Tagebuch Lager Kripp-Sinzig 1945

Im Jahre 2009 sprach ich mit Professor Otfried Wagenbreth über seine Zeit im Kriegsgefangenenlager Kripp-Sinzig. Seine Aufzeichnungen über diese Zeit sind zu lesen in den Bonner Geschichtsblätter Band 51/52.

Die Aufzeichnungen von Otfried Wagenbreth über seine Gefangenschaft im Lager Kripp bei Sinzig vom 3. Mai bis 1.Juni 1945 über einen Zeitraum von 4 Wochen, sind ein erschreckendes Zeugnis des Hungers und der völlig unzureichenden Unterbringung der deutschen Kriegsgefangenen. In ihrer Ausführlichkeit ist der Text von äußerster Seltenheit. Die Zeichnungen, die Professor Otfried Wagenbreth als 18 jähriger im Gefangenenlager Kripp/Sinzig anfertigte, schickte er mir 2009 zu. Ich danke ihm recht herzlich für die Bearbeitung meiner Manuskripte und die Zusendung seiner Handzeichnungen..

17.IV.1945 Dienstag


Mittags 12 Uhr hatte mich ein Ami aus meinem Loch (bei Alterode im Harz) herausgeholt. Mit Gleser zusammen den Rucksack auf dem Rücken, zogen wir nun vor dem Ami in Alterode ein, wo wir die weiße Fahne vom Hause des Bürgermeisters gleich am Ortseingang sahen. Zusammen mit dem Landgendarm Saupe, einem Bergisdorfer (Bergisdorf bei Zeitz), steckte man uns ins Amtszimmer des Bürgermeisters, wo wir Taschenmesser, Waffen usw. abgeben sollten. Die Durchsuchung war ganz lässig, meinen Rucksack hat mir ein Ami durchsucht. Allmählich wurden wir mehr und in den Kartoffelkeller gesteckt. Hierher kamen noch einige Zivilisten mit Verpflegung, Gepäck und Auskünften. Mancher ließ sich noch sein Gepäck aus dem Quartier bringen. Plötzlich ging die Tür auf und herein kam Kampfgruppe Kusch. Außer der Gruppe Uffz. (Unteroffizier), Alverden, also Kusch, Uffz., Lange, Sommerfeld, Scholz, Mager, Heß, Trebst, Knoth. Von einem Jungen ließ ich mir noch meinen Brotbeutel aus meiner Regenröhre holen. Gegen 14 Uhr fuhren wir im LKW über Sylda nach Quenstedt, von dort weiter nach Hettstedt, wo wir bis zum Abend in einem Hof lagen, etwa 500 Mann. Abends im Omnibus über Leimbach-Klausstraße, an Gräfenstuhl-Saurasen vorbei, durch Rammelburg, wo noch ein bewegungsfähiger SPW (Schützenüpanzerwagen) aus unserer Rommelburger Zeit da stand, Friesdorf nach Wippra, wo man sogar die Wipperbrücke gesprengt hatte. In Wippra in einem größeren offenen Gatter übernachtet. Dabei eingeregnet.

18.IV. 1945 Mittwoch

Früh von Wippra über Sangerhausen nach Artern. Dort nach Durchschleusen endloser Gefangenenreihen vor der Zuckerfabrik erste Verpflegung: 1 Büchse Fleisch mit Gemüse, 1 Büchse Keks, Zucker u. Bonbons, Mittags fahren 32 LKW mit uns Kurs West. Sangerhausen, Nordhausen, Sollstedt, Heiligenstadt, Hann. Münden, Kassel, Warburg bis nach Wellda, wo wir im Dunkeln ankamen und wieder in einem großen Stacheldrahtkäfig übernachteten. Besonders die Fahrt von Nordhausen bis nach Hann. Münden war ein Erlebnis für mich. Nur für mich waren die vielen alten romanischen Dorfkirchen in wuchtigem Bruchsteinbau, Bennungen, Pustleben, Elende, dazu die Kalischächte (Pustleben, Obergebra, Sollstedt), die als kleinere allein stehende Werke in der Stufenlandschaft als Muschelkalk und Buntsandstein stehen, wie sie die Hainleite in auffälliger Weise darstellt. Der Kalischacht Obergebra ist neuerdings Munitionsfabrik gewesen, von Heiligenstadt bis Hann. Münden wurde die Landschaft zum Z.T., das Werratal, durch die hohen, felsigen, bewaldeten Bergformrn des Buntsanddteines bestimmt. In Wellda führten uns dann die Schwarzen, die als Fahrer eingesetzt waren, mit lautem Geschrei in die Käfige.

19.IV.1945 Donnerstag

Heute früh bei Morgengrauen sahen wir erst die ganze Ausdehnung des Lagers, es waren drahtumzäunte Käfige, zusammen mehrere hundert Meter lang und breit. Und nun, noch war es fast dunkel, loderten im Lager überall kleine Feuer auf, die die Gefangenen nach der kalten sternenklaren Nacht erwärmen sollten. Ein gespenstisches Bild, die vielen kleinen, roten flackernden Lichter, die vielen grauen Rauchfahnen.. Bei uns standen Kameraden gruppenweise zusammen und machten sich durch Herumtreten warm. Wir Alteroder waren auch zusammen geblieben. Als nun in dieser Stimmung, bei der völligen Ungewiss-heit unseres Schicksals, plötzlich aus einem benachbarten Lager das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ herüber klang, gesungen von mehreren dutzend Soldaten, konnte man wehmütig an die vergangenen besseren Zeiten denken und hoffen, dass der entscheidende Schritt wieder zu besseren Zeiten nicht allzu lange auf sich warten lassen würde. Am Tage versuchte ein Ami, anscheinend ein guter Psychologe, durch eine politische Unterhaltung Leute herausz4-ubekommen, von denen sie etwas erfahren können. Der Krieg würde nicht mehr als 14 Tage dauern, Österreich sei selbstständig, wie er sagte. Besonders scheint sich der Ami für den Ausbau des Obersalzberges (Hitlers Anwesen in Berchtesgaden) zu interessieren.


