Kripp 1875-1905: „Hexen“ auf dem Rhein


von Willy Weis & Hildegard Funk 2015


Kleine Verkehrsgeschichte zur aufkommenden Seilschifffahrt (Tauerei) - angefangen von den wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen und deren Begleitumstände eines 30jährigen Intermezzos als Sonderform des Gütertransportes auf dem Rhein.

Mit dem rasanten Anstieg des Eisenbahngütertransportes nach dem Ausbau der Eisenbahnlinie an der Rheinschiene Mitte des 19. Jahrhunderts kam es auf dem Frachtsektor zwischen der Eisenbahn und der Frachtschifffahrt zu einem ernsthaften Konkurrenzkampf, der zunehmend zu Gunsten der Eisenbahn tangierte. Der Rhein hatte mit dieser technischen Errungenschaft nunmehr aufgehört, die alleinige wirtschaftliche Handelsroute zwischen dem Meer und der Schweiz zu sein. War doch bis Dato die Rheinschifffahrt für den Frachtverkehr ohne Konkurrenz gewesen.

Um die nicht unerheblichen Schleppkosten für den Frachtverkehr der Dampfschifffahrt gegenüber der konkurrierenden Eisenbahn zu reduzieren, kam man aus wirtschaftlichen Gründen auf die Idee einer Schleppschifffahrt auf dem Rhein mittels eines „Tauerdampfschiffes“, im Schifferjargon auch "Hexe" genannt. (touage, von touer = ziehen, schleppen)


                                

Davon angetan, dass die Rheinschifffahrt durch die Tauerei wegen der Kohlenersparnis konkurrenzfähiger und der Transport von Massengütern deutlich verbilligt werde, kam es zur Umsetzung dieses gigantischen Vorhabens am 5. Dezember 1871 unter maßgeblicher Beteiligung des Fabrikannten F.C.Guilleaume zur Gründung der Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei in Köln. Guilleaume war jedoch nur zur Zeichnung der Aktien bereit, wenn sichergestellt würde, dass das benötigte Drahtseil ausschließlich beim Kabelwerk Felten & Guilleaume bestellt würde. 1)

      

                                                                                      Räderwerk eines Tauerschiffes

Felten war der Schwiegervater des ehemaligen Finanzbeamten Guilleaume, der in Köln eine Hanfseilerei und die älteste Drahtseilfabrik der Welt betrieb. Die neu gegründete Gesellschaft besaß die Konzession für den Tauereibetrieb auf dem Rhein für 562 km von Emmerich bis Basel. Guilleaume war jene Industrieellenfamilie, die in Remagen-Oberwinter Schloß Ernich erbaute, sowie Calmuth und Schloß Marienfels ihr eigen nannten.
Nach erfolglosen Versuchen bereits um 1864 auf dem Rhein eine Ketten= schifffahrt einzurichten, versuchte man erstmals durch die 1871 gegründete Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei in Köln“ ab 1873 Abschnittsweise mittels eines auf der Rheinsohle von Emmerich bis Bingen gelegten Drahtseiles, eine Art "Flusseisenbahn" mit beweglicher Schiene" zu errichten. Versuche dieser Art waren bereits in Frankreich und Belgien sowie auf der Elbe erfolgreich durchgeführt worden.
Dabei nahmen dafür speziell umgebaute Dampfschiffe, „Tauer“ genannt, die nach einem Umbau an der äußersten Backbordseite über vier fast 3m große Seilführungsscheiben verfügten, das Stahltau vor dem "Tauer" vom Flussgrund auf und gab dieses nach dem Durchlaufen mehrerer Scheibenräder wieder der Tiefe frei.

Dabei dienten die ersten zwei Seilscheiben lediglich zur Seilführung nach der Aufnahme vom Flussgrund zum dritten dampfgetriebenem Antriebsrad, dass das Schiff am Drahtseil gegen den Strom bergwärts zog, während die vierte Seilscheibe wieder als Seilführung zum Flussgrund diente, damit dieses wieder störungsfrei auf der Flusssohle abgelegt werden konnte.
Um einem eventuellem Seilschlupf zu vermeiden, war das Antriebsrad mit Flowlerklappen ausgestattet.

