Kripper Hochwassernotkapelle

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Eine kleine wunderschöne Kapelle in den Maßen von 6,87 m Länge und 4,25 m Breite ziert das Kripper Grundstück Quellenstraße 101, unmittelbar gegenüber der Einmündung Voßstraße gelegen. Grund für die Erbauung dieser Kapelle auf dem Hochplateau bei 66,2 NN war das Hochwasser, da die ehemalige Kripper Kapelle (Johannessaal genannt), die im Geburtsjahr Napoleons 1769 auf einer Meeresspiegelhöhe von 58,20 Meter errichtet, des öfteren von Hochwasser überflutet wurde. Diese ehemalige Kapelle in der Quellenstr.34 dient heute als Wohnhaus.

Der Überlieferung und den wenigen vorhandenen Unterlagen nach soll das kleine sakrale Bauwerk als Hochwassernotkapelle durch eine Stiftung des Grafen Spee von Schloss Arental den Krippern zur Unterbringung des Allerheiligsten während des bei Hochwasser überfluteten Johannessaales ab 1845 in einer fünfjährigen Bauphase errichtet worden sein, damit die Kripper auch in Notzeiten ihren Gottesdienst verrichten konnten.
Auf Verlangen der Kripper Gläubigen an den Remagener Pfarrer und Denfinitor Windeck, eine kleine Kapelle zur Aushilfe in den Zeiten der Not zu Kripp zu errichten, erhielt dieser zwei Wochen nach seiner Anfrage von dem hochwürdigsten Herrn Bischof die Erlaubnis zur Grundsteinlegung, die am 8. September 1845 durch den Remagener Vikar Schauppmeyer, stellvertretend für den an einem Schwächeanfall erkrankten Herrn Definitor Windeck erfolgte6

               

Definitor Joseph Windeck. *1771, + 1846,                                 Nikolaus Knöppel, *1804, +1868                
Amtszeit von 1821 -1846                                                              Amtszeit 1830-1832 Kaplan, 1847-1868 Pfarrer  

Nebst einer knappen Baubeschreibung meldete am 7. Dezember 1846 Vikar Schauppmeyer der bischöflichen Behörde den Vollzug des Kapellenbaues. Auf die Anfrage des Bischöflichen Generalvikars vom 18.12.1846 über Einzelheiten dieses Kapellenbaues teilte der Dechant Klein des Dekanates Ahrweiler zu Niederbreisig am 7. Januar 1847 informationshalber mit, „...daß die Kapelle noch nicht fertiggestellt sei. Neben den Fenstern, der Türe, einem ordentlichen Fußboden fehle noch die gesamte Inneneinrichtung. Die Unterhaltung des Baues sei keineswegs gesichert und müsse durch Beiträge geschehen und die Übertragung des Bodens, auf dem sie errichtet wurde, sei nicht durch einen rechtsgültigen Akt geschehen.
Sie sei darüber hinaus zu klein (Maximum 20- 30 Personen fassend) und deshalb ungeeignet, darin das hl. Messopfer darzubringen. Der Kripper Gemeinde könnte sie höchstenfalls als Heiligenhäuschen dienen
.“

 Daraufhin sah sich der Remagener Pfarrverwalter Schauppmeyer veranlasst, am 11.1.1847 das Bischöfliche Generalvikariat über die näheren Umstände des Baues der neuen Kripper Kapelle zu berichten und 4 Tage später einen geschlossenen Vertrag über den Ankauf des Bodens, auf dem die Kapelle errichtet ist, zu übersenden.
Am 2. Januar 1849 wurde dem Remagener Pfarrer Knoeppel durch Generalvikar Martini des Bischöflichen Generalvikariats in Trier die vom 23.Dez.1848 erbetene Erlaubnis der Einsegnung der Kapelle „und das hl. Messopfer darin in dem Falle darzubringen, wo dieses in der alten Kapelle nicht geschehen kann" erteilt, jedoch unter dem Aspekt, dass sich die Ortsgemeinde Kripp schriftlich zur Bauunterhaltung verpflichtet.