Wir empfingen früh und abends Verpflegung, was so geschah, dass der Käfig in Doppelreihe in einem anderen, freien geführt wurde, wobei jeder eine Papppackung bekam. So wechselten wir also bei jedem Verpflegungsvorgang den Käfig, so dass es sich nicht lohnte, sich für die Nacht Löcher und Bunker zu bauen. Wir bekamen eine Packung zu jeder Mahlzeit. E gab entweder Breakfast, Dinner oder Supper. Das Breakfast besteht aus einer Büchse Eierkonserve mit Fleisch, 8 Keksen, Kaffeepulver, Früchtebonbon, Kaugummi und Zigaretten. Dinner besteht aus ebensolcher Büchse Käse, gleicher Menge Keks, Kaugummi, Zigaretten, Zucker, dazu Limonade-Pulver, Streichhölzer und Sahnebonbons. Supper besteht aus ebensolcher Büchse Fleisch, gleicher Menge Keks, dazu 3 Würfel Schokolade, Bouillon-Pulver, Zigaretten, Kaugummi und Klosettpapier.

20.IV. 1945 Freitag

Bei Sonnenschein in Wellda; die Verpflegung wieder zwei Packungen

21. - 24.IV. 1945 Sonnabend bis Dienstag

Bei Nordwestwind mit Schauern das übliche leben. An Verpflegung ja Tag nur eine solche Packung. Für den ami bedeuten alle drei Packungen zusammen eine Tagesration

25. IV. 1945 Mittwoch

Wetter wie bisher, an Verpflegung mussten wir uns zwei großen Pappkartons, die Tagesration für fünf Amis unter 18Mann teilen. Das wurde vielseitiger als bisher, mengenmäßig aber entsprach es dem bisherigen. Nur die Teilerei war unangenehm. Die Einzelpackungen schienen alle zu sein.

26. - 28.IV.1945 Donnerstag - Sonnabend

Das Wetter wechselte von Nordwestwind über einen schönen Tag zu Südwest-wind. Verpflegung gab es an jedem Tag 112 g Schokolade in festen Packungen aus Wachspappe. 600 kal. enthielt diese Tagesration.

29. IV. 1945 Sonntag

Südwestwind. 112 g Schokolade, dazu abends deutsche Verpflegung: 1 Tubenkäse, wie in Naumburg, und 12 Zwiebäckse.

30. IV. 1945 Montag

Südwestwind. 4 Zwiebacks, Konservenbüchse Käse (800 g zu 5 Mann)

1. V. 1945 Dienstag

Südwestwind, 8 Zwiebäcke, jeder eine 800 g Käsebüchse

2. V. 1945 Mittwoch

Heute könnten wir in Wellda 14-tägiges Jubiläum feiern. Viele waren schon vorher abtransportiert, auch Knoth und Gläser hatten wir verloren. In LKW´s und Bahn kamen die Gefangenen in Stammlager. Auch unser Käfig, wo wie auch in anderen etwa 6000 Mann lagen-ganz Wellda fasste in den vollsten Zeiten 30000 Mann, war oft dran, nur wegen Drängelei nahm der Ami stets einen anderen Käfig dran, so daß wir mit zu den letzten Welldaern gehörten, die heute abtransportiert wurden. Wir drei, dazu Kusch und Jäger, Kanther waren noch beisammen. Beim Verladen auf die 100-Mann-LKW´s gab es Verpflegung: 8 Zwiebäcke und wieder eine 800 g Käse-Büchse. Schwarze Fahrer fuhren uns dann von Mittag an über Warburg, Gießen, Wetzlar, Weilburg, Limburg, die Autobahn nach Linz am Rhein. Dort nachts 2 Uhr über den Rhein, dessen breite Wasserfläche sich im Scheinwerferlicht bläulich wiederspiegelte. Am anderen Ende der Pontonbrücke lag Ahrweiler, wo wir nach kurzem hin- und herfahren in ein großes Lager kamen.
Die Fahrt Wellda-Ahrweiler wurde uns zu einem einzigartigen Erlebnis. Vierzehn Tage hatten wir in Kälte und Hitze, bei Regen und Sonnenschein, bei Schlamm und Staub, bei Tag und Nacht in Wellda unter freiem Himmel gelegen. Hauptbeschäftigung war essen, nebenbei las ich etwas (Erdbild und Erdzeitalter, Atom und Kosmos) und schließlich musste ich anfangen, Läuse zu knacken. Nun fuhren wir auf einmal durch die frisch grünende Maienlandschaft, die bewegten Buntsandsteinhügel leuchteten in hellem Grün mit den Feldern um die Wette. Als wir durch einen Wald fuhren, waren die reinen Zweige fast zum Greifen nahe. Und in dieser Landschaft lagen saubere Häuser und Dörfer, wie glücklich mußten die Menschen sein, die sich hier frei bewegen konnten!

In Volkmarsen sahen wir auf dem Berg die alte Ruine, in Arolsen das barocke Schloß (oder Kloster), das mich an viele Orte erinnerte, die ich in glücklichen Jahren besichtigt oder gezeichnet hatte: Bayreuth, Würzburg, Gößweinstein. (auf Reisen in den Schulferien mit den Eltern)- Der ganze Ort war planmäßig beiderseits einer Hauptstraße in Barock erbaut worden. Bei einem Halten in Mehlinghausen bekamen wir die Liebe der Bevölkerung, die auch sonst stets winkte, zu spüren. Unser LKW hielt vor einer Bäckerei: es dauerte nicht lange, und die Bäckersfrau brachte Brote über Brote heraus, für unseren Wagen mindestens 12, die, zwar noch warm, uns gut schmeckten, da wir über 14 Tage keines gegessen hatten. Wir drei und Kanther hatten ein ganzes Brot und reichten damit bis kurz vor Limburg. Von der anderen Seite wurden zwei Würste hoch gereicht, auch kleiner Stücke Brot kamen viel auf den Wagen geflogen, Äpfel, Zigaretten. Ich teilte mir mit einem eine eingepackte Fettschnitte, die mir gegen die Lippen geflogen war.

