.Fehde 1575 ©

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K R I P P

Die Linz-Remagener Fehde auf hiesigem Areal 1575.


Schon vor der eigentlichen Existenz des Ortes Kripp gab unser fruchtbares Areal wiederholt des öfteren Anlass zu Misshelligkeiten zwischen den Linzer und Remagener Bürgern, so dass diese recht streitbare Vorgeschichte in einer offenen Fehde eskalierte, wodurch sich der vom Linzer Magistrat angerufene Kaiser Rudolf II. zur Beendigung der Zwietracht gezwungen sah, den Streithähnen mit der Acht (Strafe des altdeutschen Rechts bei schwerem Friedensbruch) zu drohen. Die Hauptgründe für diese Auseinandersetzungen waren jedoch wirtschaftlicher Natur.
So wurde 1576 „an einem hohen dinglichen Dag“ ein vager Frieden geschlossen, deren Handhabung, wie zu erwarten, nicht von allzu langer Dauer war. Jahre des ingrimmigsten Haders hielten die Feuer der Zwietracht in Gang.

Der Remagener Gemeindebann erstreckte sich zur damaligen Zeit bis über den Rhein und nahm teilweise Uferbereiche von Linz ein. Wegen der rechtsrheinischen unmittelbaren Angrenzung an den Linzer Gemeindebann waren Streitigkeiten vorprogrammiert und unvermeidbar, da das zu Kurköln gelegene Linz mit dem auf jülichem Territorium liegenden Remagen seit der Pfandeinlösung konkurrierte.
Bis zur Pfandeinlösung im 16. Jahrhundert lebten die Bewohner der Städte Linz, Remagen und Sinzig unter Kurkölnischer Herrschaft recht einträchtig hüben und drüben nebeneinander, mit freundschaftlichen und eng geknüpften Verbindungen untereinander.
Die drei Gebietsgrenzen der Gemeinden Linz, Remagen und Sinzig trafen schon damals beim heutigen Rheinstromkilometer 629,5 (Kripp, ehemaliger Bereich Villa Nagel) zusammen.
Linz, Remagen und Sinzig erhielten im 14. Jahrhundert die Stadtrechte und jede Stadt erhielt als neuen Verwaltungsbezirk einen Amtssitz. Zum Kölner Erzstift war Linz seit dem 13.Jahrhundert gehörend, wobei die Städte Sinzig und Remagen als Reichsland in Wechselfällen an das Herzogtum Berg und später an Jülich gelangten, aber im 15. Jahrhundert wieder an das Erzstift Köln verpfändet wurden. 1)
So kam es, dass unser Gebiet mehrmals den Landesherrn wechselte. Eine damals durchaus übliche und legitime Angelegenheit.

Als königliches Privileg besaß der Erzbischof zu Köln nicht nur alle Gerechtsame des Rheinstromes, sondern auch die Benutzung des am linken Rheinufer verlaufenden Leinpfades, auf welchem mittels Pferde Schiffe bergwärts expediert wurden.

So wurden auf Anordnung des damaligen Erzbischof Engelbert am 21. Juli 1365 die Bürgermeister und die Schöffen der Stadt Remagen nach Linz entboten, um zu geloben, " daß sie keinerlei Bau an Mauern oder Gräben, an Planken oder Porzen noch an sonstigen Befestigungen auf das kölnischen Erzbischofs und Erzstifts Leinpfad, Geleite, freier Straße und Strom aufführen wollte".
Durch den Landesherrn war bereits die Bewilligung eines Fährbetriebs 1409 erfolgt, die zugunsten der Stadt Linz gegen Entgelt in Erbpacht verliehen war, sowie das Privileg jeden Mittwoch einen "offenen freien Wochenmarkt" abzuhalten, damit jeder in der Lage war, "unverhindert, ohne jemandes Einreden oder Verspott solchen freien Wochenmarkt zu besuchen, seine Commercia zu treiben und angelegen Fürteil bester Vermögenheit zu befürdern"...um den Erzeugern durch eigene Handelstätigkeit und ohne Zwischenhandel über ihren Gewinn selber zu bestimmen bzw. sich preisgünstiger mit dem Lebensnotwendigen versorgen zu können.
Dieser Linzer Frucht-und Viehmarkt, der großen Anklang der angrenzenden Städten Remagen und Sinzig fand und wirtschaftlich genutzt wurde, erfreute sich zunehmender Prosperität.

