Besatzungszeit 1918-1923 ©

© weis/funk Juli 2012

In Ergänzung an unseren Besatzungsbericht über die Zeit von Dez. 1919 bis 1923 in den Ausgaben Nr. 26-28/12 reichen wir zur damaligen Lebenssituation Auszüge der nunmehr noch aufgefundenen Archivalien in Alabama und Kalifornien nach, die das Ortsgeschehen in Kripp während der Besatzungszeit aus archivierten Tagebüchern durch Zeitzeugen noch präziser erhellen. Seien es die chronologisch angefertigten Listen von Standorten der als erster in Kripp eingesetzten Rainbow-Division, beginnend bei den Vorbereitungen des Kriegseintrittes in Liverpool (England) am 20. Nov.1917, 21. Nov. 1918 mit dem Grenzübertritt in Belgien, 23.Nov. 1918 Luxemburg, sowie das Erreichen der deutschen Grenze am 3. Dez. 1918 bis zum Eintreffen am 16. Dez.1918 in Löhndorf, wo wegen geringer Quartiere die vorbereitende Verlegung nach Kripp am 20. Dez. 1918 erfolgte. Eine Vorausabteilung an US-Quartiermachern hatte bereits schon am 6. Dez. Kripp in Beschlag genommen. Dabei wurden für einen eventuell eintretenden Ernstfall zur schnellen und wirkungsvollen Verteidigung die Verlegungen der Besatzungstruppen im Kreisgebiet nach logistischen und strategischen Gesichtspunkten einzelner Waffengattungen vorgenommen.

Ein weiteres in Kripp geführtes Tagebuch des amerikanischen Soldaten Edward Inman, Hornist der Rainbow-Division, beschreibt auf 15 Seiten seine Erlebnisse in Kripp bis zu seiner Ablösung durch die Observationsgruppe zum April 1919. Voller Begeisterung schreibt dieser über den in Kripp vorhandenen baulichen Luxus seines zugewiesenen Quartieres.
So schilderte er unter „Freitag, den 20. Dez.1918 ….die Einquartierungen sind schon vorgenommen. Die meisten von uns werden in einem großen Schloss einquartiert, während der Rest des Bataillons in den Häusern einquartiert wird. Das Schloss ist bislang noch nie vom Militär besetzt worden und wurde 1914 zu Beginn des Krieges erbaut. Es trägt den Namen „Bethelm“...( )...„ Es ist ein modernes Gebäude, mit fließendem Wasser in einigen Zimmern. Es gibt dort Bäder, Toiletten, heizbare Öfen und ein großes Solarium, ein Babybett aus Stahl mit Federn , alles wird uns zur Verfügung gestellt. Elf von uns, Corporal Herr und Caldwell, Pvts. Hanby Meiser, Sauer, Jones, Kirsch, Humphries, Childs, McKale und ich selbst besetzen einen Raum in der zweiten Etage, es gibt dort 3 Etagen. In einer Ecke steht eine große Porzellan Waschschüssel für kaltes und warmes Wasser. Neben unserem Zimmer gibt es noch einen kleineren Raum, der besetzt wird mit Corporal Holbrook, Mechaniker May und Frederek, Pvts. Anderson, Johnson, Knox und Ryan. Von unseren Fenstern aus können wir den Rhein in 500m Entfernung sehen. Er windet sich in Krümmungen zwischen den gegenüberliegenden Hügeln.“


Neil Bruntrager who originally posted the pictures. His grandfather was in the veterinary corps and stationed at Kripp

