Die Schlacht in Kripp am Julianentage im Burgundischer Krieg 1475 oder das Bollwerk am Kripper Rheinufer

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Die Schlacht am Julianentage 1475

Auch wenn unser Ort Kripp noch nicht existierte, so hatte sein damals mit „iuxta Lyntze“ namentlich erwähntes Areal bereits im Burgundischen Krieg 1475 eine recht streitbare Vorgeschichte, denn unser Gebiet lag damals im Zentrum militärischer Ereignisse im Streit um den Kölner Erzbischofstuhl.
Der Nachweis dieser lateinischen Lagebezeichnung für ein Areal in der südlichsten Gemarkung Remagens im heutigen Kripper Gebiet ergibt sich aus einem Pachtvertrag des Kloster Dünwald im 13. Jahrhundert und dürfte somit die erste urkundliche Namensbezeichnung von Kripp darstellen. „Iuxta Lyntze“ bedeutet sinngemäß - nahe an/ bei /dicht neben Linz gelegen -. 1)

Zu berichten ist über eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Truppen Karls des Kühnen und denen des Deutschen Kaisers Friedrich III. am 16. Februar 1475, dem mittelalterlichen Kirchenbuch zufolge am Julianentag, einem Donnerstag nach dem Sonntag Invocavit, in der Woche nach Aschermittwoch. Als militärisches "Husarenstück" schlug dieses Gefecht weit über unseren Bereich hinaus Wellen und sorgte für höfische Schlagzeilen.
Dieses historische Drama am Julianentag 1475 markiert die nachweisbare gewaltigste Schlacht in der Territorialgeschichte des damals noch nicht existierenden Ortes Kripp. Bevor nun die in die Geschehnisse des Julianentages einmündenden Ereignisse geschildert werden, ist zum besseren Verständnis der politischen Hintergründe ein kleiner geschichtlicher Exkurs über die politische Entwicklung des Burgundischen Krieges unumgänglich.

Ursache der Fehde waren nach dem Tode des Kölner Erzbischof und Kurfürsten Dietrich von Moers die Eigenmächtig= keiten des Grafen Ruprechts von der Pfalz als gewählter Kurfürst und Erzbischof zu Köln und Führer der 1463 entworfenen Erblandesvereinigung, dem die Stände und das Domkapitel 1473 infolge seiner Eigenmächtigkeiten den Gehorsam verweigerten. Durch die Abwahl Ruprechts entwickelte sich eine geschichtsträchtige Fehde, die als "Kölner Stiftsfehde", "Neusser Krieg" bzw. als "Burgundischer Krieg" in die Geschichtsanalen einging.