Als Folge der einheitlichen Landesherrschaft war es durchaus legitim, dass Linzer auf der gegenüberliegenden linken Stromseite in Ahrnähe auf dem Remagener Gemeindebann Felder oder Wiesen käuflich erwarben und diese zur Bewirtschaftung durch das der Stadt Linz gehörende Rheinfahr leicht erreichen konnten. Ein katasterlicher Nachweis ergibt sich noch heute aus der Flurbezeichnung „Linzer Wiesen“ am westlichen Ortsausgang zwischen der Straße „Zum Ahrtal“ und dem Godenhaus. 2)
Im Rheinuferbereich pflegten die Linzer Bürger zur Versorgung der Treidelpferde die von ihnen hier aufgestellten Pferdekrippen mit frischen Gras zur Fütterung zu füllen.
Solche Futterstellen bestanden schon, wie nachweislich aus einem Schreiben des Ratsherr Peter von der Glocken an den Rat und Bürgermeister der Stadt Köln schon während den hiesigen Kampfhandlungen im Burgundischen Krieg 100 Jahre zuvor 1475 zu entnehmen ist. ...( Orginaltext>) … „Sij haint ouch dat bolwerck tegen Lijns, da men die perde zo fuderen plege, uffgeslagen […]“ 3) (<normalisierter Text)....„Sie haben auch das Bollwerk gegenüber Linz da, wo man die Pferde zu füttern pflegt, aufgeschlagen [...]“
Wie aus dem nachfolgenden Bericht ersichtlich, haben sich bereits schon vor der regulären Ortsentstehung Baulichkeiten in Form von Stallungen und provisorischen Schutzhütten für die Halfen auf unserem Gebiet befunden.

Die Zeiten der bisher gehandhabten Eintracht und des friedlichen Verkehrs untereinander endeten jäh mit der Auflösung der einheitlichen Landesherrschaft, als Sinzig und Remagen durch Pfandeinlösung des Herzogs Wilhelm, teils 1554, teils 1560, wieder hoheitsrechtlich als jüliches Territorium vom Erzstift Köln und der Stadt Linz gelöst wurden.
Ausgelöst durch den Wechsel territorialer Verhältnisse infolge der Pfandeinlösung und geschürter Intrigen diensteifriger landesfürstlicher Beamten wurde aus der bisherigen Eintracht nun Zwietracht. Fortan kam es nun zwischen Bürgern der Stadt Linz und den Städten Remagen und Sinzig laufend zu Misshelligkeiten.

Nachdem 1575 Sinzig die herzogliche Erlaubnis zur Abhaltung eines Wochenmarktes erhalten hatte, wurde nun die Bürgerschaft von Remagen in gleicher Angelegenheit in der Düsseldorfer Kanzlei bittstellig.
Herzog Wilhelm gestattete den Remagenern auf ihre Bitte hin die Abhaltung eines Wochenmarktes am Mittwoch, dem gleichen Wochentag des allwöchentlichen Linzer Wochenmarktes mit der Bedingung, das "bei hoher und ernster Straf" es den jülich-bergischen Untertanen von Remagen, Sinzig, Ahrweiler und der Grafschaft geboten war, ihr Viehzeug und andere feilzubietende Waren ausschließlich nur auf den Remagener Wochenmarkt zu bringen.
Konkurrierend zum gleich tägigen Linzer Wochenmarkt legten jüliche Beamte, obwohl "gegen alt Herkommen und uralten Brauch", zwischen Remagen und Erpel mit 2 "Laurdannen" 4) und anderer größeren Schiffen eine Überfahrt an, um ein Übersetzen von Vieh und Pferdefuhrwerken aus dem rechtsrheinischem Gebiet über den Rhein zum Remagener Wochenmarkt zu ermöglichen und somit die für den Linzer Wochenmarkt bestimmte Handelsprodukte „verderblich“ zu entziehen.
Die Streitereien wurden 1576 durch einen „an einem hohen dinglichen Dag“ geschlossenen vagen Frieden beendet, der jedoch, wie zu erwarten, nicht von allzu langer Dauer war. Die Linzer und Remagener Bürger bekundeten zur "Handhabung des Friedens und zur gegenseitiger Unterstützung im Falle eines Brandschadens, wozu dann ein jeder Bürger zur Beilage verpflichtet war." 5)