Die Fahrt ging weiter durch das schöne Illertal, anschließend das Edertal aufwärts,eine Landschaft, deren Schiefergebirgs-charakter nicht zu verkennen war. Von Frankenberg an war die Landschaftsform durch den Buntsandsteinkies bestimmt, bis nach Gießen-Wetzlar. In Marberg war das Bahnhofsviertel schlimm zerstört, aus einem Russenlager tönte uns ein wüstes Geheul entgegen.
Schon in Frankenberg, auffälliger aber bis nach Limburg weiter, zeigten die Dörfer und Kleinstädte in ihren Fachwerkhäusern echt hessisches Gepräge; abgesehen von mir aus Ostthüringen unbekannten Schnitzereien und Malereien der Felder ist auch die Anwendung der Balken ganz anders, als ich bisher kannte.
Jenseits des Lahntales, zwischen Gießen, das übrigens schwer zerstört ist, besonders am Bahnhof, und Wetzlar lagen zwei Burgen auf spitzen Kuppen, von denen ich leider nichts näheres erfahren konnte. (Offenbar die Burgen Gleiberg und Vetzberg) .Hinter Wetzlar fuhren wir an der Burg Braunfels vorbei, einer mächtigen Anlage mit großem Bergfried hoch auf einer Kuppe, anscheinend allerdings vor einiger Zeit unsachgemäß (gemeint ist historisierend) erneuert.
Vor Weilburg ging der Blick weit über die beschwingten bis in den blauen Dunst des Horizontes hintereinander liegenden Bergzüge des Landes zwischen Lahn und Rhein. Als wir den Berg nach Weilburg hinein fahren, also ins Lahntal hinunter, kamen wir an einen kleinen Schacht vorbei, von dem ich – wie sich später herausstellte, richtig, vermutete, dass dort Roteisen abgebaut wurde. Tagesanlagen waren kaum vorhanden. Von der Straße sah ich auch jenseits Weilburg noch einen Schacht. Unten in Weilburg wurden wir von dem schönen Schlossbau überrascht, der hauptsächlich der Renaissance angehörte und in den Terrassen eine gepflegte Sauberkeit zeigte. Nach einer Inschrift gehörte Weilburg zu Hessen-Nassau. Das Schloß zeigte auf der Fahrt zur Lahn hinunter und drüben den Berg wieder hinauf immer wieder seine abwechslungsreiche Schönheit, wozu die ganze Lage zwischen den steilen Bergen des Lahntals viel beitrug. Hinter dem nächsten Dorf in Richtung Limburg fuhren wir noch einmal an einem Schacht vorbei, wo ich auch die von Roteisen rot gefärbten Klärbecken sah. Von diesem Schacht führte eine Seilbahn in Richtung Weilberg weg, vielleicht zu einem Bahnhof im Lahntal?

Dem Limburger Dom sahen wir von der Ferne über der Stadt in der waldlosen Landschaft. Kurz vor Limburg bogen wir auf die Autobahn ein, fahren in Richtung Köln, bis wir wegen einer gesprengten Brücke wieder herunter mussten. Bei Dunkelheit kamen wir durch die ersten umkämpften Dörfer des Rheinlandes, und um Mitternacht fuhren wir in steilen Serpentinen zum Rhein hinunter. Gegen 3 Uhr früh waren wir im neuen Lager. (Die gesamte Zeit in Wehrmacht und Gefangenschaft war ich mit meinem Schulfreund H.U.Trebst zusammen. Nachdem wir uns bei der Ankunft im neuen Lager nachts unterhalten hatten, stand früh E.H.Amberg, ein gemeinsamer Schulfreund vor uns, der zwar im Raum Riesa-Meißen an der „Ostfront“ eingesetzt war, aber dann auch irgendwie nach Sinzig gekommen war.)


Schematischer Schnitt durch eine selbstgeschaffene "Unterkunft" für drei Mann im Lager Sinzig


3.V. 1945 Donnerstag

Als erstes stellten wir drei uns zwei Stunden nach Wasser an, noch eine primitive Geschichte für die Größe des Lagers! Jeder schöpft das stark gechlorte Wasser selbst aus dem Behälter. Später bekam jeder Käfig (je 700 Mann etwa) eine Leitung mit vier Hähnen, wo Rheinwasser, allerdings desinfiziert, floß. Das Wasser holen blieb aber trotzdem ein Kapitel für sich. Bei Sonnenschein wurden wir sortiert, Jugendliche bis zu 18 Jahren auch für sich. Als 7.Tausendschaft, 1.Hundertschaft bei der 8-Gruppe mit Klaus als Gruppenführer (10 Mann) kamen wir ins Jugendlichen-Camp, wo wir noch am selben Abend, für fünf Mann eine Grube zu graben, mit Löffeln und Konservenbüchsen!

Verpflegung 2 Eßlöffel Büchsenfleisch, 2 Eßl. Erbsengemüse, 1.5 Eßl Miolchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 2 Eßl. Kaffee, 2Eßl. Bouillonpulver, Milchpulver, Zucker und Kaffee aß ich trocken gemischt, das andere kalt, Bouillon mit Wasser angerührt.


Die Verpflegung wurde wie folgt verteilt: In jedem „Käfig“ lagen etwa 5000 Mann. Diese waren in Tausendschaften, Hundertschaften und Zehnergruppen eingeteilt. Die angelieferte Verpflegung wurde entsprechend auf die Tausendschaften, Hundertschaften und Zehnergruppen verteilt, von deren Gruppenführern dann, unter den Augen der Gruppenmitglieder, auf die Einzelnen. So ergaben z.B. 70 Rosinen für die Zehnergruppe 7 Rosinen für den Mann, entsprechend 15 Esslöffel Milchpulver für die Zehnergruppe 1.5 Esslöffel pro Mann.