Gemeint ist hier die ehemalige riesige Sommerferienvilla der Großkaufmannsfamilie Hettlage, heutiges Bürogebäude der Firma VITO-Irmen Gmbh in der Mittelstrasse 74, damals unter dem Namen „Haus Bethlehem“ für jeden im Ort ein Begriff.
Des weiteren ist er am ersten Tag seiner Ankunft über die hier herrschende Armut und über das damalige schlechte Schuhwerk der hiesigen Kinder entsetzt, was ihn zu dieser sofortigen Tagebucheintrag veranlasste: „..bei den spielenden Kinder habe ich alle Arten von Schuhwerk gesehen. Jungen und Mädchen im Alter von 8-10 Jahren tragen die Schuhe der Mutter oder des Vaters. Alte, abgenutzte mit schweren dicken Sohlen aus Holz mit Oberteil aus Leder. Schuhe von ihren älteren Brüder und Schwestern, unpaarige Schuhe vielleicht von demselben Fuß, die Fersen meist abgenutzt“.
Schockiert über die Feststellung, dass die Kripper wegen der für den Kriegseinsatz fehlenden Pferde Ochsen, Kuh und Maultier als Zugtiere für die Feldarbeit benutzten, notierte er am selben Tag: „Sogar ein Pferd, welches mit einer Kuh zusammen auf dem Feld arbeitet. Nie haben wir 2 Pferde in Tandem gesehen, ein Zeichen, dass Pferde hier selten sind“. 1)
Nach Meinung der Besatzer wurden sie von der hiesigen Bevölkerung höflich und mit offenem Herzen empfangen. „Die Freundlichkeit und Unbeschwertheit traf uns im heiklen Gegenteil zu dem Verhalten der Franzosen, die immer Angst hatten, wir würden ihnen etwas wegnehmen“. 2) Den Zeilen des Tagebuches ist zu entnehmen, dass sich die Dorfbewohner mit ihren Besatzern engagierten, indem sie unter anderem Sonntags auf dem Dorfplatz musizierten. Aufgrund des an und für sich guten Miteinanders reagierten die Kripper jedoch arg verärgert auf eine in kriegsmäßiger Schlachtordnung der Infanterie und Artillerie nicht angekündigter Scheinattacke der Besatzer vom Reisberg aus über die Felder bis zum Kripper Flussufer, was eine sofortige Einstellung der anfänglich gegebenen Sonntagskonzerte der Kripper Musiker mit ihrer Kapelle auf dem Dorfplatz nach sich zog. “Der Deutsche wusste nicht, was los war, die Hände ringend weinten die Frauen und die alten Leute hatten Angst“.
Ein heiterer Kommentar im Tagebuch eines Besatzungssoldaten über eine Hochzeit in Kripp, wobei die Braut der damaligen Mode entsprechend die Modefarbe schwarz trug, sei noch angemerkt und gibt Anlass zum schmunzeln. Dem Eintrag entsprechend konnte man: „... hier eine Beerdigung sehr schwer von einer Hochzeit unterscheiden. Natürlich fehlte der Sarg, aber die Leute tragen alle schwarze Kleidung“. Ansonsten waren alle etwas unbekümmerter als sonst und man konnte frei Kaffee trinken. Nach der Hochzeit wurde dann ausgiebig getrunken. 3)
In der Nacht zum 18. März 1919 kam es in Kripp zwischen zwei amerikanischen Besatzungssoldaten zu Rivalitäten wegen einer älteren rothaarigen Kriegerwitwe, bei der ein Soldat niedergeschossen wurde und im Ambulanzwagen auf dem Weg nach Ahrweiler verstarb. Der vom Wachpersonal gefangen genommene Kontrahent wurde zur Ableistung einer 15jährigen Zuchthausstrafe nach Fort Leavensworth (Kansas) verschubt. 4)
Der Sold der Besatzungssoldaten wurde in Mark ausgezahlt, wobei der damalige Wert von 24 Cent vor dem Krieg nun nur noch 8 Cent entsprach. Auf Grund der mangelnden Ernährungslage bestand für die Truppen das Verbot, jegliche Art von Lebensmittel von der Ortsbevölkerung zu kaufen.


Neil Bruntrager who originally posted the pictures. His grandfather was in the veterinary corps and stationed at Kripp

Fast ein über den anderen Tag fanden zur Unterhaltung der Dorfbewohner und zur Vorbeugung gegen die Langeweile der Soldaten auf dem Dorfplatz Veranstaltungen statt, angefangen von Box- und Ringkämpfen sowie Platzkonzerte verschiedener Regimentskapellen sowie Filmvorführungen, wozu zur Stromerzeugung eigens ein spezieller Lastwagen herangeschafft wurde, weil Kripp noch nicht über ein eigenes Stromnetz verfügte. Sonntags fanden auf dem Dorfplatz vor der Kirche für die Truppenmitglieder Gottesdienste statt, wobei am 15. Januar 1919 der New Yorker Bischof eine Predig hielt.
Von den anfänglichen 2.500 eigenen Pferde der Besatzer kamen Anfang März 1919 Unmengen von Pferden zur Sammelstelle Kripp hinzu. Sie stammten von Divisionen, die ihre Heimreise antraten. Hier wurden die über 25.000 auf den Auen des Ahrmündungsgebietes von Kripp bis hinter Sinzig weidenden Pferde und Mio`s (hochbeiniger Bastard von Eselhengst und Pferdestute) hygienisch zum Verkauf, teilweise an die luxemburgische und belgische Regierung, Kripper Kleinbauern oder andere Interessenten, vorbereitet. Dabei wurden die Pferde und Esel am westlichen Dorfausgang in einer Art Schleuse von Läusen befreit. Hierfür standen eigens große Bottiche voll mit einem Insektizid präpariertem Wasser bereit, indem die Tiere über eine Rutsche komplett in den Bottich fielen und kurzfristig abtauchend bis an das andere Ende schwammen. Um nicht zu entfliehen, waren die Bottiche seitlich eingezäunt. 5) Wegen der akuten Gefahr der Überweidung wurden täglich die unzähligen aufgestellten Futterkrippen mit Unmengen an gepresstem Heu aufgefüllt.
Am 16. März 1919 fand in der Kripper Flur eine große Parade zu Ehren des in Trier stationierten Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, der sogenannten „American Expedetionary Force“, General J.John Pershing, statt, wobei der unter dem Nikname „Black Jack“ genannte General die Parade auf einem weißen Schecken reitend abnahm, während insgesamt 11 Musikeinheiten zu diesem Ereignis ununterbrochen spielten. Eigens für diese Parade hatten sich einige kleine Gruppen von Zivilisten eingefunden. 6)