Schon bald danach wurde offenbar, dass auf der Suche nach neuen Streitobjekten es den Beamten des jülichen Amtes Sinzig-Remagen nun in den Sinn kam, die linksrheinischen befindlichen Feld-und Wiesenfluren auf ihrem Gemeindebann bis zur Ahr von den Linzern zurückzugewinnen und sich gegen deren illegalen errichteten provisorischen Behausungen auf unserem Gebiet zu mokieren.
Die Remagener traktierten von nun an die auf hiesiger Uferseite arbeitenden Linzer Bürger und störten diese bei ihrem Arbeitsablauf fortlaufend. Ganz offensichtlich wurde diese Zwietracht durch wetteifernde herzogliche Beamte geschürt, um die vermaledeiten Linzer sukzessive in ihren althergebrachten Privilegien und Gewohnheitsrechten zu beschneiden und von ihren begehrten und fruchtbaren Ländereien auf dem Remagener Gemeindebann (heutiges Kripper Gebiet) zu verdrängen, indem sie die Linzer an der Arbeit hinderten.
Trotz mahnender Versuche des Erzbischofs zu Köln, der mit gütlichen Versuchen im friedlichen Nachbarschaftsgedanken alles versuchte, obrigkeitlich die Rechte seiner Linzer zu schützen, ließen es die Remagener unbeirrt in ihrer "feindseligen Art" weiter verfahren.

Offene Fehde.

Dieses Vorgeplänkel fortwährender kleinlicher Streitereien, welche die bisher in Eintracht lebenden Nachbarn Linz und Remagen bedrohten, akkumulierten sich und eskalierten 1575 zu einer offenen Fehde, als an die 100 Remagener Bürger, davon 10 bis 20 zu Pferde, im heutigen Kripper Feld erschienen und mit ihrer „Privatarmee“ chancenlos die dort auf ihren Feldern arbeitenden Linzern malträtierten, die Gäule von den Pflügen spannten und diese hinter das Sinziger Werth brachten. Die Remagener Bürgerarmee teilte sich alsdann in zwei Kampfgruppen, wovon eine sich in die Richtung "Krippen" gegenüber Linz bewegte, um das dortige Linzer Fährschiff in ihre Gewalt zu bringen, was ihnen jedoch dadurch misslang, da der Fährmann aller Voraussicht nach das Vorhaben erkannte und das Boot am Linzer Ufer ließ. Wutentbrannt zündeten sie die hier von den Linzern errichteten Hütten und Stallungen an und vernichteten deren Feldfrüchte. Der andere Trupp Remagener lief zu den "Wiesen und Benden", wo Linzer Mägde und "Kruderschen" krautjätende Feldarbeiten durchführten. Einige Frauen wurden unter Androhung von Gewalt gezwungen, ihre gemähten Grasbüschel nach Remagen zu tragen. Fünf in den "Benden" mähenden Linzer bzw. beschäftigte Linzer Mühlenarbeiter wurden kurzer Hand gefangen genommen und im Remagener Gefängnis arrestiert. Rheinaufwärts Flüchtende wurden von 20 Schützen zu Fuß und einige zu Pferd verfolgt. Da sie aber bereits in Höhe Leubsdorf mit dem Nachen vom Ufer ablegen konnten, versuchte man mittels direktem Büchsenbeschuss, wenn auch vergeblich, sie zur Umkehr zu zwingen.
"Das Fahr" (Fähre) wurde mit "Büchsen und anderen Wehren" der Remagener Tag und Nacht bewacht und der Berg-und Tal fahrenden Schifffahrt verboten, Linz auf dem Rhein zu passieren.
Dabei wurde ein des Leinpfades ziehender Linzer Treidelschiffer kurzerhand ins Remagener Gefängnis geworfen und seines Hab und Gutes konfisziert.