Originalaquarell von Otfried Wagenbreth aus dem Gefangenenlager Kripp/Sinzig. Vorne der Zaun, dahinter die Büsche am Ufer der Ahr, das Dorf Kripp mit Wasserturm und Kirche. Er dachte zuerst, der Ort sei Sinzig, strich diesen Namen dann durch und schrieb Kripp darunter. Titel: Morgen über Kripp am Rhein. 2.V.1945

4.V. 1945 Freitag

Wir drei bauten unsere Höhle weiter, Kanther und Horst (ein Kassler, den wir hier kennenlernten) ihre nebenan, durch eine Sicherheitsmauer getrennt. Mit löffeln und Büchsen, wie gestern, kamen wir heute etwa 40 Zentimeter tief, dazu kam dann noch die Höhe des Walles ringsherum, so dass wir abends vor einer ansehnlichen Grube standen. Bloß für die Beine war sie etwas zu kurz.

Wetter wie gestern.

Verpflegung 50g Weißbrot, ½ Eßl Käse (beides zusammen, schmeckte wie Kuchen), 1.5 Eßl Corned Beef, 1.5 Eßl. Sauerkraut (beides kalt im Koch-geschirrdeckel gegessen), Milchpulver, Zucker, Kaffee (trocken gemischt gegessen), Bouillon (kalt angerührt), 1 Kartoffel

5. V. 1945 Sonnabend

Südwestwind, teils Regen. Wir bauten unsere Höhle weiter, mit Wllhöhe 80 cm tief, höhlten am Kopfende in der Länge weiter aus, um für die Füße Platz zu bekommen, und decken abends provisorisch mit zwei Dreieckzeltbahnen über einem Stacheldrahtgeflecht.

Verpflegung Corned Beef, Sauerkraut, Erbsengemüse (zusammen im Kochgeschirrdeckel), Milchpulver, Zucker, Kaffee (trocken gemischt), Bouillon, Marmelade, 1 Kartoffel (roh dazu), 1/12 l Most

6. V. 1945 Sonntag

Regnerisch, bewölkt. Früh war Entlausung am anderen ende des Lagers, das war ein Marsch. Über 1 km ist das Lager lang, für mehrere 10000 Mann. Am Zaun in großen abständen Hochstände zur Bewachung. Wir deckten unsere Höhle besser mit den zwei Zeltbahnen. Zum Zudecken hatten wir unter diesen Viereckzelten für die Füße und zwei Decken. Abends, wie in Zukunft fast jeden Tag, eine rege Flugtätigkeit, besonders 4-motorige Bomber (Liberator, Fortress), dazu Lightning u.a., meist niedrig.

Verpflegung 2.5 Eßl. Fleisch mit Möhren, 2 Eßl. Erbsen, 1.5 Eßl. Spinat (kalt im Kochgeschirrdeckel), 1 Eßl. Rote Rüben, 1 Eßl. Tomatenkompott (in einer Konservenbüchse als „Nachtisch“), 1.5 Eßl. Erbsenpulver, 7/10 Trocken-aprikosen (7 für 10 Mann!), 1Eßl. Fett (roh gegessen), 2.5 Eßl. Milchpulver, 2 Eßl. Eipulver (mit wenig Wasser kremartig angerührt und kalt gegessen), 3 Kartoffeln, die Butterdose voll Trockenkartoffeln.


7. V. 1945 Montag

Sonnenschein, Ostwind, Fußschmerzen durch Erfrierung in dem nasskalten Wetter in Wellda und hier.


Verpflegung 3 Eßl. Fleisch und Gemüse, 1.5 Eßl. Erbsen (kalt im Koch-geschirrdeckel), 2 Eßl. Milchpulver, 4.5 Eßl. Zucker, 2 Eßl. Kaffee (kalte Krem in der Butterdose), 1 Eßl. Apfelmus, 1.5 Eßl. Nudeln (roh), 7 Rosinen, 1 Eßl. Zitronenpulver (mit Wasser angerührt), 3 Kartoffeln. - Die Verpflegung gab es stets abends, wir aßen sie abends auch auf, bis auf Kartoffeln, Trockenkartoffeln oder ähnliches, was wir immer am nächsten Vormittag aßen.


8. V. 1945 Dienstag

Sonnenschein, Fußschmerzen, Durchfall. Auf Anweisung des Reviers kühle Umschläge, kurze Sonnenbäder, Gehversuche, Fußerfrierung ist jetzt hier all-gemeines Leiden.


Verpflegung mittags je ein Eßl. Fleisch, Erbsen, Zucker, Milchpulver (teils kalt, teils wieder mit wenig Wasser als Krem gegessen), 2 Kartoffeln. Abends: 3 Eßl. Fleisch mit Gemüse, 3 Eßl. Bohnen, 1 Eßl. Spinat (kalt im Kochgeschirrdeckel), 2.5 Eßl. Milchpulver, 2 Eßl. Zucker (Krem in der Butterdose), 1.5 Eßl. Tomaten („Nachtisch“), ½ Eßl. Fett, 2 Eßl. Tee, ¼ Eßl. Zitronenpulver (eingerührt)


Titel des Aquarells: Linz am Rhein. Vorne der Rhein, dahinter der Kirchturm von Linz mit dem Kaiserberg. 9.V.1945

Durch Lautsprecher erfahren wir vom Kriegsende. Nachdem wir auf der Fahrt hierher von Hitlers Tod erfahren hatten, hörten wir jetzt vom Waffenstillstand mit Dönitz. Hitler sollte nach dem ersten Gerücht beim Kampf um die ReichsKanzlei, nach dem zweiten in Berchtesgaden, nach dem dritten durch Selbstmord, nach dem vierten durch Gehirnblutung ums Leben gekommen sein.

9. V. 1945 Mittwoch

Sonnenschein, Fußschmerzen, Fußbad in einer Schlammpfütze.

Verpflegung je 1 Eßl. Fleisch, Fisch, Spinat (im Kochgeschirrdeckel), 1 Eßl. Tomaten (Nachtisch), 1 Eßl. Grieß, 2 Eßl. Milchpulver (kalt als Krem), 2 Eßl. Tee, 1.5 Eßl. Salz, 2 Trockenaprikosen, 1 Tüte Brausepulver, 2 Eßl. Erbspulver, 1 Eßl. Käse, 7 Kartoffeln.

