eltern. Er und sein Vater arbeiteten dort in der Lederfabrik Vollmann&Co in Meiningen. Die Wohnadresse in Friedrichsdorf war Friedbergstrasse 1.

Das Schicksal der Kripper Familie Scharf

Am 11.Januar 2006 veröffentlichte Frau Dr. Erika Dittrich von der Historischen Gesellschaft e.V einen Bericht in der Frankfurter Rundschau mit folgendem Wortlaut:
Am 3. Mai 1937 erstattete der Friedrichsdorfer Bürgermeister einen als geheim eingestuften Bericht über Ignatz Isidor Scharf an das Landratsamt.
„In der Anlage bringe ich die Nachweisung über die hier seit 1933 wohnhaften polnischen Staatsangehörigen zur Vorlage. Sämtliche hier wohnenden Polen sind Juden und zwar handelt es sich um die Familie des Ledertechnikers Ignatz Isidor Scharf. Für den Fall einer Sondermaßnahme wird eine Ausweisung der Familie Scharf befürwortet. Die verschiedenen Mitglieder der Familie machen sich durch öftere Reisen in das Ausland, vor allem in die Tschechoslowakei, dringend verdächtigt, technische Rezepte, über die der Ignatz Scharf aus seiner Tätigkeit in den hiesigen Lederwerken verfügt, oder auch Geld ins Ausland zu verschieben. Eine Postsperre und sonstige Überwachungsmaßnahmen haben jedoch keinen Anhaltspunkt ergeben. Sein Verhalten als technicher Betriebslei-ter und somit als vorgesetzter deutscher Arbeiter hat in der Belegschaft ver-schiedentlich Unruhe hervorgerufen und mit zu seiner Entlassung beigetragen.“


Die Familie Scharf flüchtete in die USA ohne sich abzumelden. Am 8. Oktober 1937 meldete sich der Sohn von Ignatz Scharf, Richard Scharf, schriftlich beim Friedrichsdorfer Bürgermeisteramt. Ein Beleg dafür, dass sich die gesamte Familie in die USA gerettet hatte:
Auf die gebührenpflichtige Verwarnung vom 17.9.37 – wegen Nichtabmeldung – möchte ich erwidern, dass ich lediglich besuchsweise nach Amerika gefahren bin und es hierfür meines Erachtens einer polizeilichen Abmeldung nicht bedurfte. Sollte meinerseits jedoch ein Versäumnis vorliegen, so bitte ich hiermit, dies gütigst entschuldigen zu wollen. Sehr ergebenst, Richard Scharf“.

Auf der nächsten Seite das Schreiben von Frau Dr. Dittrich an mich übersandt durch ihre Mitarbeiterin vom 27. April 2012:

Sehr geehrter Herr Krebs,
bezüglich Ignatz Scharf haben meine Recherchen folgendes ergeben.
Den Artikel von Frau Dr. Dittrich finden Sie auf der Seite der Historischen Gesellschaft e.V. unter folgendem Link www.historische-eschborn.de. Nach meinen Recherchen stimmt ihr Ignatz Scharf mit dem aus dem Bericht der Frau Dr. Dittrich überein. Er wurde am 10.7.1875 geboren und war mit einer Gisela, geb. Berger verheiratet. Er arbeitete hier in den Lederwerken als Techniker. Beide waren polnische Juden. Ob er in Kripp gewesen war, können wir anhand unserer Unterlagen nicht nachvollziehen. Leider haben wir aber auch nicht sehr viele Unterlagen dazu. Einmal einen Auszug aus einer Aufstellung polnischer Staatsangehöriger in Friedrichsdorf und Auszüge einer Liste von Ausländern in Friedrichsdorf.
Bei dem Sachverhalt von Richard Ignatz handelt es sich vermutlich um einen Druckfehler im Zeitungsartikel. Das Ehepaar Ignatz hatte einen Sohn namens Richard, der am 9.September 1906 in Hoboken/New York geboren wurde. Zum Zeitpunkt der fraglichen Schiffspassage war er demnach 30 Jahre alt. Zu ihm haben wir dann noch einen Antrag auf Ausstellung eines Befreiungsscheines. Auf diesem ist vermerkt, dass er von 1909 bis 1924 in Kripp zur Schule ging. Das würde sich auch mit dem Zeitpunkt decken, wann sein Vater, Ignatz Scharf, nach Ihren Recherchen in Kripp gearbeitet hatte.
Gerne kann ich Ihnen in Kopie der in der Nachricht genannten Unterlagen zusenden, ebenso eine Kopie der im Aufsatz beschriebenen Schreiben vom Friedrichsdorfer Bürgermeister über die Familie Ignatz und das Schreiben von Richard Scharf.
Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen beantworten. Falls sie noch weitere haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.