Die Linzer griffen in diesen "kriegerischen Vorfall" nicht tätlich ein, sondern Schultheiß, Bürgermeister, Rat und Gemeinde Linz richteten Schutz suchend einen Beschwerdebrief an den Kaiser Rudolf II., der von 1576-1612 Deutscher Kaiser war.
Dieser Briefinhalt gab die kriegerischen Geschehnisse auf dem Kripper Feld in den letzten Tagen wieder, der sinngemäß eine Feldschlacht mässige geordnete Belagerung durch die Remagener, in „vier Fähnlein geordnet, mit großem Geschrei, Trompeten und Trommelschlag“ der Kripper Au wiedergab und sogar über den Rhein geschossen worden sei. Die Aussperrung der Linzer von ihren Äckern bringe einen großen Verlust etlicher „Malter Fraucht“, da sie weder die Felder "bebauen noch beherbsten" können und somit einige Linzer in Nahrungsnot gelangen könnten. 6)
Mit Schreiben vom 24. September 1578 erging an den Herzog von Jülich-Berg und seine Untertanen nachlautenden mahnenden kaiserlicher Befehl, um die Linzer weiterhin in ihren Rechten und Gewohnheiten zu belassen.
"Wir Rudolph der ander von Gottes Gnaden gewölter Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, zu Germanien, Hungaren, Behem, Dalmatien...empieten dem hochgebornen Wilhelmen Herzogen zu Gülich, Cleve und Berg...und samptlichen Underthanen zu Reimagen unser Gnadt und alles Goetz. Hochwohlgeborner lieber Oheim...haben unsere und des Reiches lebe getrewe Schultiß, Burgermeister, Raadt und gantze Gemeindt der Stadt Linß supplicirend anbracht, wie daß newlicher Zeit D.L. und aus dero Befelch der Amptmann zu Remagen nitt allein etliche Personen auß Ihnen der Burgerschafft zu Linß, samt dero Pferden uf Linßischen Aeckern bei Remagen und jenseidt Rheintz gelegen thatlicher Weiß unverschulter Sachen und ohne einig rechmeßige
Ursachen vo iren Pfloegen abhollen, außspannen und gefenglich hinwegschleppen, auch gegen andre dergleiche Thaitlichkeidt vurgenommen sich betrawlich hoeren und verlauten laßen, dadurch sie von irer nottürfftigen Feldarbeidt, bevorab zu dißer koestlichen Saettzeitt geschreckt und abgehalten, also künfftiglich uhm etlich vill Malder Freucht jemerlich in Schaden gefurt und endlich zu besorgen auß Mangell nottürfftiger Alimenten sich des bitteren Hungers nitt erweren, noch mitt Weif und Kinderen vur äußerstem Verderben, Jammer und Ellendt erretten kunnen werden, sundern auch die Schoepf und Stell, so der Endtz Leuten und Pferden zu gutem ufgericht, gantz feindtlicher landfriedbrüchigweiß in Feuer stoßen, zu Grunde abbrennen und verwüsten, über das auch die Underthanen zu Remagen beneben noch andre Angehörigen in der Graffschafft Altennewenar zu Feldt und fast in Angesicht der Cleger mitt großem Geschrei, Trommetten, Trommelschlagen und ungebürlichem zuroeffen, musteren, undern veir Fänlein außtheilen, in Ring lauffend, und leich zu einer Feldschlacht gerust erzeigen, auch vilmal gegen innen und die Stadt Linß abscheißen, zur Wehr sich richten und stellen, furthern das Fahr und Gestatt deß Rheins mitt vollen Hauffen und Heereskrafft belegeren, und seithero Tage und bei Nacht bis uff diße Stundt etwae mit zehn, zwantzig, vunffzig oder mehr gewapneten Mannern verhüten und bewachen laßen, also das feie Burgere zu Linß zu iren deß Orthen unstreitigen eigenthumblichen Güttern, taglichen notwendigen Bawen halben nitt faren, noch die Aecker besehen, oder Herbst machen dörffen, wie dan ir beklagte Amptmann und Underthanen