K R I P P, 9. Februar 1945 ©

© weis/funk Februar 2013

Für Freitag, den 9. Februar 1945 verzeichnete das Operationstagebuch der 322. Bomb Group der 9. US-Luftflotte einen Einsatz mit dem militärisch geplanten Ziel der Bombardierung der Ahr überspannenden Eisenbahnbrücke bei Sinzig, der mit einer Bombenablage aufgrund der herrschenden meteorologischen Sichtverhältnisse zum Nachteil des Ortes Kripp endete. An diesem Tag fiel jedoch keine einzige Bombe auf das eigentliche Ziel, die Eisenbahnbrücke in Sinzig.

"Einsatzbefehl für 9.2.1945 der 322.Bomb Group zur Bombardierung der Eisenbahnbrücke Sinzig, (gerafft)"
Archiv: 9 BDMission Summary, Microfilm B 5804, Air Force Hitorical Research Agency, Maxwell/Alabama

Die Eisenbahnanlagen im Kripper Feld waren primäres Ziel des alliierten Luftangriffes, um den militärischen Nachschub und somit die Handlungsfreiheit der deutschen Wehrmacht in der letzten Kriegsphase so weit wie möglich einzuschränken. Es geschah gegen 15.46 Uhr. Ein wolkenverhangener Tag und der Rhein führte Hochwasser. Ein Bombeninferno legte in Kripp Teile des Uferbereiches der Unterkripp in "Schutt und Asche ". Kurz zuvor hatte man nur die Sirenen und dann das Dröhnen von Flugzeugmotoren sowie entfernte Flakgeräusche wahrgenommen, konnte aber infolge der dichten Wolkendecke nichts sehen. Wegen der Schnelligkeit des Angriffes und des Schocks konnte keiner sofort so richtig ermessen, was eigentlich passiert war. Der über der Unterkripp niedergegangene Bombenteppich von annähernd 55t , der sich bis über den Rhein herüber zum südwestlichsten Teil Linz erstreckte, forderte insgesamt 19 Tote und 20 zerstörte Häuser. 1)
Dieser Angriff, der nachweislich gezielt der Sinziger Ahrbrücke galt, gilt auch heute noch als der schwärzeste Tag in der 300jährigen Ortsgeschichte.

Bevor wir nun über die Chronologie dieses Tages weiter berichten, ist es erforderlich auf die bisherige allgemeine Vorgeschichte einzugehen und zu erklären, was es mit den planvollen gezielten Luftangriffen im näheren Umfeld von Kripp auf sich hatte.

Die Vorboten des Kriegsendes konnte man fast täglich zunehmend am westlichen Himmel sehen, wenn die alliierten Bomberverbände von ihren Basen wegen der geringen Luftabwehr das Eifelgebiet, um deutsche Städte bzw. Industrieziele anzugreifen, ungeachtet des Abwehrfeuers der im hiesigen Bereich befindlichen Flak unser Gebiet als Überfluggebiete wählten.
Ständiger Fliegeralarm und stundenlanges Dröhnen von Motorengeräuschen riesiger Bomberverbände veränderten den täglichen Lebensrhythmus der Kripper Bevölkerung ab dem Winter 1944. Der Luftraum unseres Gebietes wurde nun vollständig vom Gegner beherrscht.
Die Bombardierungen und Tieffliegerattacken gaben Zeugnis von der damaligen alliierten Luftüberlegenheit, die sie durch täglich stärkere Angriffe demonstrierte.
Während in Deutschland ganze Städte im Bombenhagel versanken, wurde Kripp noch relativ vom Kriegsunheil verschont. Obwohl fast täglich die alliierten Bomberverbände mit ihrer todbringenden Last über uns hinweg flogen oder das strategisch wichtige Gleisdreieck im Kripper Feld bombardierten und zuweilen unser Ort auch von abschwärmenden Tieffliegern in Einzelaktionen mit Bordwaffenbeschuss heimgesucht wurde, war bis zum 9. Februar 1945 das Kriegsunheil über den Ort Kripp bis auf wenige Ausnahmen „hinweg“ geflogen.

