Kripper Johanniskirche ©

Bericht von Willy Weis und Hildegard Fun©


Die Kripper Kapelle, umgangssprachlich “Johannissaal” genannt, war ein nach Nordwesten gerichteter, verputzter Bruchsteinbau mit gestreckter, fünfseitiger Apsis und Innenmaßen von 15,75 Metern Länge sowie 6,92 Metern Breite. Seitlich waren Strichbogenfenster angebracht. Den Chor erhellten zwei breitovale Fenster, so genannte “Ochsenaugen”. Der Eingang an der Stirnwand war mit einer, von der Schlosskapelle Arenthal stammenden, geschnitzten Eichendoppeltüre versehen. Darüber befand sich außen eine auch noch heute vorhandene Nische zwischen zwei stichbogigen Fenstern, oberhalb davon ein weiteres, rundes Fenster.


  Einer Bauzeichnung des Vikars Schauppmeyers von 1847 zu Folge, waren die heute in der Stirnwand befindlichen beiden stichbogigen Fenster noch nicht vorhanden. Sie wurden vermutlich erst bei der ersten grundlegenden Renovierung im Jahre 1867 gebrochen. Ein über dem Chor vorhandener, achteckiger Dachreiter mit Schweifhaube diente als Schall-Luke für das vorhandene Bronze-Geläut. Der Kapelleninnenraum war nach oben hin mit einer Flachdecke abgeschlossen.
Der 1847 gefertigten Beschreibung zu Folge war links vom Altar die Kanzel und rechts der Stuhl für den Sensschöffen, der umgangssprachlich Opfermann, früher “Aufemännesch” genannt wurde. Dessen Ehrenamt bestand unter anderem im Einziehen des Opfers (der Kollekte)

Ein Chorprogramm am Altar zeigte das Herstellungsjahr an: “lesV Christo CruVClflXore-DeMptorl krippenenses”. Bei dieser Inschrift handelt es sich um den Weihenspruch “Jesus Christus, dem gekreuzigten Erlöser” Hinsichtlich des Chronogramms halten die Verfasser es zum besseren Verständnis für angebracht, eine nähere Erläuterung zu geben, die auch für spätere Beobachtungen lehrreich sein könnte.

In dem Weihespruch fällt die Groß- und Kleinschreibung lateinischer Buchstaben auf. Lateinische Buchstaben können als “liberae numeralis” auch Zahlenwerte beschreiben. M bedeutet 1000, D ist 500, C ist 100, L ist 50, X ist 10, V ist 5 und I ist 1. Durch geschickte Wortwahl ist es möglich, vermittels der Großschreibung einzelner buchstaben – wobei im Lateinischen das V auch für U stehen kann- eine Jahreszahl darzustellen. Im oben genannten Chronogramm ergeben die aneinander gereihten Großbuchstaben- geordnet nach dem jeweils größten wert- MDCCXXIIII, also 1826. Der Altar wurde vermutlich nach 1924 verkauft, den nein Eintrag in den Kirchenanalen weisen einen Kaufantrag des Kunstschlossers Schmitz aus Oberkassel bei Bonn auf, ihm den Altar mit Zubehör für 30 Rentenmark zu verkaufen. Sein Angebot wurde jedoch, weil zu niedrig, von der Kirchengemeinde 1923 abgelehnt. Das Orgelgehäuse, dessen Herkunft unbekannt ist, wurde laut Notariatsakten des Amtsgerichtes Sinzig vom 7.Oktober 1822 durch den Kantonalpfarrer und Definitor Joh. Josef Windeck und Bernhard Wick, Resident der Kirchenfabrik in Remagen an die Gemeinde Kesseling fü132 Thaler und 2 Groschen versteigert. Bei der Orgel handelt es sich nach heutigen Erkenntnissen um eine Rarität von hohem kulturellen Wert. Die starke Abnutzung der Klaviatur lässt den Schluss zu, dass die Orgel vor dem Einbau in Kripp aus zweiter Hand war. Unbestätigten Vermutungen zufolge soll sie aus einem Kloster im Raum Godesberg/Wachtberg stammen.


 
Die Besonderheit des früheren Orgelwerkes mit schätzungsweise 8 bis 9 Registern ist das Register “Flöte4”, eines der seltensten Register. Kleine, runde Holzpfiefen verleihen dem Register hohe und dennoch ungeheuer weiche Töne. Die ältesten Register an dieser Orgel sind die weichesten. Nach Auskunft heutiger Experten ist die Orgel trotz ihres geringen Angebots an Registern mit einem so weichen Klang ausgestattet, dass sie im weiten Umkreis als “romantische Orgel” bekannt ist.