Das Schreiben von Richard Scharf ist mit Adresse New York angegeben. Seine Eltern müssen im Mai 1937 ausgereist sein. Richard war im September 1937 für einige Wochen in New York. Zu vermuten ist, dass er bei seinen Eltern war. Die Eltern haben im Appartment 51, NY, 3100 Broadway gewohnt.

Der Bürgermeister von Friedrichsdorf hatte die Personaldaten der Scharfs vom Landratsamt angefordert. Er schnüffelte bei den Scharfs. Auf der nächsten Seite seine Korrespondenz.




Am 10.Januar 1936 schickte der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde von Friedrichsdorf dieses Schreiben an den Landrat. Darin enthalten sind die Personaldaten der Ehelaute Scharf . In der Bemerkung ist zu lesen, dass den Eheleute Scharf durch Verfügung des Regierungspräsidenten in Köln am 3.6.1934 die Deutsche Reichsangehörigkeit aberkannt wurde, und Ihnen die polnische Staatsangehörigkeit zugewiesen wurde.



Schreiben von Richard Scharf vom 8.Oktober 1937 aus New York, wo er sich beim Bürgermeister von Friedrichsdorf entschuld= igte, dass er ohne Abmeldung mit dem Dampfschiff SS Deutschland mit Ankunft 29.Juli 1947 nach Amerika gefahren war. Dieses Schiffsticket hatte Richard Scharf am 13. Mai 1937 schon gekauft. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass dieser Tag auch der Abfahrtstag von seinen Eltern Ignatz und Gisela war. Richard Scharf musste aus irgendeinem Grunde wieder zurück nach Friedrichsdorf, sonst hätte er den obigen Brief nicht schreiben brauchen. Ich vermute, da seine Eltern schon seit Mai 1937 in New York waren, dass es familiäre Gründe gab, dass er im September 1937 nach Amerika fuhr. Jedenfalls kam er im Oktober 1937 wieder zurück und floh dann im Januar 1938 über Cuba nach Miami auf dem Dampfschiff „Florida“.


Antrag auf Einbürgerung Richard Scharf im April 1941. Der Antrag wurde genehmigt am 13.November 1942


Richard Scharf, geb. 9.September 1906 in Hoboken New Jersey, keine deutsche Staatsangehörigkeit, ledig, Religion israelit, Beruf Ledertechniker, Wohnort Friedrichsdorf im Taunus, Arbeitgeber Lederfabrik Vollmann&Co in Meiningen.



Die Ablehnung des Befreiungsantrages des Richard Scharf von der Deutschen Arbeitszentrale in Frankfurt.


Bescheinigung Richard Scharf wohnhaft in Kripp Poststr.5 (Voßstr.5) von 1909-1924.


Die Eheleute Ignatz und Gisela Scharf hatten 3 Kinder, Adolph, Richard und Irene. Der einzige Nachweis, dass es Tochter Irene gab, ist die Passagierliste von Gisela Scharf nach New York 1903 und 1905. Die Nachweisliste oben bezeugt, dass Irene zwischen 1905 und 1909 in Amerika verstarb. Bei den Schiffsfahrten von Gisela Scharf im Jahre 1903 und 1905 nach Amerika zum Besuch ihres Mannes, war Adolph, der 1900 geboren wurde, stets auf der Passagierliste zu finden. Sohn Richard, wurde 1906 in Hoboken/New York geboren und alle 4 Scharfs kamen dann 1909 nach Kripp und blieben hier bis 1924.
Der erste Besuch von Ehefrau Gisela Scharf mit den Kindern Adolph und Irene zu Ehemann und Vater Ignatz Scharf nach Amerika erfolgte am 10. Oktober 1903 mit dem Dampfschiff „Neckar“ von Bremen nach New York mit Ankunft 22.Oktober. Auf der Passagierliste ist die Aufenthaltsadresse vermerkt bei Familie Neiger in New York. Familie Neiger und Familie Scharf kannten sich aus Österreich, Familie Neiger waren hebräischer Abstammung.