Nach der geglückten Invasion unter dem Code „Operation Overlord“ der Alliierten Streitkräfte am 6.6.1944 an der französischen Altantiküste der Normandie, am sogenannten „D-Day“, nahmen ab Herbst die gezielten Angriffe alliierter Bomberverbände in hiesiger Gegend dramatisch zu und verstärkten sich zusehends nach der am 18. Dezember 1944 gestarteten Ardennenoffensive der Deutschen Wehrmacht.
Man lebte in ständiger Angst, da die Luftschutzmeldungen über den Rundfunk und das alarmierende Sirenengeheul ab dieser Zeit an der Tagesordnung waren. Während den Alarmierungen suchten die Bewohner die Luftschutzkeller auf. Manchmal war es wegen der Kürze der Zeit zwischen dem Luftschutzalarm und dem Erscheinen der Kripp ansteuernden Feindflieger nicht mehr möglich, den nächst möglichen Luftschutzkeller aufsuchen zu können.

Luftschutz
Mit Zunahme der feindlichen Luftüberlegenheit wurden Luftschutzmaßnahmen intensiviert, so die Verdunklung der Fenster bei Anbruch der Dämmerung, die Übungen für den Luftschutz oder die Durchführung von Maßnahmen in Kellern und Speichern gegen Brandgefahr. Alles wurde von Luftschutzwarten kontrolliert und bei Nichtbefolgen mit Strafe gedroht.
Als offizieller Luftschutzraum fungierte u.a. der Keller der Knabenschule auf dem Dorfplatz. Des weiteren waren in einigen privaten Hauskellern durch Abstützen der Kellerdecken mittels kräftiger Holzstämme provisorische Luftschutzkeller hergerichtet worden. Jeder Luftschutzraum musste von außen mit einem weißem Pfeil kenntlich gemacht werden und die Kellerfenster mit Eisenklappen und von innen mit Ketten versehen sein.
Zur Unterstützung der Bevölkerung bei Luftangriffen und strenger Überwachung der Luftschutzvorschriften waren in Kripp als Luftschutzwarte auch Kripper Frauen rekrutiert, die den Luftschutzmäßig in 3 Bezirke eingeteilten Ort kontrollierten. Zur eigenen Sicherheit gab es phosphoreszierende Anstecknadeln, damit die Ordnungskräfte in der Dunkelheit nicht gegenseitig zusammenstießen. Trotz der damaligen misslichen Lage pflegte der Kripper Friedhofwärters Klaus Ronken des öfteren das diebische Vergnügen, mit einem Bettlaken als Nachtgespenst verhüllt und mit grunzender Stimme bei Dunkelheit den „Streifenladys“ während ihrer Luftschutzpatrouille aus einem Versteck heraus einen gehörigen Schrecken einzujagen. 2)

Fliegeralarm
Ständig wurden je nach Lage Luftraumwarnungen im Volksempfänger durchgegeben, um die Bewohner vor eventuell zu überfliegenden Feindflugzeugen zu warnen. Kripp gehörte zum Planquadrat "0 P" mit der Unternummer 8. Im Radio stets mit Otto-Paula 8 genannt. Beim Überfliegen feindlicher Flugzeuge über die westlichen Landesgrenzen erfolgte mittels Sirene rein präventiv ein Voralarm durch einen dreimaligen konstanten Heulton, worauf die Schulen, Kirchen und Geschäfte schließen mussten. War ein Überfliegen unseres Planquadrates PO 8 erkennbar, wurde als akutes Alarmsignal der Hauptalarm, durch anhaltenden auf-und abschwellenden Heulton, gegeben, worauf die Bevölkerung verpflichtet war, die vorhandenen Luftschutzkeller bzw. sonstige Schutzeinrichtungen aufzusuchen. Entwarnung erfolgte durch einen einminütig anhaltenden konstanten Heulton.
Aus Befürchtung einer feindlichen Luftlandeinvasion durch Fallschirmjäger wurde ab dem 20.1.1945 die bisherigen Sirenensignalen um das Signal des "Luftlandealarms" ergänzt, das aus einem 5 Minuten anhaltenden Heulton bestand. 3)