Mit Schreiben vom 1.1.1847 des Kripper Gemeindevorstehers Hertgen verpflichtete sich die Ortsgemeinde Kripp, für den Unterhalt der neuen Kapelle Sorge zu tragen. 1)

Der in der neuen Kapelle zu installierende Altar wurde am 15.Mai 1848 von dem Grafen von Spee gestiftet. 2)


                            Das in der Kapelle meines Hauses Ahrenthal befindliche Altärchen mache ich der Gemeinde Kripp
                                                            zu ihrer neu erbauten kleinen Kapelle hierdurch zum Geschenk.
                                                                                           Düsseldorf den 15. Mai 1848.
                                                                                                     gez. Graf Spee

Mit der Fertigstellung übernahm die kleine zu Ehren der „schmerzhaften Muttergottes“ geweihten Notkapelle bei Hochwasser stellvertretend die Funktion des Johannessaales als Gotteshaus, damit dem starken religiösen Bedürfnis der Kripper Gläubigen auch und gerade während Katastrophenzeiten Rechnung getragen werden konnte, denn am „1850, 4. Febri stand der Rhein wieder in der Kirche" (Johannessaal)

Letzmalig wurde am 30. Nov. 1882 das Allerheiligste bei einem Hochwasserstand in der Kapelle von 80 cm (Bonner Pegelstand 9,30 m) mit einem Kahn aus dem Tabernakel der Johanneskapelle geholt und in für die eigens dafür an einer hochwasserfreien Stelle errichteten Hochwassernotkapelle verbracht.

Einem Eintrag im Kirchenbuch "Ein Glöckgen ins Kapellgen an Schäfer Sinzig" zufolge wurde die Notkapelle am 18. Mai 1871 mit einer Glocke für 5 Taler, 1 Sgr und 8 Pfg ausgestattet. 3)

Mündlichen Überlieferungen nach befand sich bis vor dem Ersten Weltkrieg auf der Außenwand der Kapelle in großen Lettern der einladende Spruch:
"BEVOR DU SETZEST HIER EINEN FUSS, ENTBIETE DER HL. FAMILIE EINEN GRUSS“


Hauptstraße um !900. Die Kapelle befindet sich zwischen den beiden Bäumen


Bis zum Ausbau der Quellenstraße um 1967 standen rechts und links neben der Kapelle zwei riesige Bäume, die im Zuge des Ausbaues der neuen B 266 weichen mussten.
Mit der Zeit verwitterte die Kapelle langsam vor sich hin, da keiner sich wegen unklarer Eigentumsverhältnisse für die Instandhaltung verantwortlich fühlte. Erst bei einer Erbauseinandersetzung wurde klargestellt, dass die Stadt Remagen Eigentümer der Kapelle der Quellenstraße Nr. 101 ist, worauf der Ortsbeirat die Instandsetzung beantragte und ein Kapellenbauverein in Erwägung gezogen wurde.


unbekanntes Aufnahmejahr, aber vor dem Renovierungsjahr 1977


Angestellte Recherchen ergaben, dass die „innen wie außen an der Kapelle wertvollen Gemälde aber derart stark in Mitleidenschaft gezogen waren, so dass man fast von einer Vernichtung sprechen konnte. Alleine die Restaurierungskosten dafür wurden damals mit 7.000 DM veranschlagt“.4)
Durch mündliche Angaben von Zeitzeugen ist bekannt, dass die Ausmalung der Kapelle vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges von dem Kripper Kunstmaler Felix Lüttgen begonnen wurde, jedoch durch Kriegseinberufung des Künstlers erst nach Kriegsende fertiggestellt wurde. Des weiteren, dass die halbrunde Gewölbedecke der Kapelle als oberer Abschluss in himmelblau mit gelben Sternen ausgemalt war, die bei der Renovierung 1977 übertüncht wurde und teilweise bei der letzten Renovierung 1995 zum Vorschein kam. 5) 