Verärgert über seinen Machtverlust durch die Wahl seines Nachfolgers, des Landgrafen Hermann von Hessen als neuen Administrator und Bistumsverweser, verbündete sich Ruprecht mit dem ehrgeizigen Reichsfeind Herzog Karl dem Kühnen von Burgund, ein Valois, der bereits 1468 das Herzogtum Lüttich sowie 1473 Geldern und Zuthpen in seine Herrschaft gebracht hatte. Mit dem Angebot, die Schutzvogtei von Köln zu übernehmen, wollte Ruprecht ihn in seiner Not dazu bewegen, gemeinsam das Schwert gegen das Reich zu erheben. Karl, der ein eigenes Königreich von der Nordsee bis zu den Alpen zwischen Frankreich und Deutschland gründen wollte, kam dieser Wunsch Ruprechts nicht ungelegen, denn durch dieses Bündnis wollte er die Einbeziehung der kurkölnischen Lande in sein Territorium nutzen und einen Keil in die Nord-Südachse des Reiches treiben, was zwangsläufig die Spaltung des Heiligen Römischen Reiches zur Folge gehabt hätte.
Den im Rhein-Ahrgebiet mit Ruprecht sympathisierenden Städten Remagen, Linz, Sinzig, Altenahr, Adenau, Unkel, Honnef, Königswinter und Erpel standen die Domkapitel treuen Städte Neuss, Köln, Bonn, Andernach und Ahrweiler gegenüber. Ungeachtet der Bemühungen des "Heiligen Römischen Reiches" Kaisers Friedrich III., der eine politische Lösung herbeiführen wollte, belagerte Karl der Kühne im Juli 1474 mit seinen Mannen die im kölnischen Hoheitsgebiet liegende Stadt Neuss, die Hermann von Hessen mit seinen Truppen wehrhaft verteidigte. Wegen dieser Bedrohung hatte Kaiser Friedrich III. zum Reichskrieg aufgerufen und zur Demonstration seiner Macht 40.000 Mann seiner reichstreuen Fürsten bei Andernach gesammelt, um von dort aus Truppenkontingente unter dem Oberbefehl des Marckgrafen Achilles von Brandenburg für das rheinabwärts belagerte Neuss zu stellen.
Zur Beseitigung der Rheintalsperre durch die Burgundischen befahl er unter anderem die Einnahme von Linz, Sinzig und Remagen, worauf hessische Truppen alsbald das rechtsrheinische Erpel, Scheuren, Unkel, Rheinbreitbach und Königswinter am 13.1.1475 in die Hände des Reiches brachten. Während die linksrheinischen Städte Breisig und Sinzig am 9. Januar kampflos genommen werden konnten, fiel Remagen erst nach starkem Beschuss am 15. Januar in die Hände des mit 1.500 Reitern starken Reichsheeres des reichstreuen Herzogs Albrecht von Sachsen, nachdem die Burgunder unter Eberhard von der Marck zu Arenberg die Stadt geräumt hatten.

       
Linz, das sich stark befestigt in der Hand der Truppen Karls des Kühnen befand, trotzte den monatelangen Angriffen der kaiserlichen Belagerungstruppen. Aufgrund der militärischen Uneinnehmbarkeit der Stadt Linz befahl der Kaiser, den Belagerungsring um Linz durch ein Bollwerk auf der gegenüberliegenden Rheinseite, dem heutigen Kripp, zu ergänzen und alle um Linz fahrenden Schiffe zu vernichten. 2)
Zu diesem Zwecke schrieb der in Andernach weilende Kaiser Friedrich III. am 4. Febr. 1475 an den Trierer Erzbischof Johann, der mit seinen Truppen Sinzig besetzt hielt, folgenden heute im Landeshauptarchiv Koblenz unter der Signatur 1 C /359 S.93 archivierten Befehl:

Die Urkunde liegt dem Verfasser Willy Weis vor. Für die Veröffentlichung im Internet verlangt das Landeshauptarchiv Koblenz, auf Grund seiner Gebührenordnung, je nach Art und Größe der Veröffentlichung eine monatliche Gebühr bis zu max. 150 €. . Aus diesem Grunde können wir die Urkunde hier nicht veröffentlichen  (H.Krebs, Betreiber dieser Homepage)

Kaiser Friedrich III. beauftragt am 4. Februar 1475 den Erzbischof Johann II. von Trier, unter Leitung des Andernacher Schultheißen ein Bollwerk gegenüber Linz errichten zu lassen.
(Foto: Landeshauptarchiv Koblenz 1C/ 359, S.93)



Urkundenabschrift:

„Kaiser Friedrich III. An Erzbischof Johann II. von Trier, zu Anndernach 1475 Februar 4:
[…] Als ein polwerch gegen Lynnß uber ze machen furgenomen ist, schikhen wir den schultheyssen hie mit ettlichen zimerlewten und wegen hinab, dartzu holtz und gertten furn zu lassen, und das ze machen und ze zymern, begern wir an ewr lieb mit sonnderm und ganntzem fleis, daz ir dasselb polwerch auf das furderlichist machen und pawen lasset, damit die von Lynnß dest mynnder zuschub und rettung gehaben mugen […] „.
3) (Urkundenabschrift, auszugsweise)