Militärische Zielpunkte
Eine von den feindlichen Bombern begehrte Zielscheibe war die unmittelbar hinter der südwestlichsten Bereichsgrenze Kripps die Ahr überspannende Eisenbahnbrücke in Sinzig, die als größte Brücke auf der Nachschublinie Köln-Koblenz zur Aufrechterhaltung kriegswichtiger Transporte aus militärischer Sicht die größte Schwachstelle im Eisenbahnnetz darstellte, sowie die im Kripper Feld liegende 3,78 km lange Gleisanbindung des rechtsrheinischen Schienenstranges von der Ludendorffbrücke kommend an das linksrheinische bis zur Blockstelle Kripp und das 1,61 km lange Netz zur Ahrtalgleisanbindung im Kripper Feld. Hinzu kam noch die strategisch wichtige Ludendorffbrücke unmittelbar hinter der nordöstlichen Bereichsgrenze gelegen.

Gebietskarte mit den drei strategisch wichtigen Angriffszielen feindlicher Bomber

Zum Schutz der militärstrategisch wichtigen Anlage wurde der hiesige Bereich zur Feindfliegerbekämpfung mit erheblichem Flakgeschützaufwand versehen. Angefangen von kleinen 2 cm Solo- und Vierlings- Flakgeschützen im Ort, Kadenz 30/ 38 Schuß/m, einer schweren 8,8 cm Flak am Godenhaus, Kadenz 20-25 Schuss/ min., gr. Höhe 14.700 m, gr. Reichweite 19.800 m. sowie einer auf Eisenbahnplateauwaggons fahrbaren großkalibrigen 10,5 cm Flak der 4./lEisbFlakAbt 821, die im Bereich des im Kripper Feldes liegenden Gleisdreieck im Pendeleinsatz zwischen der Ludendorffbrücke und Ahrbrücke hin und her operierte. Die Unterkünfte der Angehörigen der schützenden Flak für die hiesige Ahrstrecke befanden sich in der Nähe des Godenhauses. Der Tross und die Küche befanden sich in den nahe liegenden Sandgruben und in der Lederfabrik Kripp. Die militärische Wichtigkeit dieser Nachschubschwachstellen wurden von den Alliierten bis zur Ortseinnahme mit über 2000 zielgerichteten Bombenabwürfen dokumentiert. 4)
Die westlichen und nördlichen Kripper Feldfluren ähnelten durch Bombenkrater aufgewühlt und umgepflügt einer riesigen Mondlandschaft. Bombenkrater reihte sich im Bereich des Godenhauses an Bombenkrater. Der Badenackerweg in Richtung Godenhaus verwandelte sich durch die vielen Blindgängerwarnschilder in einen Schilderwald.

Die Killerbombe vom 9. Februar 1945. Große Sprengbombe, 2000 lbs, AN-M 66
Quelle: ADD Koblenz (Kampfmittelräumdienst)

322. Bomb Group
Die Alliiierten näherten sich ab Herbst langsam unseren Reichsgrenzen im Westen. Mit zunehmenden Geländegewinnen wurden die Anflugszeiten der Feindmaschinen immer kürzer, da die alliierten Luftstreitkräfte bereits mehrere Flugplätze in Frankreich eroberten. Demzufolge erfolgte die Verlegung der Air-Base der 322. Bomb Group aus taktischen Gründen am 29. September 1944 nach Beauvais-Tille, einem der 4 Flughäfen der französischen Hauptstadt 84 km nördlich von Paris. Eine erneute Verlegung der 322.BG erfolgte im März 1945 nach Le Calot/ Belgien und später nach Fritzlar. 5)
Durch diese Verlegungen entfielen die unnötigen langen Anflugzeiten von den bisherigen weiter entfernten englischen Flughäfen und den Bombern wurde es nun leichter ermöglicht, tiefer ins deutsche Kernland einzudringen. Ab November waren die Kampfhandlungen der Feindflieger in unserem Luftraum von der Frontnähe an der Reichsgrenze im Westen bestimmt. Im Gegensatz zu den Briten mit ihren überwiegenden Nachtbombardierungen auf Städte setzen die US- Luftwaffe überwiegend auf Tagbombardierungen mit Punktzielen zur Zerstörung wichtiger Verkehrsanlagen und Nachschubwege. Im Januar 1945 lagen statischtisch die Trefferquoten der abgeworfenen Bomben der 9. US-Luftflotte bei optimalen Bedingungen bei 29 % mit Abweichungen von 300m vom eigentlichen Ziel und 59 % bei 600 m.