10. V. 1945 Donnerstag

Sonnenschein, Fußschmerzen, rohen Kartoffelbrei gemacht, wozu ich als Kartoffelreibe einen Büchsendeckel durchlöcherte. Leere Konservenbüchsen und Stacheldraht lagen überall herum. Die Büchsen dienten als Behältnisse und wurden zum Zeitvertreib oft mit mustern graviert.

Verpflegung 1.5 Fisch, 1.5 Eßl. Sauerkraut, 1.5 Eßl. Erbsen (im Kochgeschirrdeckel), 1 Eßl. Tomaten („Nachtisch in der Konservenbüchse“) 1.5 Eßl. Milchpulver, 1 Eßl. Grieß, 1 Eßl. Zucker, (als Krem), 1.5 Eßl. Eipulver (mit wenig Wasser, gesalzen, als Krem am nächsten Vormittag), ¼ Eßl. Zitronenpulver, 1 Eßl. Käse, ½ Eßl. Fett, 8 Kartoffeln, 1/10 Paket Milchpulver.

11. V. 1945 Freitag

Umzug aus unserem Lager in Camp 4, wo wir eine bessere Höhle vorfanden,die wir aber wegen des anhaltend schönen Wetters gar nicht erst deckten. Jetzt hatten wir direkten Blick auf das andere Rheinufer.

Verpflegung 1 Eßl. Tomatengemüse, sonst nichts Feuchtes. 2 Eßl. Nudeln, 2 Eßl. Weiße bohnen, 1 Eßl. Grieß, 1.5 Backpflaumen, ½ Eßl.Zitronenpulver, 1/3 Eßl. Fett, 1 Eßl. Erbspulver, 1.5 Eßl. Bratlingspulver, 1.5 Eßl. Eipulver, 1.5 Eßl. Kaffee, 2 Eßl. Milchpulver, 1 Eßl. Trockene Rote Rüben, 1.5 Eßl. Zucker, (nur Krem in der Butterdose angerührt, alles andere teils roh, teils aufgehoben)

12. V. 1945 Sonnabend

Schönwetter, Fußschmerzen, Durchfall

Verpflegung 1.5 Eßl. Fleisch und Gemüse (im Kochgeschirrdeckel), 1.5 Eßl Haferflocken, 1.5 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 1.5 Eßl. Kaffee (in der Butterdose als dicke, kalte Suppe, die Dose halb voll), 1 Eßl. Erbspulver, 1 Eßl. Bouillon (teils aufgehoben, teils kalt angerührt), 2 Eßl. Weizen (roh), 9 Rosinen, ½ Eßl. Zitronenpulver, ½ Eßl. Fett, 2 Eßl. Trockengemüse.


Es war kein Kochen im üblichen Sinne, denn dafür fehlten Öfen und Brennstoff. Es war nur ein anwärmen. Als Öfen benutzten die Gefangenen leere 1-Liter oder 2-Liter Konservendosen, bei denen in halber Höhe aus Stacheldrahtstücken ein Rost und darunter seitlich ein Zugloch eingestochen wurde. Brennmaterial waren Papierreste oder kleine Holzstücke, sofern man solche fand.. Ein benachbarter Gefangener benutzte als Brennstoff die bis ins Lager geretteten Liebesbriefe.

13. V. 1945 Sonntag


Schönwetter, Fußschmerzen,2 Std. nach Wasser gestanden, das ganze Lager marschierte an einer Ärzte-Kommission vorbei, die die Schwächsten aussuchte.

Verpflegung 3 Eßl. Corned Beef, 1.5 Eßl. Spinat (Kochgeschirrdeckel), 2 Eßl. Trockengemüse (Möhren, roh), 1.5 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 1 Eßl. Kaffee (kalte Suppe in der Butterdose), 2 Scheiben Kommißbrot, ½ Eßl. Zitronenpulver, ½ Eßl. Erbspulver, 1.5 Eßl. Bratlingpulver, 2 Eßl. Weizen, ½ Eßl. Fett, 10 Kartoffeln.

14. V. 1945 Montag

Schönwetter, Zählung und Aufstellung der Jugendlichen nach Heimatgauen, was natürlich zu Gerüchten über Entlassung Anlass gab.

Verpflegung 3 Eßl. Corned Beef, 2 Eßl. Sauerkraut, 1 Eßl. Bohnen (im Koch-geschirrdeckel), 1 Eßl. Weiße Bohnen, 1 Eßl. Bratlingspulver, 1 Schluck Apfel-most, ½ Eßl. Zitronenpulver, 2 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 2 Eßl. Kaffee (Krem), 2 Eßl. Eipulver (am nächsten Vormittag als salzige Krem)

15. V. 1945 Dienstag

Schönwetter. Nach langem Holz-Organisieren kochten wir uns eine suppe aus Kartoffeln, seit gestern eingeweichten Bohnen der Vortage, Erbspulver und Bratlingspulver, was sich anders kaum verwerten ließ.

Verpflegung 3 Eßl. Fleisch, 2 Eßl. Erbsen, 2Eßl. Sauerkraut (Kochgeschirr-deckel), 50 ccm Trockengemüse (zum Kochen aufgehoben), ½ Eßl. Rosinen, 1 Eßl. Käse, 1.5 Eßl. Salz, 1.5 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 1 Eßl. Kaffee (kalte Suppe) 1.5 Eßl. Erbspulver, 1 Eßl. Weizen (abends geröstet), 1 Zitronenpulver, 1.5 Eßl. Eipulver (salzige Krem für morgen), 1.5 Eßl. Marmelade, Seife, abends kochten wir noch einmal eine dünne Erbs- und Bratlingpulversuppe mit Kartoffelstücken.