Somit zog sich das Tauerschiff selbst gegen den Strom. Dabei erhielt das Zugrad nur ein einseitiges Zapfenlager, wodurch das aufgenommene Zugseil notfalls jederzeit abgeworfen und durch die Öffnung im Schiffsboden auf den Grund der Rheinsohle fallen gelassen werden konnte. An dem Räderremorqueur (Schlepper) konnten mehrere Schleppkähne angehängt werden.


Bild Stadtarchiv Linz

Durch diese technische Errungenschaft entfiel die eigentliche immens Kohle verzehrende Dampfmaschine für den Transport des Schleppschiffes. Lediglich benötigte man nur noch Dampfkraft für den rotierenden Betrieb der Zugtrommel (Seilscheibe) zum Ziehen des Tauerseils, an dem sich das Tauerschiff mit Schleppanhang rheinauf zog. Der Kohleverbrauch reduzierte sich dadurch drastisch von 0,3278 Pfennige auf nur 0,06 Pfennige pro Zentner je Meile. 2)
Insgesamt ließ die Central AG. für Tauerei und Schleppschifffahrt, Mülheim-Ruhr von 1873 bis 1876 in Duisburg, insbesondere für den Mittelrheinstrecke die „Rheintauer 1 bis 8“ bauen.
Diese „Hexen“, wie sie in Schifffahrtskreisen genannt wurden, zogen sich selbst an einem befestigten starken Drahtseil rheinauf mit ihrem Anhang von Kähnen an unseren Gestaden bis St. Goar vorbei.
Die Talfahrt erfolgte losgelöst vom Tauerdraht frei fahrend mittels zwei am Heck angebrachter dampfbetriebender vierflügeliger Schiffsschrauben.

Vor der Verlegung des Tauerseiles waren die Existenz und die althergebrachten Rechte der Querseilfähren zu berücksichtigen. Um nicht mit den Querseilen der gegenwärtigen Fähren zu kollidieren, mussten nunmehr die Gierponten an Lang- bzw. Schwungseilen geführt werden. So auch bei der damaligen Gierponte Linz-Kripp, dessen anderes Ende des an der Fähre befestigten Langseiles oberstrom etwa im Bereich der heutigen Quellenstraße und Ahrmündung an einem auf der Flusssohle zum Kripper Ufer hin gegossenen Betonblock befestigt wurde. 3)
Zur Vermeidung störanfälliger Grundberührungen infolge des Absinkens des Fährlangseiles wurde dieses über mit pendelnden Buchtnachen zwischen der Verankerung und Fähre gelegt. 4)

Für den hiesigen Mittelrheinbereich wurde 1875 der erste von der Firma Felten & Gilleaume hergestellte Tauereidraht auf der Rheinsohle von Oberkassel an Kripp vorbei bis Bingen verlegt. Entsprechend den am Niederrhein gemachten Erfahrungen wurde, um den harten Druck zwischen den Litzen sowie das Eindringen von Schlamm zu vermeiden, die Kernlitze des Tauerdrahtes mit einer geteerten bzw. asphaltierten Hanfumlage umsponnen. Der pro Meter 6,3 kg schwere Tauereidraht kostete inklusive der Verlegung je Kilometer 2.700 Mark.
Um 1879/80 wurde der hier vorhandene Tauereidraht durch ein qualitativ höheres gefertigtes Zugseil aus Siemens-Martin-Stahl mit splißfreien Längen von 12.000 Metern auf der 120 km langen Mittelrheinstrecke von Oberkassel bis Bingen mit einer erhöhten Bruchfestigkeit von 40.000-46.000 kg ausgetauscht.