Bombertyp B 26 (Marauder)

Der in Kripp am 9.Februar eingesezte Bomber Martin B 26 (Marauder) war ein Mittelstreckenbomber der kalifornischen Glenn L. Martin Company in Santa Fee mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 mph = 480 km/h und großer Bombenlastaufnahme. Dieser mit zwei Doppelsternmotoren, je nach Bauartvariante zwischen 17,20 bis 19,80 Meter lange entwickelte amerikanische Bombertyp mit je 1850 – 1915 PS Motorstärke und einer Bombentraglast von 4.000 lbs (1,815 t). war für die Bombardierung von Einzelzielen und in kleineren Gruppen fliegend hervorragend geeignet und wurde im Mittelrheingebiet überwiegend mit dem Schwerpunkt für Luftangriffe rechts -und linksrheinischer Verschiebebahnhöfe und Verkehrsknotenpunkte zwischen Köln und Koblenz eingesetzt. Als militärisches Flugzeug diente er speziell dazu, Bodenziele mit Fliegerbomben anzugreifen. Wegen seiner hohen Geschwindigkeit und schweren Bewaffnung mit 8 bis 11 Browning-MG vom Kaliber 12,7 mm war dieser Maschinentyp ein gefürchtetes Mittel der taktischen Luftunterstützung. 6)

B-26 Marauder beim Bombeneinsatz

Bombentypen AN-M 64 (500 lbs.) / AN-M 66 (2.000 lbs) Bei den in Kripp nieder gegangenen Bomben handelte es sich um Sprengbomben mit einem Gewicht von 500 lbs und der Typenbezeichnung (AN-M64) sowie 2000 lbs (AN-M 66). Der kleine Bombentyp M 64 war zu 51,2 % mit den Sprengmitteln AMATOL bzw. zu 51 % mit T.N.T. gefüllt. Die große Bombe M 66 enthielt eine Füllung von 52 % AMATOL bzw. 53 % T.N.T. 1 lbs (libs gesprochen) entspricht dem Gewicht eines englischen Pound von exakt 0,4536 kg. Somit ist 1lbs überschlagsmäßig mit einem 10 %igen Abschlag fast mit 1 Pfund Gewicht zu vergleichen. 7)

Kleine Sprengbombe, 500 lbs, AN-M 64 (Schnittzeichnung)
Quelle: ADD Koblenz (Kampfmittelräumdienst) Archiv: Weis

Diese Sprengbombe mit enormer Druckwelle und geringer Splitterwirkung fand zur effektiver Vernichtung militärischer Anlagen Verwendung, um, wie bei Eisenbahnanlagen geplant, durch den Explosiondruck riesige Krater zu erzeugen und dadurch die Gleise zu zerreißen.