16. V. 1945 Mittwoch


Schönwetter, Zählung nach Heimatgauen und Aufteilung, danach in neue Tausendschaften. Wir 4 Zeitzer sind jetzt 28. Hundertschaft, 2. Gruppe. Gerüchte über Entlassung sprachen vom 17. und 18. Am 18. sollte das Lager leer sein. Eisenhower soll den deutschen Müttern für den 20. ihre Kinder versprochen haben. Nach einem anderen Gerücht hat dasselbe Frau Roosevelt getan. Wir zogen um, in einer ebenso schönen Höhle in der Nähe des Reviers (Zeltgruppe).

Verpflegung 1.5 Eßl. Spinat, 1 Eßl. Tomaten (Kochgeschirrdeckel, 1.5 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 2 Eßl. Kaffee (kalte Suppe), ½ Kochgesschirr-deckel Nudeln (kalt eingeweicht), 5 Pflaumen, 1 Eßl. Erbspulver, 1 Eßl. Zitronenpulver, 1.5 Eßl. Weiße Bohnen, 1 Eßl. Weizen, 10 Kartoffeln.

17. V. 1945 Donnerstag

Mit Entlassung der ersten war nichts. Sonnenschein. Als Arbeitskommando Schamottsteine aus einer 1 km entfernten Fabrik geholt, pro Mann 2 Ziegelsteine. So weit bin ich im vergangenen Monat nicht gelaufen! Es tat aber einmal gut! Durchfall, Kohle aus dem Revier geholt. Zweimal kochten wir Kartoffelsuppe, das erste Mal mit den weißen Bohnen.

Verpflegung 2.5 Eßl. Corned Beef, 1.5 Eßl. Tomaten (Kochgeschirrdeckel), 1.5 Eßl.Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 2 Eßl. Kaffee, 1 Eßl. Rosinen (kalte Suppe), 4 Scheiben Weißbrot ( für morgens früh), ½ Eßl. Fett, 1 Eßl. Erbspulver, 1 Eßl. Roggenmehl (mit in der kalten Suppe), 1.5 Eßl. Weizen (roh und geröstet), 1 Eßl. Trockene Rote Beete, 2 Eßl. Trockenkartoffeln (roh), 1.5 Eßl. Nudeln (gegen Milchpulver getauscht), 1.5 Eßl. Schwarztee.
Anmerkung: Wenn überhaupt, gab es in der Gefangenschaft nur das lockere, nicht sättigende amerikanische Weißbrot. Schwarzbrot bekamen wir erst wieder bei der Heimfahrt in Form der uns von der Bevölkerung in unsere Eisen-bahnwagen (offene Güterwagen) geworfenen Brotpäckchen. Das erste Schwarzbrot nach 8 Wochen: Ein unbeschreiblicher Genuss!

Heute früh erlebte ich einen prächtigen Sonnenaufgang über den Rheinbergen gegenüber von uns. Erst waren die Federwolken nur in violetter Farbe schwach vor dem gelben Himmel zu unterscheiden., dann leuchteten die Wolken kräftig rot in großer Breite, bis die Sonne schließlich wieder das Blau hervortreten ließ und nur noch die leichten Wolken in einem zarten Orangerot erschienen. Das versuchte ich schnell in einem kleinen Aquarell festzuhalten. (Farbkasten, etwas Papier und etwas Lektüre hatte ich in Gefangenschaft mitnehmen können)

18. V. 1945 Freitag

Schönwetter, abends aber ein langes Gewitter mit mehreren Regengüssen, die unsere Höhle in ein Schlammloch verwandelten. Keine Entlassung. 1. Tausendschaft „auf Transportfähigkeit untersucht“. Die Offiziere wurden abtransportiert und das, nachdem ich gestern von Mager aus Borna, den ich zufällig hier getroffen hatte, erfahren hatte,, dass Hpm. Schütze (Major Sch., unser Batteriechef bei der Heimatflak – Fliegerabwehr 1943/44) hier lag, abends wie Major Reis. -Durchfall- , dagegen mit geringem Erfolg Holzkohle gegessen. - Beim Gewitter zwei kleine Wolkenaquarelle gemalt, morgen früh fertig gemacht.


Titel: Sonnenaufgang am Rhein. Es zeigt den Ort Dattenberg mit Kirche, gemalt am 17.V.1945

Verpflegung: 1,5 Eßl. Fleisch, 2 Eßl. Spinat (gegen Tomaten vertauscht), 1.5 Eßl Tomaten (Kochgeschirrdeckel), 4 Scheiben Kommißbrot, ½ Eßl. Fett, (Brot, Fett und fleisch zusammen gegessen), 1.5 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 1.5 Eßl. Haferflocken, 2 Eßl. Kaffee (kalte Suppe), 1.5 Eßl. Weizen (teils roh, teils erst gekaut, dann als Oblate geröstet) 1 Eßl. Erbspulver, 3 Eßl. Nudeln (Nudelsuppe gekocht).

19. V. 1945 Samstag

Die Oberschlesier sollten wegkommen. 2.Tausendschaft untersucht. Abends Gewitter

Verpflegung: 2.5 Eßl. Corned Beef, 2 Eßl. Sauerkraut (Kochdeckelgeschirr), 1.5 Eßl. Tomaten („Nachtich“), 3 Backpflaumen, 4 Scheiben Kommißbrot, ½ Eßl. Käse, ½ Eßl. Fett (zusammen gegessen), 1.5 Eßl. Milchpulver, 1.5 Eßl. Zucker, 2 Eßl. Kaffee (kalte Suppe), 2 Eßl. Nudeln (gegen Milchpulver getauscht), 1.5 Eßl. Eipulver (morgen früh gegessen), 2 Kartoffeln, 1 Eßl. Erbspulver. Abends bekamen die 28., 29, und 30. Hundertschaft pro Mann 1 Konservendose Suppe mit Fleisch und weißen Bohnen, allerdings sehr dünn.

20. V. 1945 Pfingstsonntag

Nichts war´s mit Entlassung! Wir zogen in Camp 18, weil Camp 4 Entlassungs-camp werden soll. Unsere neue Wohnung liegt weiter rheinaufwärts, ein weiter Weg. Abends begann Regenwetter und bei mir Durchfall schlimmster Sorte.