Der Nachweis einer neuen Orgel geht aus den Eintragungen von Rechnungen im Kirchenbuch aus der Zeit zwischen 1844 und 1871 hervor, unter anderem von einem “Orgelbauer Göbel, Koblenz”, des weiteren ein Rückstand von 24 Thalern an “Johann Lohmer wegen der neuen Orgel”.

  Da die Kirche damals nicht vom Staat unterhalten wurde, stattete man sie von Seiten der Gläubigen mit Sach- und Geldzuwendungen aus, um die wirtschaftliche Sicherheit der Religionsgemeinschaft zu gewährleisten.
Die im “Johannessaal” befindliche Kanzel, im Holzton gestrichen, eine quadratische Bütte mit abgeschrägten Kanten und geschnitztem Flachornament, ist um 1760 entstanden. Die Kanzel, sowie das dazu gehörige, in einem Schlangenkopf auslaufende Treppengeländer, stammte angeblich aus der alten Schlosskapelle zu Arenthal. Ein Oelbild auf Leinwand in den Maßen von 134 mal 83 Zentimetern, mit gescheiftem, oberen Abschluss, zeigte die Taufe Jesu und stammte ebenfalls angeblich aus der alten Arenthaler Schlosskapelle.
An sakralen Kostbarkeiten befand sich in der Kripper Kapelle eine gotische Turm-Monstranz aus Messing als Reliquienmonstranz. Sie besaß eine Höhe von 35 Zentimetern. Auf dem zierkranz Sechspassfußes befanden sich Reliefs der Mutter Gottes, des Hlg. Johannes Nepomuk und der Hlg.Barbara.

Außen in der Wandnische der Stirnseite stand das Standbild des Hlg.Jahannes Nepomuk aus gebranntem Ton. Es war überstrichen und 1,10 Meter hoch. Auf der Rückseite war eineritzt: A(nn)O 1725. Die Statue ist eine verkleinerte Nachbildung der 1693 auf der Prager Karlsbrücke errichteten Statue. Figur und Monstranz befinden sich noch heute in der Kripper Pfarrkirche.




Im Jahre 1844 erhielt die Kapelle zwei bronzene Glocken, vermutlich auf Ratenzahlung, denn 15 Jahre später war noch ein Rückstand für die Glocken auszugleichen. Die Glocken wurden am 19.Mai 1844 für 27 Silbergroschen Frachtlohn von einem Laurens Breuer in Bonn abgeholt. Dass sich bereits vorher eine Glocke in der Kapelle befand, geht aus einem Eintrag im Kirchen-Rechnungsbuch vom 29.Juli 1832 hervor:

“16 Silbergroschen dem Joh.Tempel und Henr. Lütchen für Arbeit an der Glocke bezahlt.”

Bis 1844 gab es weitere Reparaturrechnungen.

Die drei Glocken von 13, 17 und 24 zentnern befanden sich oberhalb der Apsis Decke. Der Austritt des Klangvolumens erfolgte über Oeffnungen des darüber befindlichen, schalloffenen Dachreiters.

Nach fast 100-jähriger Benutzung musste 1867 eine eingehende Renovierung der Kapelle durchgeführt warden. Zwei in der Mitte durchgefaulte Balken des Balkenlagers unter dem Glockenturm verursachte ein Absacken der Decke über dem Altarraum um vier Zoll während einer sonntäglichen Messfeier, so dass der zelebrierende Geistliche sich gezwungen sah, den Glockenstuhl nach der Messe selbst in Augenschein zu nehmen. Auf Grund des als Lebens bedrohlich bezeichneten Bauzustandes, hatten die Sicherungsarbeiten am Glockengebälk ohne mindesten Aufschub mit gleichzeitigem Untersagen des Glockengeläutes zu erfolgen.

Das Kapellengelände befindet sich in der heutigen Quellenstraße 34, in 58,20 Meter über dem Meeresspiegel und bildet im Normalfall die obere Grenze bei Hochwasser. Bei extremen Hochwässer wie 1888, 1926. 1993 und 1995, steht die Kapelle unter Wasser. Aus diesem Grunde wurde 1845 eigens eine Hochwasserkapelle”Zu Ehren der schmerzhaften Mutter” an der Quellenstraße, gegenüber der Einmündung Voßstraße, gebaut. Über die “Hochwassernotkapelle” werden wir in einem eigenen Kapitel berichten.