Bombenmaße: 500 lbs                 2.000 lbs
Länge:                1,44 m                  2,30 m,
Durchmesser    0,36 m                 0,59 m
Gewicht:             226,80 kg (500 x 0,4536 kg) 907,20 kg (2000 x 0,4536 kg)


Navigation/Zielabwurfverfahren
Die im archivierten Report über den Einsatz vom 9.2.1945 aufgeführte Bezeichnung „PFF“ weist auf „Pathfinder Force (Pfadfinder Kräfte) hin. Das war ein Spezialverband der 9. Bombardement Division, der speziell auf Navigation trainiert war und von denen dann immer ein bis zwei Maschinen an die eingesetzten Groups abgestellt wurden. Sie flogen dann als Führungsmaschinen an der Spitze des Verbandes.
Des weiteren waren der Bombergruppe fünf „Window-Flugzeuge“ (air craft, a/c) zugeteilt, die beim Anflug das deutsche Radarsystem mit dem Abwurf von Staniolstreifen stören sollte. Window deshalb, weil Churchill, als ihm das System vorgeführt wurde, auf die Frage welcher Code, spontan auf ein Fenster zeigte und sagte: „Nennen wir es Window.“
„GEE“ war das elektronische Navigationssystem, mit dem die Führungsflugzeuge zu den Zielen geführt wurden. Gleichfalls diente es den Leitnavigatoren auch zur Mitteilung, an welchem Punkt des Kurses bzw. wo der Verband gerade stand.




B-26 Marauderkanzel. Der Bombenschütze sitzt ganz vorn in der Flugzeugspitze.
Foto: Wikipedia


Der Bomberverband passierte beim Anflug den Initialpoint (Ablaufpunkt) und öffnete die Bombenklappen. Dann verfolgte der vorn in der Plexieglaskuppel der Flugzeugspitze befindliche Bombenschütze in seinem Zielgerät das Ziel und dirigierte für den Piloten den Kurs. Der Pilot hatte beim Zielanflug nichts zu sagen, der Bombenschütze hatte dann das Kommando. War das anvisierte Ziel beim Leitbombenschütze in der Führungsmaschine im Fadenkreuz, gab er ein Abwurfsignal durch den Abwurf von zwei Rauchbomben, worauf die Bombenschützen in den übrigen Flugzeugen des Verbandes ihre Bomben aus dem Bombenschächten ihrer Maschine entleerten. Anschließend flog der Verband nach einer Kurve wieder auf Gegenkurs. Selbst die über 900 kg schweren und 2,30 m langen 2000 lbs Bomben wurden wegen fehlender Außenaufhängung im Bombenschacht mitgeführt. 8)

Was geschah genau am Freitag, dem 9.Februar 1945?

Am besagten Freitag dem 9. Februar 1945 startete ein Bomberverband der 322. Bomb Group (Bombergeschwaders) mit 36 aufmunitionierten Bombern des Typ B 26 (Marauder) vom annähernd 385 km von Kripp entferntem französischen Flugplatz Beauvaise- Tille. Die bisherige Annahme, der Start sei von England aus erfolgt, ist nach neuen Recherchen unzutreffend. Anzufliegendes operatives militärisches Zielgebiet des Tageshochangriffes war die von dort aus in nur einer Flugstunde erreichbare Eisenbahnbrücke bei Sinzig, um diese zwecks Nachschubstörung zu bombardieren.
Kurz nach 15.30 Uhr signalisierte der Heulton der Luftschutzsirenen für die Umgebung Fliegeralarm. Wegen überfluteter Keller infolge der erhöhten Rheinspiegellage war es den Rheinanliegern nicht möglich, diese beim Luftschutzalarm aufzusuchen. Ob im Rheinbereich entsprechend hergerichtete Luftsschutzräumlichkeiten zur Verfügung standen, entzieht sich leider unserem Kenntnisstand. Das Hochwasser stand an diesem Tag bis zum zweiten Tor der ehemaligen Villa Nagel. Der Pegel Andernach dokumentierte am 15.2.1945 einen Höchststand von 8.38 m. Wegen des herrschenden Hochwassers ruhte der Fährverkehr auf dem Rhein. Die hiesige Fähre „Franziska“ wurde vom Fährmeister Peter Valentin, entgegen des Protestes der Rheinanwohnern aus Angst vor evtl. feindlichen Fliegerangriffen vor dem Hause Deubener, heute Haus Rüben, Rheinallee 10, vertäut. Dieses wörtliche Begehren der Rheinanlieger „leeg doch ding Pont ins Breisiger Feld“ (lege doch deine Fähre ins Breisiger Feld) wurde von ihm als Verantwortlicher jedoch mit „eenäh, die bliev he lieje“ (nein, die bleibt hier liegen) abgelehnt, da er vom „Kommando zur Sicherung der Rheinübergänge“ die Order zur ständigen Bereithaltung der Fähre für zurückweichende Soldaten bei eventuellen Fronteinbrüchen erhalten hätte. Der Fährmeister Peter Valentin versuchte die in ihren Häusern befindlichen Rheinanwohner mit einem Kahn ans Festland zu rudern, damit diese schützende Luftschutzeinrichtungen aufsuchen konnten. Unmittelbar nach der Luftschutzwarnung vernahm man schon Flakgeräusche und kurz darauf das dröhnende Motorengeräusch des Maraudergeschwaders und nachfolgende schwere Detonationen. 9)