Wie bei neueren Recherchen bekannt wurde, dürften die damaligen wertvollen Innen- und Außengemälde von Felix Lüttgen und und seinem Künstlerfreund Ewald Mataré, dem späteren Professor der Düsseldorfer Malerschule, der sich der damaligen Not gehorchend nach dem Ersten Weltkrieg in Kripp seinen Lebensunterhalt durch künstlerische Arbeiten verdiente, geschaffen worden sein. So auch das Rundgemälde über dem Eingang. Nach Angaben von Zeitzeugen soll dieses schon immer dort gewesen sein. 1977 erfolgte eine umfangreiche Renovierung des kleinen sakralen Bauwerkes. Dabei wurde das in einem runden Steinrahmen über der Eingangstüre befindliche verblichene Bildnis der Hl. Familie von dem zugezogenen Kripper Maler Negenborn restauriert. 6)

1995 wurde eine umfassende Sanierung der Kapelle auf Initiative des Bürger-und Heimatverein Kripp e.V. durchgeführt. Wegen aufsteigender Mauerfeuchtigkeit wurde zur Gebäudesubstanzsicherung eine Horizontalisolierung mit thermisch flüssigen Wachs im drucklosen Verfahren durchgeführt. Zu diesem Zwecke musste der nicht konsekrierte Altar vollständig abgerissen werden. Dabei kam eine alte verdeckte unkonsekrierte Altarweiheplatte aus weißem Marmor mit einer unbenutzten Reliquieneinlassmulde zum Vorschein. 

                                                     
                                     Sanierungsarbeiten                                          Thermisches Mauerwerkisolierungsverfahren

Wegen einer bisher unbemerkt gebliebenen akuten Einsturzgefahr während den Sanierungsarbeiten musste unvorhergesehen der marode Dachstuhl dringend erneuert werden. Der starke Holzwurmbefall dürfte aus der Neuverschalung des Dachstuhles 1977 mit unbehandelten Holzschwarten zurück zu führen sein, wobei der Holzwurm ins Gebälk eingeschleppt wurde. Zur Vermeidung von Erschütterungen und der damit verbundenen Gefahr des Deckeneinsturzes musste im Schraubverfahren eine neue  Dachstuhltragkonstruktion der alten Dachstuhlkonstruktion beigelegt werden. Nach Abschluss der Dachdeckerarbeiten in Naturschiefer durch die Remagener Dachdeckerfirma Röhrig erfolgte die Innen-und Aussenrenovierung.

  
   Fresko vor der Restauration 1985
 
Fresko nach der Restauration


Das über der Eingangstüre befindliche stark verwitterte Rundgemälde der Hl. Familie von 2 m Durchmesser, deren offizielle Restaurierungskosten mit 12.000 DM veranschlagt wurde, wurde vom Verfasser in seiner damaligen Eigenschaft als 1. Vorsitzender des hiesigen Bürger-und Heimatvereines der Kosten wegen erneuert.
Die im roten Sandsteinton gehaltenen Fensterfaschen wurden mit einem anthrazitfarbenen Begleitstrich umgeben, der sich von der in Alabasterton gehaltenen Innenhaut aus denkmalverpflichtender Silikatfarbe unaufdringlich nuanciert. Erhellt wird der Innenraum an den Längsseiten durch je zwei gegenüberliegende Rundbogenfenster mit rautenförmiger schlieriger Bleiverglasung, die 1977 von Frau Käthe Schumacher gestiftet wurden.


