Kripper Wein- und Essigfabrik  ©

© weis/funk Juni 2012


Der nach dem Blitzkrieg über Frankreich 1870/71 aufkommende wirtschaftliche Aufschwung bewog viele betuchte Bürger aus den immer enger werdenden Städten aufs Land zu ziehen, um hier ihren Traum von Betrieben und Fabriken zu verwirklichen. Preiswerter Grund und Boden; sowie billigere Arbeitskräfte als in den Ballungsgebieten dürften dabei neben der neuen Transportmöglichkeit durch die neue Rhein anliegende Eisenbahnlinie ausschlaggebend gewesen sein.

  
                                       Die Medaille ist aus Bronze, 29 mm Durchmesser und 2,2 mm dick


Betriebsgründung 1872
So gründete in Kripp nunmehr vor 140 Jahren die aus Köln stammende begüterte Familie des Clemes Wenzeslaus Sorgenfrey mit einem Ortsansässigen Herrn Obermann 1872 eine Weinessigfabrik in einem bereits bestehenden kleinen älteren Gebäude. Näheres ist über die Gründung, außer dem in der gewerblichen Tabelle von 1876 aufgeführten Vermerk "Essig- und Liquer(!)-Fabrik" nicht bekannt. Lediglich der Eintrag, dass dort zwei männliche Arbeiter über 16 Jahren beschäftigt waren, ein Dampfkessel nicht vorhanden war und der Betrieb nicht mit Dampf,-Gas-oder Wasserkraftmaschinen ablief, lässt einen Einblick über den damaligen Betriebsablauf vermuten. 1)

       
 

 



Der Mitbegründer C.W. Sorgenfrey verstarb am 13. Mai 1872 im Alter von 54 Jahren in Kripp. Seine Tochter Maria Sybilla vermählte sich am 27.5.1876 mit einem Louis Obermann, vermutlich der andere Firmenteilhaber. Dieser verstarb zu einem uns unbekannten Zeitpunkt, jedoch vor 1887. Es besteht die Annahme, dass die Witwe nunmehr die kleine hinterlassene Essig & Likörfabrik alleine leitete.

Schicksalhafte Steuerprüfung 1887
Die Dienstpflicht wollte es, dass der 40jährige Vincenz Gabriel Vohs*, in seiner Eigenschaft als Obersteuer- Kontrolleur des Finanzamtsbezirks Mayen, der mit einem amtlichen Pferdezuschuss von 300 Mark als mobiler berittener Steuerprüfer 1887 in Kripp auftragsgemäß die dort ansässige Weinessigfabrik Obermann & Sorgenfrey eine Steuerprüfung durchzuführen hatte, die jedoch Schicksalsbedingt für ihn und Kripp nicht ohne Folgen bleiben sollte. So lernte er in seiner dienstlichen Eigenschaft die Fabrikantenwitwe Sybilla Obermann, geb. Sorgenfrey kennen, die es pflichtgemäß „zu prüfen“ galt. Es kam nun so, wie es kommen musste. Der Steuerprüfer verliebte sich in die Witwe und beide planten ihre gemeinsame Zukunft, die einschneidende Veränderungen in seinem Leben mit sich bringen sollte. Dies tat er in einem Brief am 10.8.1887 an seine Freunde voller Stolz und Freude kund: "Meine Frau hat alle Vorzüge, die man bei einer Frau wünscht, ist außerdem reich, hat ein großes Bestitzthum mit einer großen Fabrikanlage am schönen Rhein. Unsere jetzigen Entscheidungen gehen dahin, daß ich in den nächsten Monaten meine Stellung aufgebe, Fabrikant werde und dauernd meine Wohnung im eigenen Sitz am schönen Rhein aufschlage."Der Inhalt dieses Schreibens dürfte wohl aus „fachkundiger Sicht“ Aufschlüsse über die damalige Liquidität bzw. Bonität der Firma und Witwe geben. 1887 schied Vohs* auf eigenen Wunsch unter Verzicht jeglicher pensionsrechtlicher Versorgung aus dem Staatsdienst aus und vermählte sich am 3.10.1887 mit der Fabrikbesitzerin und Witwe Maria Sybilla Obermann, geb. Sorgenfrey und übernahm den Familienbetrieb unter neuen kaufmännischen Gesichtspunkten. Aus dieser Ehe gingen von 1889 bis 1894 vier Kinder hervor, wovon ein Junge im Alter von eineinhalb Jahren an einer Gehirnhautentzündung starb.