                      Unzählige aufgestellte Futterkrippen sollten einer Überweidung vorbeugen. Laut Tagebucheintragung
                      des Kripper Gottfried Valentin war jedoch, wie auf dem Foto zu sehen ist, wegen Überweidung auf den
                     Ahrwiesen kein Grashälmchen mehr zu sehen.

Am 5. April erging für die ersten Kripper Besatzer der Marschbefehl in Richtung Heimat. “Wir gingen um 08.30 h singend durch Kripp, die meisten Bewohner stehen an den engen Straßen , um uns zu verabschieden, und viele Kripper haben Tränen in den Augen. Wir gehen über Felder, wo die Ahr in den Rhein mündet, Richtung Sinzig. Dort stehen die Trucks bereit, um uns nach Brest (Atlantikhafen) zu bringen, zu unserem Schiff“ 7) Sie wurden durch die Truppen der Ivy-Division abgelöst.
Ab 2.Mai 1919 löste General Liggett den bisherigen General Theodore Dickmann ab, der in die USA zurückkehrte und delegierte Brigadier Genral Malin Craig als „Chief of Staff“ und Colonel Fouler als Chef der Luftwaffe. In Kripp stationierte sich die 4th Corps Observations Group, und sie hatte die 85the Aero Squadron zur Unterstützung. 8)
Ein anfängliches Fraternisierungsverbot erlaubte es den Besatzern nach den Armeeregeln nicht, mit den Deutschen Verbindungen aufzubauen. Bei gleichen Regularien war es den Deutschen verboten, nächtliche Treffen abzuhalten, egal welcher Art. Mehr als drei Deutsche zusammen war verboten.
Ab September lockerten die Besatzer dann das Fraternisierungsverbot. Von nun an war der Umgang der stationierten US-Truppen mit den Deutschen erlaubt, was in den besetzten Gebieten über 600 unterhaltsberechtigte Ehefrauen mit annähernd 250 Kindern zur Folge hatte. Zur Prävention einer „militärischen Germanisierung“ beabsichtigte man Hochzeiten mit deutschen Frauen zu limitieren. Nach einer Ablehnung durch das Kriegsministerium entstand zur Limitierung und Anerkennung dieser Ehen eine neue Regelung, wenn die charakterliche Eigenschaft des Soldaten „sehr gut bis exzellent“ war. Nach dieser Regelung kamen 1920 36% Besatzungskinder in den Genuss eines legalen amerikanischen Vaters und 1921 sogar 41 %, deren Schiffspassagen nach Übersee inklusive der Reisekosten der deutschen Ehefrauen von der Regierung übernommen wurden. 9) Nach dem Lockern des Fraternisierungsverbotes war es den Soldaten sogar erlaubt, zwischen 11.00-14.00 sowie 17.00 bis 19.00 Uhr Wein und Bier zu kaufen. Des weiteren wurde die Verfügung, Cafés und Restaurants bis 21.00 h zu verlassen ab 1920 etwas gelockert. Der Ankauf von hochprozentigem Alkohol blieb jedoch bei Strafe verboten. Näheres hierzu in Militärische Ereignisse www.Geschichte-Kripp.de

[Willy Weis und Hildegard Funk, Kripp]

Quellen:
1+2) Tagebuch des US-Besatzungssoldaten Edward Inman, Einträge vom 20.12.1918
3-7) dto, Einträge vom 16.3.-5.4.1919
8) „The US Service into Great War / 1917-1918 by James J. Cooke
9) „The Doughboy Watch on the Rhine“ by Alexander F. Barnes