[…] da geplant ist, ein Bollwerk gegenüber Linz aufzuschlagen, schicken wir den Schultheiß von hier (Andernach) mit etlichen Zimmerleuten und Wagen hinab, die dazu Holz und Weidengerten transportieren, machen und zimmern sollen. Wir begehren von Eurer Lieben, mit besonderem und ganzem Nachdruck, daß Ihr Euch auf das förderlichste darum kümmert, daß das Bollwerk gebaut wird, damit die von Linz um so weniger Nachschub und Hilfe
bekommen können […]. 4) (sinngemäße Übersetzung bzw. Deutung)


Aufgrund einer Beschwerde des Trierer Erzbischofs Johann II. an den Kaiser über fehlende Materiallieferungen für den Bau des Bollwerkes ordnete dieser den unverzüglichen Bau dieser Bastei gegenüber Linz an.
Das (Kripper) Bollwerk als eine mit Holz und Steinen bekleidete Erdschanze, dessen Errichtung am 10. Februar, einem Freitag nach Aschermittwoch, in Höhe der heutigen Kripper Rheinpromenade begonnen wurde, bestand aus einer großen mit starken Holzbohlen sowie mit Weidengeflecht durch wirkten und steinigem Erdreich aufgeschütteten Konstruktion, die wehrhaft mit Feldschlangen und Hakenbüchsen bestückt war. 5)