Der zweite Besuch von Ehefrau Gisela Scharf mit den Kindern Adolph und Irene zu Ehemann und Vater Ignatz Scharf nach Amerika erfolgte 4. November 1905 mit dem Dampfschiff „Bremen“ von Bremen nach New York mit Ankunft 14. November. Auf der Passagierliste ist die Aufenthaltsadresse vermerkt bei Ignatz Scharf in Hoboken. Dort in Hoboken kam 1906 Sohn Richard auf die Welt.



Ignatz Scharf, der in Hoboken eine Anstellung in der Lederfabrik von Clemens Heitemeyer fand, bekam 1909 den Auftrag von Clemens Heitemeyer, die Lederfabrik in Kripp dort als technischer Leiter zu führen. So kamen die Scharfs dann 1909 nach Kripp und blieben dort bis 1924. Bis 1933 Aufenthalt in Köln mit dortiger Anstellung in der Kölner Lederfabrik und 1933 dann Anstellung in den Lederwerken in Friedrichsdorf/Taunus. Die Familie blieb immer zusammen. Sohn Adolph promovierte zum Arzt und war auch in Friedrichsdorf, genau so wie Sohn Richard, der in Köln ein Studium abgeschlossen hatte.



In dem Buch „Knoblauch und Weihrauch“ von Rudolf Menacher lesen wir auf Seite 118: Dr. Scharf, der Ehemann von Gerta Hirsch, war zusehends in seinen beruflichen Möglichkeiten eingeschränkt worden. 1935 hatte er eine Praxis in Weibern eröffnet. Aber die örtlichen Nazis hatten ihn bereits als Judendoktor vorgeführt. Er durfte keine Kassenpatienten behandeln. Wer ihn konsultieren wollte- er hatte bald als Arzt einen guten Ruf-, kam abends oder gar nachts. 1936/37 hatte man ihn vorübergehend verhaftet, angeblich weil er gegen irgendwelche ärztlichen Vorschriften verstoßen hatte. In diesem Klima der Missgunst, des offenen und verdeckten Antisemitismus betrieb Dr. Scharf Vorbereitungen zur Auswanderung. So hatte er schon seine medizinische Einrichtung in Blechkisten verpackt. Als dies ruchbar wurde, beschlagnahmte man zumindest einen Teil dieser Kisten.
Auf Seite 121 dieses Buches skizziert Gerta Scharf, die Ehefrau von Adolph Scharf in einem Brief von 1991 ihre Auswanderung:
" Wir waren glücklich, unsere Fahrkarten nach Havanna zu haben, und wir verließen Hamburg am 26.November. Einmal in Kuba angekommen, versuchten wir alles, um meine Mutter und meinen Bruder aus Deutschland herauszubekommen - mit Erfolg. Sie bestiegen das letzte Schiff, das sie auch an das avisierte Ziel brachte. Andere Schiffe durften garnicht landen. Was für ein Glück für uns! So waren wir alle vier wieder in Kuba zusammen, bis wir unser Visa für die USA erhielten. Ich erhielt meines bereits im Dezember 1939 und fuhr sogleich nach New York. Adolf (der Ehemann von Gerta Scharf) kam im Mai 1940 nach, meine Mutter und Walter (Walter war der Bruder von Gerta *1906) folgten Ende 1940"



Gerta Scharf und Adolf Scharf waren 1946 wohnhaft in 1105 Elder Avenue, Bronx, New York. Gerta Scharf bekam ihre Ein= bürgerung am 6.Mai 1946, ihr Ehemann Adolf am 7.1.1946. Das Zertifikat der Einbürgerung ist in meinem Archiv, versehen mit beider Unterschrift. Adolf verstarb 1976 und Gerta 1994. Nach 1951 wohnte Gerta in einem anderen Teil von New York 11 Riverside Dr Apt 6jw, NY, ein Appartment Haus.

So ging ein langer Weg der jüdischen Familie Scharf zu Ende, von Mährisch Ostrau nach Amerika, zurück nach Kripp in Deutschland, weiter über Köln, Friedrichsdorf im Taunus, Sinzig, dann nach Kuba, Florida und New York.