zu Remagen ahn dem allen noch unersättiget euch eweren freventlichen unpilligen Vorhabenß mit immerwehrenden betrawlichen Zuschreien ferner vernemmen laßendt, da seye Clegern sich bewuster irer eigenthümblichen Gütter, ja auch deß offnen freien Rheinstraums in uff,- ab- oder uberfharen, gebrauchen wurden, seye alsdan mit strengerm Ernst anzugreiffen, zu theruen, zu stoecken und ploecken, und im Fall ires Widersetzens an Leib und Leben zu befharen. In maißen ir dan zu Vortsetzung sulchs eweres uffsetzigen fridheßigen Gemeudts, da ir etlichmall uff Linßischen Fahrschiff und Nachen mitt Leuthen, bey Tag und Nacht betretten,denselbigen feindtlich zugesetzet und ob seye wol mitt gotlichen Hilff entrunnen, jehdoch mit Haecken und Pirschrhoren nachgeschoßen, und so ir jemantz erwischt und bekommen, Zwivelen ohn gantz unmenschlich tractiert haben würdet. Dweil dan solches alles nit allein in geistlichen und weltlichen beschriebenen Rechten, der gulden Bull und andern meher Reichsconstitutionen, sonderlich dem offnen außgekundten Landtfridden bei hoechster Pfoenen verpotten, und auch natürlichen Pilligkeit zuwidder, und aber heilsamlich dagegen versehn, welcher Gestalt die schwacheren durch den oberichten geschützet und geschirmet werden sollen, und sie einig andere Zuflucht außerhalb unß und unser hechsten Justitien nitt haben, indem hechlich zu besorgen, daseye iren Gnedigsten Herrn unsere leben Neffen und Churfürsten zu Coeln zu Rettung anruffen werden, darauß mher geferlicher Widderung und großer Jamer anstehen und wie es anzusehen beide Theil feindlich aneinanderwachsen moechten; derowegen umb diese unsre Kais. Mandat widder D.L: und euch samptlich zu erkennen und abzuschaffen, auch meniglich bey Rechtt und Pilligkeit Handt zu haben geneigt, also inne am heut. Dato gepettene Proceß erkandt worden. So gepetten wir D.L. und euch von Römisch Kais. Macht bei Poen deß gemeinen Landfridden und Constitutionen inverleibt, sunderlich unser und deß heiligen Reiches Acht , hiemit ernstlich und wollen, daß D.L. und Ir gegen innen Cleger dero... Haab und Guett, außerhalb und unverlangt Rechtens, mit verspottener Gewaltthat, eigens Willens und Vurnemens nichtz beschwerlichs handeln, üben oder volbrengen, selbs oder durch andere, in keinerlei Weiß noch Weegen, und sei bei iren Rechten und Gewohnheiten, täglichste gewönlichen Handarbeidt und von Natur erlaubtem Geprauch des freien Rheinstraumes in uf, ab oder uberschiffen unbetrübt sicher seyn und pleiben, weberen und wanderen laßen, dawidder nitt anfechten, betrawen, verfolgen oder beschedigen, noch betrawt, angefochten, verfolget oder beschedigt werden verschaffen, geferlich nachsehen oder gestatten. Sunder ob D.L. und ir gegen innen gemeiniglich oder besunders Spruch und Forderung zu haben vermeinen, derhalben sich ordentlichen rechtlichen Austrages, dazu seye geseßen, und erpeutig gebrauchen, settigen und begnügen laßen, alß lieb D.L. und euch sei abbestimpte Poen, sünderlich unser und deß heiligen Reichs Acht zu vermeiten. Dran thue D.L und ir zur Pilligkeit unsern ernstlichen Willen und Meinungh.
Geben in unser und deß Reichs Stadt Speir am veir und zwantzigsten Tagh Monats September nach Christi unsers lieben Herrn Geburt funffzehen hundert und im acht und Siebenzichsten unserer Reich: deß Römischen im dritten, deß Hungarischen im sechsten, und deß Behemischen im veirten Jar." 7)