Borddaten des Bombenleitschützen beim Bombenabwurf am 9.2.1945
Archiv: Dr. H.Schnatz, Koblenz


Infolge der Bewölkungsdichte und des heftigen Flakbeschusses hatte jedoch der zielsetzende Bomberschütze des Führungsflugzeuges die genaue Bodensicht verloren bzw. verschwommen wahr genommen. Das eigentliche befehlsmässig geplante Angriffsziel, die Eisenbahnbrücke über die Ahr bei Sinzig, wurde im Zielverfahren dadurch um Sekundenbruchteile verspätet geortet, was für 31 Bomber ein verzögertes Abwurfsignal zur Folge hatte. Die für eine effektive Sprengung der Eisenbahnbrücke bei Sinzig zugedachte und aus einer Abwurfhöhe von 14.500 feet (1 feet (Fuß) = 30,48 cm) verzögert ausgeklinkte Bombenlast entwickelte sich in Wirklichkeit zu einer „Bombenablage“ auf Kripp. Eine Verzögerung von Sekundenbruchteilen wirkte sich bei dieser Flughöhe und der Geschwindigkeit auf das Trefferergebnis enorm aus. Diese Abwurfhöhe war durch die große Reichweite Deutscher Flak notwendig. Der von 31 Bombern abgeworfene "tödliche Niederschlag" von 59 schweren 2000lbs Bomben und 4 mittelschweren 500 lbs Bomben mit hoher Sprengkraft erstreckte sich auf das Gebiet südwestlich von Linz und auf den südöstlichsten Ortsteil Kripps. Die alliierte Bombardierung verwandelte die einst historische Rheinpromenade des Ortes in eine Schutt-und Trümmerwüste und skelettierte das äußere historische Erscheinungsbild der Rheinallee in nie mehr wiederkehrender Weise. Die abgeworfenen Sprengbomben töteten alleine in Kripp 16 Menschen und vernichteten 18 Häuser auf der Unterkripp, die meisten im Bereich der heutigen Rheinallee. Insgesamt wurden 20 Häuser total zerstört.
Nachdem die Geräusche der abfliegenden Maraudern leiser wurden, begann man sofort mit den Bergungs-und Rettungsarbeiten. Es herrschte auf Grund der großen Zerstörung überall Chaos. Die Häuser hatten dem Detonationsdruck der Sprengbomben nicht stand gehalten und die Bewohner in den Trümmern begraben. Verschüttete wurden mit bloßen Händen aus den Trümmern geborgen. Überall wo man im Rheinbereich hinsah, waren zerstörte Häuser sowie Leichen und blutübertrömte Verletzte. Wer helfen konnte, der half!
Einige der Bombenopfer wie das Ehepaar Schürheck, das sich unmittelbar im Explosionsbereich einer Sprengbombe befand, konnte wegen fehlender Leichenteile nicht identifiziert werden.