Auf Grund der herrschenden , engen Raumverhältnisse in der johanneskirche, woe in Großteil der Kripper Gläubigen die Gottesdienstfeier wegen dauernder Überfüllung nur noch außerhalb der Kapellentüre wahrnehmen konnte, fanden Pläne einer Kapellenerweiterung mit rundem Altarraum bei den Kripper Gläubigen keinen rechten Anklang.

Man dachte an einen Kirchenneubau.

Diese Idee wurde von Pfarrer Lenzen unterstützt. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde die Kirchenbaufrage durch die fühlbare Zunahme der Bevölkerung aus Platzgründen immer aktueller. Die Idee eines Kirchenneubaus fand die sofortige Zustimmung des Erzbischöflichen Generalvikariats, so dass man schon 1900 mit dem Bau des neuen, großen Gottehauses begann.

Nachdem die neue Kirche 1902 eingeweiht worden war und die alte Kapelle, Johannessaal genannt, ausgeweiht wurde, diente diese nach einer Renovierung im Jahre 1910 dem Ort als Vereinssaal. Gemäß Sitzungsbeschluss des Kirchengemeindevorstandes vom 24. Januar 1912 sollte die ehemalige Kapelle für akirchliche und weltliche Verwendung instandgesetzt warden, wobei der äußere Verputz und die Dachreparatur aus dem Kirchenkassenetat 1912/13, die übrigen anfallenden Reparaturen von dem jährlich angesammelten Geld des Kirchenchores beglichen warden. Die Kapelle soll als Versammlungsort der Jugend, als Handarbeitsschule für Mädchen, als Übungslokal des Kirchenchores und für sonstige Zwecke Verwendung finden.

Im Ersten Weltkrieg wurde in der ehemaligen Kapelle eine kleine Kommandantur eingerichtet. 1917 erfolgten Verhandlungen über den Ankauf eines schmalen Streifens Ackerlandes, der zur Stadtgemeinde Sinzig gehörte und für 20 Mark zum Verkauf anstand.

Eine weitere Renovierung fand 1927 statt. Von dieser Zeit an war Abstieg vom Vereinshaus zum Kindergarten, zur Turnhalle bis hin zur Lagerhalle vorprogrammiert. Ein fast 20jähriger Leerstand versetzte den Johannessaal in eine trostlose Ruine. Seit begin der 50er Jahre wurde der Verfall immer offenkundiger. In Folge des verwahrlosten und heruntergewirtschafteten Zustandes, stimmte 1964 eine gutachterkommission dem Abriss wegen Einsturzgefahr zu.

Das Kölner Ehepaar Rübbert erfuhr in Paris, anlässlich einer Reise, zufällig vom Schicksal der Kapelle. Da sie stets das Besondere suchten, führte ihr Weg auf der Rückreise über Kripp. Trotz des desolaten Zustandes der Ruine wurde es eine Liebe auf den ersten Blick. Aus den Interessenten wurden nun Eigentümer der damaligen Hauptstraße 86.

Das Kapelleninnere wurde in ein dreigeschossiges Wohnhaus mit Atelier umgewandelt und mit künstlerischen Touch neu belebt. Voller Stolz konnte dien denkmalpflegerisch motivierte Familie Rübbert nach dem Einzug am 20.juni 1965 auf eine gelungene Renovierung im Einvernehmen mit der Denkmalpflege zurückblicken.

Heute ziert der ehemalige Johannessaal im äußeren Erscheinungsbild mit einer hervorragenden Bausubstanz das jetzt als Wohnhaus dienende Hausgrundstück Quellenstraße 34, am oberen Ende des Unterdorfes mit der originalen Eingangstüre, jedoch ohne den achteckigen Dachreiter mit seiner Schweifhaube.

Mit Sicherheit wäre Kripp – wenn nicht der Zufall Schicksal gespielt hätte- heute um ein Kulturdenkmal ärmer, und es würde sich eine Baulücke ode rein zeitgemäßer Neubau auf dem historischen Grundstück befinden. Der Hl. Nepomuk grüßt heute wieder aus der Stirnwandnische der ehemaligen Kapelle alle Kripper Bürger und Besucher des Ortes in Original getreuer Kopie. Der ehemalige Johannessaal, der als Gebäude in Kripp zweifellos einen besonderen Rang einnimmt, genießt heute Denkmalschutz.