21. V. - 23. V. 1945


Regenwetter und Wasser artiger Durchfall. Schließlich bauten wir uns ein Zelt, wo wir unter 7 Mann eng Platz hatten. Gegen den Durchfall nahm ich Natron und aß sparsam die Mahlzeiten, das Brot hob ich bis zum nächsten Morgen auf. Daraufhin brauchte ich 8 Tage nicht aufs“Klosett“ (in Wellda war ich allerdings überhaupt nicht!).

24. V. Bis 26. V. 1945


Das Wetter besserte sich. Südwestwind mit seltenen Schauern. Ich wusch mich mal wieder und konnte meine Sachen trocknen. In diesen Tagen merkten wir, was es bedeutet, auf andere Gedanken als auf Essen, Wetter und Entlassung zu kommen, was ich für mich schon in Camp 4 gesehen hatte. Heiner (Amberg, Pfarrerssohn) las oft im Zelt aus dem Neuen Testament vor, was bestimmt unsere Gemüter in gutem Sinne beeinflusste. Am Sonnabend zogen die 17 bis 19 jährigen in Camp 20 um, wie es zuerst den Anschein hatte, nur für wenige Stunden, es sollte aber eine Woche werden. Im Camp waren noch über 50-jährige, wie bisher jedes, sollte dieses Camp das sein, was zuerst entlassen werden sollte.

27. V. 1945 Sonntag

Auf die Unordnung von gestern hin wurden heute früh 5 Min. vor dem Brotempfang Hundertschaftsführer eingeteilt, der natürlich seine Gruppen-führer nicht kannte, so dass ein Betrüger unser Brot für die Gruppe abholte und wir in die Röhre guckten. Nachdem wir schon um die Plätzchen im Camp 18 betrogen wurden, für die wir Mehl, Rosinen, Natron u.a abgegeben hatten! Die Hundert- und Tausendschaftsführer aßen jedenfalls. Und dabei hatte es pro Mann 1/3 Brot (von 1 Pfundbrot) gegeben, zum ersten Mal! Die Stimmung war entsprechend.

28. V. Bis 1. VI. 1945

Am letzten Tag im alten Camp hatten wir Rolf Geißler getroffen, den wir nun mit in die Gruppe aufnahmen. (R. Geißler war auch Schulfreund. Damit waren wir in Sinzig vier aus der selben Schulklasse = 50%, da die Klasse zuletzt nur aus acht Schülern des Geburtsjahrganges 1927 bestanden hatte. Geburts-jahrgang 1926 war ein Jahr eher eingezogen worden).
Unter einer Zeltbahn schliefen Heß, Amberg, Erich, Fritz und zuerst Werner, der aber wegen Brotdiebstahls bald herausflog und Brot gekürzt bekam. Unter zwei Zeltbahnen schliefen Trebst, Geisler, Bauzeit und ich zusammen. Während wir mit Klaus in immer größere Meinungsverschiedenheiten kamen, entwickelte sich mit Rolf eine schöne Gemeinschaft in Unterhaltungen über zu Hause, über Literatur, Kunst, Kultur und Wissenschaft. Mit Klaus, der nur übers Essen zu sprechen anfing, kamen wir fast in jedem Gespräch jeglicher Art in Streit. Hier, bei schönem Wetter, nahm meine Schaffenskraft weiter zu, ich nutzte alle Zeit aus für Kunstschrift, Bücher, um zu schreiben und zu zeichnen. Ein schönes Gefühl!
Die Verpflegung wurde besser. Wir kochen wieder Bohnensuppen, ich machte mir mehre male Fleisch und Gemüse warm. Brot hob ich mir bis zum nächsten morgen auf. Es gab meistens etwa ein knappes Drittel pro Mann. Am 1.VI. Begann man, aus dem Camp die ersten zu entlassen. Die Sudetendeutschen wurden herausgerufen, dazu die Thüringer! Die Stimmung stieg demzufolge. Abends wurde bekannt gegeben, daß sich am Sonnabend-Morgen die restlichen Thüringer unbedingt melden müssten, da sie sonst nicht mit dem Thüringer Transport mitkämen. Nachdem wir erfahren hatten, dass Naumburger und Zeitzer schon durchgekommen waren, beschlossen wir, mitzuziehen, genauso Mayer als Bornaer, beim WBK Altenburg/Thür.

Aus der Erinnerung von Otfried Wagenbrecht


Herr Prof. Dr. Wolfhart Langer vom Institut für Paläontologie der Universität Bonn machte den Redakteur der „Bonner Geschichtsblätter“ 1999 auf die Tagebuchaufzeichnungen seines Fachkollegen Prof. Dr. Otfried Wagenbreth aufmerksam. Tagebuchaufzeichnungen als unmittelbare historische Quelle aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Kripp bei Sinzig sind selten. Die wissenschaftliche Literatur über das Kriegsgefangenenlager ist dürftig.Im Jahre 2009 fand dann der Kontakt mit dem Autor der „Kripper Schriftenreihe“ statt, und Herr Prof. Otfried Wagenbreth überreichte Herrn Horst Krebs die originalen Farbzeichnungen aus dem Lager Sinzig/Kripp als Reproduktion.