Im Innern dieses Bollwerkes befand sich unter anderem ein Magazin, in dem sich zur Versorgung 37 Zentner Mehl, 340 Liter Wein und Proviant befanden sowie Fass weise lagernde Vorräte an Schwarzpulver für die Geschütze. Obwohl noch nicht ganz fertig gerüstet, erfolgte schon am 15. Februar, wenn auch nur teilweise, aus dieser Schanze der Beschuss auf das gegenüberliegende Linz. Die Bollwerksbesatzung wurde durch die Andernacher Wehr unterstützt, die als Belohnung für den Fall des Sieges auf Versprechen des Kaisers den an Linz verlorenen Rheinzoll zurückerhalten sollten.
"Herzog Karl, starker Schild, scharfes Schwert und unbeugsame Stütze für die, die sich auf ihn verlassen" beschloss, mit einem Heer von Neuss über das Bonner Ländchen den eingeschlossenen getreuen Linzern mit Nahrung, Truppen und Waffen zur Hilfe zu eilen. In der Tat ein kaum zu bewältigendes militärisches Vorhaben, da Linz mit einem engen Belagerungsring durch Truppen des Landgrafen von Hessen sowie Truppenkontingenten der Reichstreuen von den Reichsstädten Frankfurt, Augsburg, Ulm und Straßburg umzogen war, die unter dem Oberbefehl des Kurfürsten und Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg standen. Auf der gegenüberliegenden Rheinseite befanden sich zwischen den heutigen zwei Fähranlegerampen von Kripp die errichtete Schanze mit der Andernacher Wehr sowie die Truppen des Herzogs von Sachsen und Erzbischofs von Mainz in Remagen und die des Erzbischofs zu Trier in Sinzig.
Karls gewagter Plan, die Versorgung von Linz mitten durch die feindlichen Linien zu sichern, sollte durch einen glücklichen Umstand jedoch zum Erfolg führen.
Aus der Fülle verschiedener schriftlicher Interpretationen sei die packende und recht theatralische Schilderung in den „Chroniques“ des französischen Hofhistoriographen Karls des Kühnen, Jean Molinet, wiedergegeben, der das Schlachtgetümmel von annähernd 8000 Kriegern auf dem heutigen Kripper Terrain in einem ungleichen Stärkeverhältnis der Kampfkräfte von 1: 3 recht illustriert darstellt und im Einklang mit den sachlichen Memoiren des Anführers Oliver de La Marche Anspruch auf Wahrhaftigkeit erhebt.
Für diesen gewagten Heerzug wählte Karl den obersten Führer seiner Garde, Herrn Oliver de La Marche, "einen sehr berühmten Ritter und umsichtigen, tatkräftigen Mann dazu aus, dieses Unternehmen durchzuführen. Und so mutig und waffengeübt er selbst war, hatte er ebensolche edlen, umsichtigen, beherzten, erfahrenen und fähigen Kampfgefährten, wie es die starken Myrmidonen waren, die Mannen des Achilles, die Hektor umringten. Herr Oliver hatte auf diesem Ritt 100 guter italienischer Gleven, in Schwadronen geordnet, bei sich, Philipp von Berghes war von 100 Gleven und Lanzelot von Berlaimont von 200 Mann begleitet". 6)
Im hiesigen Bereich erfolgte weitere Unterstützung durch eine beträchtliche Anzahl von Truppen des Herrn Eberhard von der Marck (Herrn zu Arenberg), der die Lebensmittel und Packpferde für die Versorgung von Linz lieferte. Unter der Führung des ortskundigen Herrn Eberhard gelangte das beträchtlich angewachsene Heer von über 2000 Mann früh morgens auf einen hohen Berg (Reisberg) zwischen der Ahr und Remagen, von dem aus sie trotz Schneetreiben einen Überblick über die Ebene der Goldenen Meile bis hin nach Linz gewannen.
Nach dem morgendlichen Bergabstieg des 16. Februar durch eine gefährliche Schlucht "fanden sie sich in einer großen Ebene wieder und sie hofften schon, sich dort erholen zu können. Aber sie befanden sich mitten zwischen ihren Feinden, die in einer kleineren Stadt namens (Sinzig) und in einen großen befestigten Dorf namens (Remagen), die eine halbe Meile von einander entfernt waren, lagen. In ersterer lag der Erzbischof von Trier, im letzteren der Herzog von Sachsen und mehrere Herzöge und Grafen des Reiches, und es gab dort 5-6000 Krieger, ebenso viel zu Pferd wie zu Fuß. Als diese ihre Feinde erblickten, die ihnen ins Netz gegangen waren, brachten sie ihre Artillerie ins Feld und griffen sie mit großer Wucht an. Die Burgundischen stellten sich, da sie einen harten Kampf vor sich sahen, noch in schöner Schlachtordnung auf, steckten dann ununterbrochen 6-7 Stunden lang in einem mörderischen Unwetter, einem schrecklichen Sturm. Während nämlich natürliche Graupeln als weiche, kalte und weiße Hagelkörner vom Himmel fielen, stiegen ganz andere künstliche Gewitter in Form von harten, heißen und schwarzen Geschossen von der Erde zum Himmel auf, und über dem Rhein, wo die kaiserlichen Belagerungstruppen standen, erhob sich wiederum ein weiteres grausiges, fürchterliches Gewitter, das die Geschosse von oben hinabschleuderte und Hagel dicht über sie entlud. Mehr noch, das Kampfgetümmel zwischen den beiden Städten war so schrecklich, gewaltig und fürchterlich, daß 100 Gleven und die Bogenschützen (der Deutschen) nicht mehr standhalten konnten. Ihre Krieger und Pferde blieben hier in großer Zahl tot oder verwundet liegen, und mehrere Male wurden sie zu ihrem großen Schaden, ihrer Schande und Verwirrung in ihre Befestigungen zurückgeworfen, weil die Burgundischen alle sehr kriegserfahren, solch gute Ordnung hielten und so hervorragend geführt wurden, daß sie nicht mehr als 5-6 Mann verloren. Nachdem Herr Oliver und seine Reiterschar ehrenvoll und fast ohne Verlust diesem schrecklichem, finsteren Fegefeuer entronnen waren, trafen sie zwischen den beiden Kriegsscharen nun gewissermaßen auf eine kleine, angsterfüllte Hölle voll von Feinden."