Haus Schürheck, Badenackerweg/ Ecke östliche Quellenstraße, vor dem Bombenvolltreffer.
Repro: Archiv Weis/Funk


Dem in unmittelbarer Nähe weilenden Max Werner wurde der Oberschenkel abgerissen. Einige Personen, die sich im Nachen des Fährmeisters Peter Valentin befanden, wurden infolge des hohen Explosionsdruckes aus dem Nachen geschleudert und ertranken. Die geborgenen Leichen und Leichenteile wurden vom hiesigen Rheinanwohner Peter Stoffels und einem im Jugendheim untergebrachten SS- Mann auf das hochwasserfreie obere Grundstücksende der Rheinallee 30 a (Josef Marx) in Höhe des Sandweges auf Stroh gebettet. Viele Kripper waren nach Angaben der Rheinbewohner zur Zeit des Angriffes wegen der Beschaffung von Lebensmittelkarten unterwegs, ansonsten wären vermutlich noch mehr Opfer zu beklagen gewesen. Die Fähre "Franziska" versank infolge eines Volltreffers in den Hochwasserfluten und blieb auf der Rheinwiese (ehemaliger Campingplatz) auf dem Grund liegen.

 Der Fährmeister Peter Valentin nebst Ehefrau und 14 weiteren Personen fielen diesem Bombenangriff zum Opfer. Das auf der Fähre befindliche Auto des Kripper Gastronom und ehemaligen Fährpächters Dörries wurde durch den Volltreffer vernichtet. 10) In Linz wurde die Familie des Studienrates Lohmann mit 3 Personen Opfer des Bombenabwurfes. Zwei der fast 20 Ztr. Bomben durchschlugen als Blindgänger das dortige Reichsbahnviadukt und konnten nach dem Rückgang des Hochwasser entschärft werden.
18 Maschinen erhielten Beschädigungen durch Flakbeschuss, eine davon derart, das der linke Flügel abzubrechen drohte und seine Bombenlast im Zielgebiet nicht entladen konnte. Um die Maschine noch heil zu der Air Base zurück zu bringen, erfolgte aus Sicherheitsgründen auf dem Rückflug wegen Ballastreduzierung nähe Stenay/ Frankreich (Luftlinie 190 km von Kripp entfernt) ein sicherer Bombennotabwurf.



                                                

             

US-Report

Alle Maschinen kehrten jedoch zu ihrem Ausgangsflughafen zurück. Die Flakabwehr wurde vom Gegner als sehr stark, besonders im Gebiet des Laacher Sees, bewertet. 1 Besatzungsmitglied wurde bei dem Einsatz verwundet. Wegen der fast geschlossenen Wolkendecke konnten bei diesem geflogenen Einsatz laut Report „No photos couverage or visual observation of results due to cloud cover“ von den Piloten weder Trefferergebnisse gesichtet noch gemeldet werden. 11)

Der Kripper Augenzeuge Georg Breuer, der zu dieser Zeit mit dem Lehrmeister Rodemich an der Pumpanlage des Wasserturmes Reparaturarbeiten durchführte, schilderte die damalige Situation „ich sah die Bomben wie Bleistifte aus den Wolken fallen“. Gleiches sagte Arno Matuszak, der sich an das Erlebte als damals 4jähriges Kind noch heute erinnert.

Das Ergebnis dieses Irrtum füllte den Kripper Friedhof mit 16 Toten, wovon acht der handgeschriebenen Totengräberliste zufolge der Masse und der Eile wegen in einem Massengrab beerdigt wurden.


                                                                                                    Beerdigungsliste

Der Tod und die Beerdigung des im Begräbnisbuch von Kripp eingetragenen Bombenopfers Gertrud Lammer konnte leider trotz größten Bemühungen von uns bis heute nicht nachvollzogen werden, obwohl einem handschriftlichen Eintrag des Totengräbers Klaus Ronken im Gräberbuch der Gemeinde Kripp zufolge eine Beerdigung von Frau Lammer auf dem Friedhofsteil „A im Grab 11 der 9. Reihe“ dokumentiert wurde.
Der Tod von Frau Lammer ist weder in den Sterbelisten beim hiesigen Standesamt noch beim Standesamt in Köln dokumentiert. Ebenso verlief eine Suche in den Gräberlisten negativ. 12) Nach Angaben der Zeitzeugen war sie eine ausgebombte kriegsevakuierte Kölnerin, die kurz zuvor bei ihrer Verwandtschaft in Kripp vorrübergehend Unterschlupf gefunden hatte und an diesem Tag in Kripp den Tod fand. Die Namen der zivilen Bombenopfer vom 9.2.1945 wurden auf einer Kupferplatte im Mausoleum des Kripper Friedhofes verewigt.