In dem Entlassungscamp lagen wir etwa eine Woche, die so regnerisch war, dass der Erdboden eine Mischung aus Schlamm und Gras darstellte und an den Bau einer „Unterkunft“ nicht zu denken war. An einem Tage dieser Woche fand die Entlassungsformalität statt. Dazu war in einem langen Zelt eine ebenso lange Tischreihe aufgestellt. Hinter den Tischen saßen deutsche Unteroffiziere, von denen jeder im Entlassungsschein eine bestimmte Rubrik auszufüllen hatte. Auf den Tischen lief der Entlassungsschein bis zu dem, der die letzte Rubrik ausfüllte, vor den Tischen liefen wir. Da wir uns mit als Thüringer zur Entlassung gemeldet hatten, obwohl Zeitz (12 km von Thüringen entfernt) in der preußischen Provinz Sachsen lag, gab es bei der Rubrik „Regierungsbezirk“ Schwierigkeiten. Wider besseres Wissens gaben wir „Erfurt“an, wogegen der Unteroffizier (richtig) „Merseburg“ nannte. Es kam zur Diskussion, wobei wir Angst hatten, aus der Kategorie der zu Entlassenden ausgeschlossen zu werden. Aber vor uns entstand in der Gefangenenreihe ein Vakuum, hinter uns ein Überdruck, so dass wir weiterlaufen mussten, ohne dass der Unteroffizier die Frage mit deutscher Gründlichkeit entscheiden konnte. So hatten wir das Glück, nach zwei Monaten Gefangenschaft in den Lagern Wellda und Kripp/Sinzig nach Hause zu kommen, aber erst nach weiteren Problemen.

Die Heimfahrt fand in offenen Güterwagen statt, an einem Nachmittag bei herrlichem Sonnenschein durch das Rheintal flussaufwärts. Dabei warf die Bevölkerung zahlreiche Brotpäckchen in die Güterwagen. Da es bei der Verteilung dieser Päckchen und der „amtlichen“ amerikanischer Verpflegung in unserem Güterwagen zum Streit kam, mussten drei Mann die Macht an sich reißen. Der eine bewachte die Verpflegung, der zweite fertigte eine Liste aller Wageninsassen an und hakte auf dieser den Verpflegungsempfang ab, der dritte verteilte die Verpflegung gemäß Liste.

Zu Hause dauerte es etwa drei Wochen, bis ich wieder einigermaßen zu Kräften kam.



Bildnachweis:
Aquarellzeichnungen von Otfried Wagenbreth während seiner Zeit im Kriegsgefangenenlager Kripp. Original Reprozeichnungen sind bei Horst Krebs

Vermerke zum Tagebuch:

2) Bergisdorf bei Zeitz
3) Uffz. = Unteroffizier
4) Die Wipper, ein so kleiner Fluss, dass der Bus neben der gesprengten Brücke durch den Fluss fahren konnte. Die Sprengung des Brücke war also völlig sinnlos.
5) Auf der gesamten Fahrt geologische Beobachtungen gemäß meinem Hobby der Schulzeit. Selbst in solchen Situationen das Hobby zu pflegen, entsprach meiner optimistischen Grundhaltung.
6) Obersalzberg: Hitlers Anwesen in Berchtesgaden
7) Genauer: die Insassen eines Käfigs
8) Auf Reisen in den Schulferien mit den Eltern
9) Offenbar die Burgen Gleiberg und Vetzberg
10) Gemeint ist: historisierend
11) Die gesamte Zeit in Wehrmacht und Gefangenschaft war ich mit meinem Schulfreund H.U. Trebst zusammen. Nachdem wir uns bei der Ankunft im neuen Lager nachts unterhalten hatten, stand früh E.H. Amberg, ein gemeinsamer Schulfreund vor uns, der zwar im Raum Risa - Meißen an der "Ostfront" eingesetzt war, aber dann auch irgendwie nach Kripp gekommen war.
12) Schema der Wohngrube siehe Abb.
13) Die Verpflegung wurde wie folgt verteilt: In jedem "Käfig" (camp) lagen etwa 5000 Mann. Diese waren in Tausendschaften, Hundertschaften und Zehnergruppen eingeteilt. Die angelieferte Verpflegung wurde entsprechend auf die Tausendschaften, die Hundertschaften und Zehnergruppen verteilt, von deren Gruppenführern dann (unter den Augen der Gruppenmitglieder) auf die Einzelnen. So ergaben z.B. 70 rosinen für die Zehnergruppe 7 Rosinen für den Mann, entsprechend 15 Esslöffel Milchpulver füe die Zehnergruppe 1.5 Esslöffel pro Mann.
14) Leere Konservenbüchsen und Stacheldraht lagen überall rum. Die Büchsen dienten als Behältnisse und wurden zum Zeitvertreib oft mit Mustern graviert.
15) Es war kein Kochen im üblichen Sinne, denn dafür fehlten Öfen und Brennstoff. Es war nur ein Anwärmen. Als Öfen benutzten die Gefangenen leere 1-Liter oder 2-Liter Konservendosen, bei denen in halber Höhe aus Stacheldrahtstückchen ein Rost und darunter seitlich ein Zugloch eingestochen wurde(siehe Abb). Brennmaterial waren Papierreste oder kleine Holzstücke, sofern man solche fand. Ein benachbarter Gefangener  benutzte als Brennstoff die bis ins Lager geretteten Liebesbriefe.
16) "Amsel" war der in unserer Schulklasse übliche Spitzname für E.H. Amberg (vgl. Anm.11).
17) Wenn überhaupt, gab es in der Gefangenschaft nur das lockere, nicht sättigende amerikanische Weißbrot. Schwarzbrot bekamen wir erst wieder bei der Heimfahrt in Form der uns von der Bevölkerung in unsere Eisenbahnwagen (offene Güterwagen) geworfene Brotpäckchen. Das erste Schwarzbrot nach 8 Wochen. Ein unbeschreiblicher Genuss!
18) Farbkasten etwas Papier und etwas Lektüre hatte ich in die Gefangenschaft mitnehmen können.
19) Unser Batteriechef bei der Heimatflak (Fliegerabwehr) 1943/44.
20) Amberg Pfarrerssohn
21) 1/3 von 1 Pfundbrot, also 333 g.
22) R. Geißler war auch Schulfreund. Damit waren wir in Kripp vier aus derselben Schulklasse = 50%, da die Klasse zuletzt nur aus acht Schülern des Geburtsjahrganges 1927 bestanden hatte. Geburtsjahrgang 1926 war ein Jahr eher eingezogen worden.
23) Borna war Sachsen, gehörte aber zum WBK (Wehrbezirkskommando) Altenburg. Dieses gehörte zu Thüringen.