Die neuerliche fast zehnmonatige Gesamtrenovierung in den Jahren um 1995 durch den hiesigen Bürger-und Heimatverein belief sich mit einem Kostenaufwand von annähernd 30.000 DM. Die finanziellen Mittel wurden aus Erlösen der Gemeinschaftsveranstaltung „Rhein in Flammen“ der Kripper Ortsvereine unter der Regie des Kripper Bürger-und Heimatvereines gesammelt. Der fehlende Restbetrag wurde von beherzten Spendern sowie Zuschüssen der Katholischen Frauengemeinschaft aus Erlösen der Weihnachtsbasare 1997 und 1998, der Stadt Remagen und des Kripper Bürger-und Heimatvereines e.V. getragen.
2014, fast 20 Jahre nach dieser Sanierung wurde eine erneute Mauerwerkssanierung im Erdbereich seitens der Stadt Remagen durchgeführt.
Die Kapelle, von der Ortsbevölkerung liebevoll "et Kapellche" genannt, dient der Marienverehrung und ist der "Schmerzhaften Gottesmutter" geweiht. Öffnet man die verglaste, mit einem geschmiedeten Schutzgitter versehene Holzeingangstüre, so fällt der Blick unausweichlich auf den Altar in der Apsis, der mit einer recht ausdrucksvollen "Muttergottesstatue mit göttlichem Kind" ausgestattet ist, vor der täglich eine Anzahl von Gläubigen Kraft und innere Ruhe bei einem Gebet finden.
Über die genaue Herkunft dieser aus einem hohlen Stamm geschnitzten und unproportional wirkenden colorierten Muttergottesfigur sowie des Künstlers gibt es zwei verschiedene unbestätigte Versionen.

  
Während eine Version eine Schenkung in den achtziger Jahren von einem unbekannten Holzschnitzer als Dank und Anerkennung der Gemeinde Kripp darlegt, da man ihn in Kripp während seiner Notzeit als Obdachloser nicht abgewiesen hätte, spricht eine zweite Legende für eine Stiftung des in Kripp im ehemaligen Sanatorium bei Dr. Karsten wohnhaften Bildhauers Hans Preiss. Genaueres blieb leider bisher unbekannt.
Vorher stand einem Foto zu Folge auf dem Altar eine weiße Muttergottesstatue aus Porzellan.
Bei dem vorgehängten colorierten Altarbild aus Holz mit dem Bildnis "Kaiser Karl V. als Einsiedler vor dem Kruzifix kniend, zu Füßen Krone und Schild" dürfte es sich von den Maßen 182 x 80 cm nach entsprechend um das im ehemaligen Johannessaal befindliche Antipendium aus der Zeit um 1770 handeln, dass nach einem Altarbrand anno 1802 entfernt wurde. 7)

Über eineinhalb Jahrhunderte und zweier Weltkriege hat sich dieser kleine Kultraum zum Beten Generationen von Gläubigen als begehbare Andachtsstätte unmittelbar an der heute pulsierenden Bundesstraße 266 und gegen die Hektik der heutigen Zeit behaupten können. Anwohner der Nachbarschaft und einige Ortsbewohner sind stets um die Pflege und Erhalt ihrer Hochwasserkapelle bemüht.


Innenraum

Viele Ortsbewohner benutzen den "für in Zeiten der Not zu Kripp" gedachten Kapelleninnenraum für eine kurze Rast, um hier Einkehr und Ruhe zu finden. Auch heute noch deuten brennende Kerzen auf Besucher hin, die täglich diesen Ort der Ruhe zum Verweilen aufsuchen. Eine kleine Kapelle, die dem Besucher Einkehr zur Besinnung und Meditation bietet. Mögen hier Besucher weiterhin Schutz, Andacht und Besinnung finden.

Quellen:
1) Bistumsarchiv Trier, Abtlg.70, Faszikel Nr.5113 ,5114 -Schriftwechsel zwischen Bischöflichen Generalvikariat und Pfarrei; hier: weltliche und geistliche Verwaltung)
2) Kopie beim Verfasser
3) Manual für die Kapelle zu Kripp 1830-74, Kath.-Pfarrarchiv Kripp
4) ZA, General-Anzeiger 13.10.77
5) Michael Schumacher+, Walter Lüttgen+, beide Kripp
6) mündliche Angaben von Frau Eva Marie Adamek
7) Geschichte der zum ehemaligen kölnischen Ahrgaudekanat gehörenden Pfarreien der Dekanate
Adenau, Ahrweiler und Remagen., Pfarrer Peter Schug, Trier 1952