Über den Grund des Bombeninfernos gibt es bisher in der hiesigen Bevölkerung widersprüchliche Angaben. Die ausgesprochene Vermutung des damaligen Kampfkommandanten der Remagener Ludendorffbrücke, Hauptmann Bratge, der Bombenangriff habe speziell der Fähre gegolten, halten wir eher für spekulativ. Für einen speziellen Fährenangriff am 9.2.1945 fanden wir bei den 1998 persönlich angestellten Recherchen im US- Nationalarchiv in Washington absolut keine Bestätigung. Selbst die bisher konsequent durchgeführten Recherchen der Lokalhistoriker Jakob Weiler, Heinz Schmalz sowie Dr. Helmut Schnatz, Autor des Buches „Luftkampf im Raum Koblenz“, lassen diesen Schluss nicht zu. Eher dürfte das schicksalhafte Zusammenspiel meteorologischer Verhältnisse und der daraus resultierenden Abwurfverzögerung der Bomberpiloten in Verbindung mit den aufgetretenen Funkproblemen sowie durch den heftigen Flakbeschuss zu dieser Zielverfehlung beigetragen haben.

Bestärkt wird diese Behauptung durch den archivierten Einsatzbericht für den Angriff am 9. Februar auf die Sinziger Eisenbahnbrücke mit dem Vermerk „Could not get GEE fix“. Dieser spezielle Vermerk dokumentiert die damalige Zielsituation, das der Navigator bzw. Funker beim Zielanflug auf die Sinziger Eisenbahnbrücke keine Funkverbindung zum Jägerleitstand bekam, von wo aus die Bomber mit Hilfe von „GEE“ geführt wurden. Das kam zu damaliger Zeit öfter vor, weil die Elektronik in der Entwicklungsphase noch sehr unzuverlässig war.
Hinzu kommt noch die Bemerkung des Bombenleitschützen des Führungsflugzeuges eine Minute vor dem Initialpoint, dass wegen der schlechten Bodensicht die Anvisierung des Brückenzieles eher einem „Glückstreffer“ entsprechen würde. 14)

All diese Fakten belegen eindeutig, dass die Fähre in Kripp nicht Ziel eines planvollen Bombenangriffes war. Es dürfte sich eindeutig um eine „Bombenablage“ gehandelt haben. Als Hobbyhistoriker möchten wir die aufgefundenen Angaben nutzen, die Umstände des Geschehens vom 9. Februar der geschichtlicher Wahrheit entsprechend zu berichten.
Willy Weis und Hildegard Funk, Kripp


Quellen:

1) Lagerbuch, Kath.Pfarramt Remagen- Kripp
2) Friedel Valentin, Kripp +
3) Jakob Weiler, „Remagen im März 1945“, S. 39;
desgl. Heinz Schmalz, „Dokumentation Sinzig 1939-45“, Kreisarchiv
4) wie 3, Abschnitt 3a
5) Google „Actions der 322. Bomb Group“
6) Wikipedia (Werksangaben Marauder)
7) ADD Koblenz (Kampfmittelräumdienst)
8) Dr.H. Schnatz, Koblenz, Verfasser von „Der Luftkampf im Raum Koblenz“
9) Friedel Valentin, Josef Marx, beide Kripp +
10) Friedel Valentin, Kripp +
11) Blatt 9 BDMission Summary , Microfil B5804, Air Force Historical Research Acency, Maxwell/Alabama
12) Standesämter der Städte Remagen und Köln
13) Lagerbuch, Kath.Pfarramt Remagen- Kripp
14) wie 11