Bei diesem auf dem Flußboden bei Kripp verlegten 7,05 kg pro Meter schweren und 43 mm starken neuen Stahlseil aus 49 Drähten in sieben Litzen bestehend, von denen das Dickste als Seele diente, prognostizierte man bei einer Schleppmenge von 9,5 bis 10 Millionen Zentnern eine erhöhte Lebensdauer von etwa 6½ Jahren. 5)

Auf Wunsch der Mülheimer Dampfschifffahrtsgesellschaft kam es 1876 zur Fusion der Central-Actien-Gesellschaft (CATS) mit der Vereinigten Ruhrorter und Mülheimer Dampfschiffahrtsgesellschaft in Dortmund. Am 8. Juni gleichen Jahres konstituierte sich die neue Gesellschaft unter der Firmierung „Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei und Schleppschiffahrt in Ruhrort. 6)

Der durch die Tauerschifffahrt erlahmende hiesige Schifffahrtsbetrieb zu Berg mittels Treidelpferden brachte für die Halfen und Treidelwirte spürbare finanzielle Einbußen mit sich. Hiesige Treidler konnten lediglich nur noch auf unbedeutenden und unlukrativen Lokalzwischenverkehre zurück greifen und gerieten in Existenznot, die sich in einer Beschwerde an den Remagener Bürgermeister Friedrich Wilhelm Beinhauer widerspiegelte. 7)
1877 kam es diesbezüglich von Seiten der Kripper und Remagener Schiffshalfen und deren Wirte zu einer lebhaft vorgetragenen Klage gegen die Gemeinde, nachdem ihnen die Tauerei den früheren Verdienst, den sie aus dem Vorspann zum Schiffziehen mit Pferden auf den Bergfahrten erhalten hatten, zu entziehen begann. 8)

Trotz der ursprünglichen Überlegenheit der Seilschifffahrt standen verschiedene Faktoren, wie das Aufkommen der Schraubenschlepper, die die Generation von Radschlepper ablösten, durch Unrentabilität infolge vieler technischer Probleme, die nicht zuletzt durch schwierige Flussverhältnisse bedingt waren, sowie anderen ökonomischen Komponenten inklusive der Behinderung der Netzfischerei, einer dauerhaften Etablierung der Seilschifffahrt auf dem Rhein entgegen, so dass die Tauerei nicht im ursprünglichen geplanten Umfang durchführbar war und einer weiteren unzeitgemäßen Entwicklung um 1903 ein jähes Ende setzte. 9)

Nachdem der Rhein knapp 30 Jahre zum Ärgernis und Nachteil der hiesigen Rheinhalfen mit „Hexen“ durchfahren werden konnte, wurde das Tauerseil von der am 1. November 1904 in Liquidation getretenen Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei und Schleppschifffahrt (CATS) dem Eintrag des Kripper Tagebuchschreibers Gottfried Valentin zufolge nunmehr exakt vor 111 Jahren „... am 30. März 1905 in Kripp endgültig von der Rheinsohle gehoben.“ 10)

Quellen:
1) Als die Hexen Schiffe schleppten, L.U.Scholl, 1985, S. 86-87,130 ff,
2) 2000 Jahre Rheinschifffahrt, L.U.Lars, S. 107
3) Als die Hexen Schiffe schleppten, L.U.Scholl, 1985, S. 130 ff,
4) mündliche Angaben: Zeitzeuge Hans Klock, Kripp +
5) Als die Hexen Schiffe schleppten, L.U.Scholl, 1985, S. 129
6) Als die Hexen Schiffe schleppten, L.U.Scholl, 1985, S. 121 7) Amtslisten von Remagen, W.J.Langen 1925, S.34
8) Old Timer der Rheinschifffahrt, v. Dr. H.Weber und August Lindner, S.111,
Rheinschiffahrtsverlag
Duisburg-Ruhrort
9) Als die Hexen Schiffe schleppten, L.U.Scholl, 1985, S. 130 ff,
dsgl. Old Timer der Rheinschifffahrt, v. Dr. H.Weber und A. Lindner, S.111,
Duisburg-Ruhrort, S.101-2, Rheinschifffahrtsverlag
10) Tagebuch des Kripper Gottfried Valentin

Literatur:
„Der Rhein von Straßburg bis zur Holländischen Grenze in technischer und wirtschaftlicher Beziehung““, E. Beyer, 1902.
„Die Arbeiten der Rhein-Bauverwaltung 1851-1900, Berlin 1901. Blätter für deutsche Landesgeschichte 89 (1952), S. 169-245 L.U.Scholl, 1985, „Als die Hexen Schiffe schleppten“.