Gemeint ist hier das gegenüber von Linz liegende große Bollwerk mit seiner Besatzung am Kripper Rheinufer im Bereich der heutigen Promenade, das " 200 Deutsche mit großem Aufwand, wohl versehen mit Feldschlangen, Hakenbüchsen und Armbrüsten, besetzt hielten, um den Zugang zur Stadt (Linz) zu sperren und die Kameraden, die sich in dem Bollwerk geborgen hatten, zu schützen. Trotz ihrer Anstrengungen und großartigen Heldentaten sind die erwähnten Lebensmittel,(150 Malter Mehl, 5 Tonnen Pulver, 5 Feldschlangen sowie 80 Artilleristen) auf Schiffe verladen, im rettenden Hafen (Linz) angekommen und Lanzelot von Berlaimont gelang es zur großen Freude der Besatzung, mit insgesamt 120 Mann als Verstärkung in die Stadt (Linz) hineinzukommen". Während dieser Versorgungsphase der Stadt Linz wurde die Bollwerksbesatzung auf Kripper Seite durch Angriffe der Burgunder abgelenkt. Dabei "gelang ihnen ein solch schöner Streich, daß man sich noch in hundert Jahren daran erinnern kann. Denn sie fühlten sich, mutiger als gereizte Tiger, in der besten Verfassung, um das genannte Bollwerk zu erstürmen. Alle hatten dort ein solches Löwenherz wie unter anderem Robert le Roucq", der wegen seines überragenden militärischen Könnens von Oliver de La Marche noch auf unserem Gebiet den Ritterschlag erhielt. In Kombination von Feuerwaffen, Schwert und Lanze ".... griffen sie unerbittlich, heftig und mit großer Kühnheit an. Die, die drinnen (im Bollwerk) waren, alle zur Verteidigung gerüstet, widersetzten sich den Anstürmenden, ohne Respekt vor ihnen zu zeigen. Denn sie tischten ihnen erst die Rieseneier der großen Feldschlangen, dann die Brocken der Wurfmaschine, die Erbsen der kleinen Feldschlange und Schrotkugeln voller Gift und Pulver auf, wie es sich bei solchen Festlichkeiten gehört, so daß es dort 3 Tote auf Seiten der Burgundischen gab, die zurückwichen, als sie auf den harten Gegner trafen, und dann zurückgeworfen wurden. Der Angriff begann von neuem, schrecklicher und gewaltiger als zuvor. Jeder gab sein Bestes, um Ruhm und den Ruf der Tapferkeit zu erwerben. An diesem Tag gab es genau so ruhmvolle Waffentaten auf der einen wie auf der anderen Seite […]. Die Deutschen entfalteten die Kraft ihrer mächtigen Arme, ihre hoch gewachsenen Leiber wurden zur Zielscheibe für die Pfeile kraftvoller Bogenschützen und sie bewiesen den Mut ihrer gewaltig aufgestachelten Kühnheit. Aber da geriet unglücklicherweise Feuer an ihr Pulver, wodurch sie völlig verwirrt und furchtbar erschreckt wurden". In dem durch die Explosion im Bollwerk entstandenen Tohuwabohu, das vermutlich infolge Funkenflug durch unachtsames hantieren mit Pulver beim Abschuss einer Kanone verursacht wurde, gelangte den angreifenden Truppen Karls ein Vorteil, und die Besatzung wurde "gleich darauf mit heftig und mit starker Hand angegriffen, daß ihr Bollwerk eingenommen, zerstört und zertrümmert wurde. Alle, die es bewacht hatten, wurden ertränkt, verbrannt oder den Schwertklingen überliefert, ausgenommen 10 oder 12 Gefangenen. Die Deutschen, die den schrecklichen und erbärmlichen Untergang (ihrer Freunde) mit angesehen hatten, fielen aufgeblasen wie halb von Sinnen in großer Zahl über sie her, um sie niederzukämpfen, doch hart wurden sie in ihre Befestigungen zurückgeworfen". 7)
Nach diesem militärischen Sieg und der Schleifung des Bollwerkes („ […] Und also do braichen sy daß bolwerck aiff und […] ) 8) hätten sich die Burgundischen frei und unangefochten über den gleichen Weg den sie gekommen waren wieder in ihr Heer und Lager zurückgezogen.
Trotz des gelungenen militärischen Streiches war die Übergabe der Stadt Linz am 7.3. an die kaiserliche Übermacht nicht mehr zu verhindern, so dass der Kaiser mit dem Schiff an Linz vorbei nun ohne Feindberührung mit seinen in Andernach lagernden Truppen Hermann von Hessen rheinabwärts in Neuss zu Hilfe eilen konnte. Bei näherer Analyse der Ereignisse am Julianentage fällt trotz unterschiedlicher Berichte, aus Sicht der jeweiligen Parteien auf, dass zwar unterschiedliche Angaben über militärische Zahlen bestehen, jedoch laufen fast alle übereinstimmend darauf hinaus, dass gewaltige Kämpfe auf dem heutigen Kripper Feld und am Rhein anliegenden Bollwerk im Fährbereich stattgefunden haben. Dies widerlegt die bisher tradierte Vorstellung, dass Andernacher Bürger in einer Nacht-und Nebelaktion von Linzern nach einem Ausfall auf Kripper Terrain "lumpicht" 9) erschlagen worden seien.
Bei den erbitterten Kampfhandlungen mit dem finalen Gemetzel an jenem Tage ließen, wie dem Schreiben (Abb.3) "...und man mangelt der von Andernach hundert und funfundzwenzig" zu entnehmen ist, annähernd 125 Andernacher im heutigen Kripper Fährbereich ihr Leben.