Die "angeordnete" Eintracht, die für Zeit und Ewigkeit gedacht war, hielt nur kurz, indem nun der Kölner Erzbischof als Rachakt die Linzer anstiftete, den Remagener auf gegenüber jülich- bergischem Gebiet eine Lektion zu erteilen und diesen 2 Laurdannen und einige Fährboote unter dem fadenscheinigen Vorschein " zur Erhaltung und Handhabung deroselben Erzstifts Hoch- und Obrigkeit, auch deren von Lins Gerechtigkeit und uralten Gebrauch des freien Wochenmarktes, auch Abwendung alles unziemlichen verbottenen Gewalts" wegnehmen ließ. Eine Petition der Linzer an das Reichskammergericht 8) wurde mit Erfolg beschieden und die ehrgeizige Rivalitäten unter den Städten gerichtlich entschärft, indem der Wochenmarkt Mittwochs fortan nur noch in Linz abgehalten werden durfte.

Mit der Zeit fanden die beiden Städte allmählich zu einem friedlichen Einvernehmen zurück, so dass am 24. Sept.1708 der Landesherr Johann Wilhelm, als Kurfürst von der Pfalz und Herzog von Jülich-Berg, zur Bequemlichkeit seiner Untertanen der Markttag am Mittwoch in Remagen wieder einführte, "...umb dieselbe bey Abholungh Ihrer Notturfft an Früchten zu Lintz denselben zufügenden devexationen zu endtheben gnädigst verordtnet, daß in dero Statt Remagen wochentlichst, und zware am Mittwogh ein Früchten-Mark gehalden werden solle, ..." 9)
Aufgrund des zwischenzeitlichen gesteigerten Warenverkehrs dürfte der Remagener Markt nicht mehr konkurrierend mit dem gleichtägigen Linzer Markt gestanden haben.

Um wieder die selbstständige Verfügung über ihre gesamte Feldmark zu erlangen, wurden nach Verhandlungen mit der Stadt Linz und der jülich-bergischen Regierung am 2. August 1730 die bisherigen Rechte der Linzer Bürger an Grund und Boden in der Remagener Gemarkung teilweise abgelöst. Im Gegenzug behielten die Linzer ihre althergebrachten Rechte zur Abhaltung eines Wochenmarktes und der Rheinfähre, jedoch mit der Maßgabe eines jährlichen Entgeltes für das Anlegen der Fähre am Kripper Ufer.


Willy Weis und Hildegard Funk, Kripp




Quellen:

1) LHAKo 635/654, ZA: Westdeutsche Tageszeitung Nr.65, vom 14.3.1926, "Streitigkeiten zwischen den rheinischen
Nachbarstädten Linz und Remagen im 16. Jahrhundert". Prof. Dr. L.Wirtz
2) Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz Koblenz, Topographische Karte Linz am Rhein 5409, „Linzer Wiesen“
3) „Die Andernacher Bäckerjungen“ – Hintergründe einer Sage - Andernach 1994, Beitrag Dr.Huiskes, „..und man
mangelt der von Andernach hundert und funfundzwenzig“,S. 51-100, s. S.67, Fußnote 54.
4) Lauertanne, kurzlebige aus rohem Tannenholz gezimmerte einfache Schiffe.
5) Rheinischer Antiquarius III, Band 9 , S.198.
6) wie 1
7) Rheinischer Antiquarius III,Band 9, S.196-198
8) höchstes unabhängiges Gericht des 1. Deutschen Reiches
9) Rheinischer Antiquarius III, Band 9, Seite 193