Zur Person Vincenz Vohs*
Vincenz Vohs wurde 1846 in Paderborn geboren, besuchte das Gymnasium und machte als 23 jähriger Mann sein Abitur. Als freiwilliger Kriegsteilnehmer nahm er als Vice-Feldwebel der 8.Compagnie des Hannoverschen Füsilier-Regiments Nr.73 an der Schlacht bei Verdun teil, wofür er nach dem sogenannten glorreichen Sieg über die Franzosen am 1.August 1871 in Verdun mit der Kriegsteilnehmerplakette aus erbeuteter Kanonenbronze ausgezeichnet wurde. Nach Kriegsende bewarb er sich mit einem einwandfreiem militärischen Führungszeugnis bei beim Finanzamt Rheine und wurde dort nach Ablegen des Diensteides 1871 als "Sugernumerar" ins Beamtenverhältnis auf Widerruf eingestellt. Dort erlebte er zur damaliger Zeit eine steile Karriere. Mit Bestallungsurkunde von 1877 wurde er zum Steuer- Aufseher in Münster ernannt, 1 Jahr später zum Hauptassistenten in Hannover und 1882 wurde er durch diese Bestallungsurkunde zum Ober- Grenz- Kontrolleur befördert. Mit Ernennung zum Obersteuer-Kontrolleur anno 1885 erfolgte gleichzeitig seine Versetzungsverfügung zur Finanzdirektion Neuwied, die ihn im Finanzamtsbezirk Mayen (ehemaliges Zollamt Niedermendig) einstellte.2) 


Ausbau der Firma
Der Zwang zur betriebswirtschaftlichen Optimierung machte ein größeres Gebäude notwendig. Als neuer Chef der Weinessigfirma Obermann & Sorgenfrey in Kripp sorgte Vohs* für ein expandierendes Geschäft, so dass das alte Gebäude auf Dauer zu klein wurde. 1898 entschied man sich für den Neubau eines Wohnhauses mit Produktionsräumen, die 1900 fertiggestellt wurden. Die Grundsteinlegung erfolgte am 25. Februar 1898. Vorhandenen Bauakten entnehmen wir, dass das kleine ehemalige Haus teilweise mit dem neuen 16 Zimmergebäude integriert wurde. (heute Quellenstraße Nr. 41) Eine westliche Gebäudeerweiterung um 8 m fand später zu einem unbekannten Zeitpunkt statt. 



Schlechte wirtschaftliche Zeiten kamen auf die Essigfabrik zu, als ab 1899 der Spritpreis um das Dreifache stieg. Es wurde zeitweise mit Verlust gearbeitet und das Leben der Fabrikantenfamilie musste einige Jahre aus Erspartem bestritten werden. Frau Sybille Voß* verstarb 1901 nach einem Asthmaanfall 45-jährig und hinterließ 3 kleine Kinder im Alter von 6-11 Jahren. Vincenz Voß* überlebte sie um 5 Jahre. Er starb mit 59 im Jahre 1906 in Kripp.

 
 
M. Sybilla Voß                                     Repro: Slg. Weis/Funk               Vincenz Voß                                             Repro: Slg. Weis/Funk


Verkauf
Nach dem Tod des Fabrikbesitzers wurde der Betrieb an Karl Werner, dem späteren Besitzer der Kripper Maria-Luisenquelle, verkauft. Der treuhänderisch angelegte Verkaufserlös diente der Ausbildung der verwaisten Kinder. Der neue Firmenbesitzer erweiterte die bisherige Angebotspalette noch um eine Senfproduktion. Neben der Herstellung und Vertrieb von hochfeinen säurestarken Weinessigen und feinstem Tafelsenf, wurde der Betrieb um einen Lebensmittelgroßhandel erweitert. Hauptkunden waren Ordensschwestern von Remagen. 3)

                                    
                           Ehemalige Essigfabrik in Kripp                                       Repro: Slg´. Weis/Funk