Schreiben des Erzbischofs Johann II. von Trier vom 16. Febr. 1475 an den Oberbefehlshaber des Linzer Belagerungsringes Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg
über den Verlust von 125 Mann der Andernacher Bollwerksbesatzung (in Kripp), die zumeist tot seien.

(Staatsarchiv Nürnberg: Fürstentum Brandenburg Ansbach, Fehdeakten (Rep.106a) Nr.136 fol.91)

Abschrift der im Staatsarchiv Nürnberg unter der Signatur Fürstentum Brandenburg Ansbach, Fehdeakten (Rep.106a) Nr.136 fol.91) archivierten Nachricht (Abb.3):

„Als uwer liebde begert zu wissen den handel uff hude im felde begeben, so hant die fiande das bollwerck, das die von Andernach innehatten, gewonnen, und man mangelt der von Andernach Ic und XXV, ist der merer teil dot blieben und wenig gefangen […] „. 10)

„Da Eure Liebden wissen will, was sich heute im Felde ereignet hat, so haben die Feinde das Bollwerk, das die von Andernach besetzt hielten, eingenommen, und uns fehlten nun von den Andernachern 125 Mann. Der größere Teil von ihnen ist tot, nur wenige von ihnen sind gefangen […]“ 11)

Die mit unbarmherziger Grausamkeit Getöteten spiegeln die argen Verfeindungen zwischen den Andernachern und den Linzern wieder, die sich aus der ehemaligen Zollverlagerung entwickelt hatten. Geblieben sind neben der geschichtlichen Erinnerung Ressentiments zwischen den beiden Städten, die bis zur Zeit der französischen Okkupation um 1800 reichten. Geblieben ist weiter im Kampfgebiet eine Flurbezeichnung "am Bollwerk", die um 1670 durch dortige Ereignisse im Dreißigjährigen Kriege in „under der Schanzen“, 1781 „an der Schanzen“ und später "Auf der Schanz" umbenannt wurde, sowie eine dortige Straßenbezeichnung "Auf der Schanze" im unmittelbaren früheren Bollwerksbereich. Des Weiteren die Bezeichnung "Kaiserberg" für die höchste Erhebung in Linz als faire Anerkennung der Belagerungstruppen des Kaisers Friedrich III.
Hinweis: Der Ursprung unseres Ortsnamens Kripp mag wohl aus dem durch die Errichtung dieses wehrartigen, quer zum Strom hineinragenden militärischen Bollwerkes zu sehen sein, da der Name „Kripp“ als Gebietsbezeichnung erst nach diesem kriegerischen Ereignis in Gebrauch kam, obwohl schon nachweislich weit vor dieser Zeit hier Krippen zur Fütterung der Treidelpferde gestanden haben und der Name „Kripp“ als Lagebezeichnung hier nicht geläufig war. „Sie haben auch das Bollwerk gegenüber Linz da, wo man die Pferde zu füttern pflegt, aufgeschlagen [...]“12) („Sij haint ouch dat bolwerck tegen Lijns, da men die perde zo fuderen plege, uffgeslagen […].“) 13) Ein etymologischer Nachweis unseres heutigen Ortsnamens könnte somit aus der Errichtung dieser militärischen Anlage abgeleitet werden, denn als „Krippe“ bezeichnet man einen wehrhaften Einbau in Flüssen quer zur Stromrichtung. 14, 15)

Willy Weis und Hildegard Funk/ Kripp


Quellen:
1) W.J. Langen, „Die Flurnamen von Remagen“, Remagen 1925, S.7
2) „Die Andernacher Bäckerjungen“ – Hintergründe einer Sage - Andernach 1994, Beitrag Dr.Huiskes, „..und man mangelt der von Andernach hundert und funfundzwenzig“, S.51-100 (spez. 51-62)
3) wie 2, S.64, Fußnote 45
4) wie 2, S.64, oben
5) Feldschlangen=Kanonen ähnliches fest installiertes Feldgeschütz, Hakenbüchsen= ein mit einem Haken auf einem Gestell befestigtes Feuergewehr, wie Nr. 2, Seite 65, 66
6) wie 2, vergl. S. 79- 82, auszugsweise transkribiert.
Gleve (franz. lance), Kampfeinheit der Kavallerie, meist 1 Ritter und 5 Begleiter (je 1 Knappe und Knecht zu Pferd, 3 Bogenschützen zu Fuss), im burgundischen Heer seit 1471 insgesamt 3 Mann zu Pferd (Ritter, Knappe, Knecht) und 6 Mann zu Fuß (3 Bogenschützen, je 1 Büchsenschütze, Armbruster und Spießer) siehe „Andernacher Bäckerjungen“, s. S.91, Fußnote 80,
7) wie 6, S. 82-91, auszugsweise transkribiert
8) wie 2, S.74-75, s.Fußnote 68

9) „1100 Jahre Linz am Rhein“, S.35, „Die Belagerung von 1475“, Hans Peter Petri)
10) Originaler Urkundentext nach Dr. Huiskes, wie 2, S.69, Fußnote 59)
11) Sinngemäße Urkundentextdeutung nach Dr. Huiskes, wie 2, S. 69 /IV
12) Sinngemäße Urkundentextdeutung nach Dr. Huiskes, wie 2, S. 67,oben
13) Originaler Urkundentext Lagebezeichnung für das Areal Kripp gemäß Schreiben des Ratsherr Peter von der Glocken an den Rat und Bürgermeister der Stadt Köln, wie 2, S.67, Fußnote 54
14) Bertelsmann Volkslexikon, 1956, S. 1007
15) Die Angaben über die Hintergründe und Geschehnisse stützen sich überwiegend aus dem Beitrag „..und man mangelt der von Andernach
hundert und funfundzwenzig“ (S. 51-100) von von Dr. Manfred Huiskes im Begleitheft „Die Andernacher Bäckerjungen“ anlässlich einer Sonderausstellung im Stadtmuseum Andernach vom 2. Juli bis 2. Oktober 1994. Des Weiteren dem Rheinischen Antiquarius, III, Bd.4, Koblenz 1857 , S. 334 ff., Band 7, Koblenz 1860, S.624-31 (Google-Resaerch/Chroniques Jean Molinet), sowie „1100 Jahre Linz am Rhein“, v. Hans Peter Petry und „Die Folgen der kaiserlichen Belagerung im Jahre 1475 für die Stadt Linz“ von Wilfried Podlech, Heimatjahrbuch Landkreis Neuwied 1998, S.69-74.