Werner, der später durch Probleme bei der Erbohrung der Maria-Luisenquelle mit der Bohrfirma prozessierte und in Geldnot geriet, verkaufte kurzerhand für Sage und Schreibe 180 Mark das gesamte Weinessiggeschäft mit Rezepturen an seinen ehemaligen Mitarbeiter und Senfmeister Anton Luchs aus Kripp. Dieser produzierte unter der Gründerfirmierung Obermann & Sorgenfrey weiterhin in diesem Gebäude bis kurz nach dem 2. Weltkrieg, indem er seine gesamte Weinessig- und Senfproduktion in neue Produktionsräume auf der Oberkripp, heutiges Anwesen Quellenstraße 131 verlagerte. 4) Dort erlosch 1965 nach über 90 Jahren die Tätigkeit der ehemaligen Kripper Essigfabrik unter der damaligen Firmierung „Obermann & Sorgenfrey“ durch Anton Luchs.
Das Gebäude der Weinessigfabrik gelangte kurz nach 1930 an einen Deutsch-Amerikaner, der es von einer Bank erwarb und dort in den Nebenräumen mit einem Schreiner namens Dahlendorf eine Schreinerei betrieb, obwohl Luchs noch in diesem Gebäude sein Gewerbe ausführte. Mitte März 1939, annähernd ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch, erwarb Friedrich Atzenroth dieses Gelände, um dort über viele Jahre eine Möbelfabrikation zu betreiben. Dahlendorf wurde in leitender Position übernommen, schied jedoch später aus der Firma aus .5) Um den Produktionsablauf der damaligen Möbelfabrik Atzenroth während des Krieges wegen Fehlstellen infolge Einberufungen zur Front zu sichern, wurden eigens 131 französische Kriegsgefangene (davon 18 als Zivilpersonen übergegangen) sowie 34 deportierte russische Zivilisten aus dem Lager Nr. 49/1801-23 des Arbeitskommandos 17 A der Stalag XII/ D, Neuwied abgestellt. Unter der Bewachung durch Angehörige der 1. Kompanie des Landesschützenbataillon 789 unterstützten sie den dortigen Produktionsablauf von Feldbetten und Spinden. 6)

Zwei Großbrände ruinierten später das einstmals stolze Firmengelände, wobei der letzte Brand 1980 die gesamten Produktionsräume vernichtete.
Das sich im fast ruinösen Zustand befindliche Gebäude der ehemaligen Kripper Weinessig & Mostertfabrik erwarb 1989 ein Remagener Bauunternehmer, der diese Baulichkeiten als neuer Besitzer in ein Mehrfamilienhaus (heute Quellenstr. 41) umbaute.

Im Fotoalbum unten weitere Belege der Wein- und Essigfabrik in Kripp. Durch Anklicken einzelner Symbole lassen sich die Dokumente bis zu zweimal vergrößern:

                             

Familie Vohs* war für ihre großen Sozialdienste im Ort bekannt und beliebt. Sie engagierten sich besonders für die Kinder unterer sozialer Schichten, insbesondere zur Weihnachtszeit. Alljährlich veranstalteten sie zusammen mit anderen Kripper Fabrikantenfamilien zur Freude der armen Kinder von Kripp eine große Weihnachtsfeier mit Weihnachtsbaum und Bescherung im Gasthaus Rhein-Ahr bei Lohmers, wobei der Weihnachtsbaum dort an Kaisers Geburtstag von den Kindern gemeinsam geplündert wurde.
Von 1897 bis zu seinem Tode war Vincenz Vohs* als Remagener Stadtverordneter tätig und vehementer Verfechter des Wasserturmes mit seiner hygienischen Wasserleitung. Wegen seines sozialen und unermüdlichen politischen Engagement für den Ort Kripp wurde ihm zum ehrenden Gedenken die einstmalige mit Linden gesäumte Nobelstraße auf der "Oberkripp" mit seinen damaligen repräsentativen Bürgerhäusern im Bereich "Ober dem Zaun" in „Voßstraße“ umbenannt. Sie trägt heute noch seinen Namen. 7)

© Willy Weis & Hildegard Funk, Kripp

*Anm.: Schreibweise des Namens durch Änderungen in der Rechtschreibung unterschiedlich (Vohs,Voss,Voß)


Quellen:
1.) LHAKO 635/445)
2) Heimatjahrbuch Mayen-Koblenz, S. 134 ff, „Als Niedermendig noch ein Zollamt hatte“, von HansReiff.
3.) mdl. Angaben: Marianne Ueberbach +, Kripp
4.)wie 2
5.) mdl. Angaben: Arno Matuszak, Kripp
6) LHKO 635/783
7) Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2004, S.184 ff, Die ehemalige Weinessig-und Senffabrik „Obermann & Sorgenfrei“ in Kripp, von Willy Weis und Hildegard Funk, alle familienbezogene Angaben (Obermann, Sorgenfrei und Voß) resultieren aus einer Tagebuchaufzeichnung der Frau Syilla Voß, geb. Sorgenfrey, sowie den Originalunterlagen des V.Vohs aus der Nachkommenschaft in Köln.