Kripper Persönlichkeiten ©

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Ernst Dannemann, von den US-Militärbesatzer eingesetzter legendärer Ortsvorsteher
von 1945 bis 1949

Bürger die sich um den Ort verdient gemacht haben, mag es wohl viele geben. Hier sollte man besonders einen Mann würdigen, der in der damaligen schweren Nachkriegszeit wegen seiner geraden, offenen Haltung und seinen angenehmen, gesellschaftlichen Umgangsformen unmittelbar nach der Ortseinnahme von den US-Militärs administrativ an die Spitze von Kripp gestellt wurde. Er war es, der durch seine eher unauffälligen, aber zuverlässigen Beziehungen zur Besatzungsmacht den Krippern viele Vorteile verschaffte. Durch seinen welterfahrenen Umgang mit den Besatzern konnte er so manches Übel von der Kripper Zivilbevölkerung abwenden. Er wurde wegen seiner herausragenden Persönlichkeit und Verdienste allseits geschätzt.


Ernst Dannemann mit Ehefrau Ulrike und Sohn Gerd in Kripp um 1935

Vita:

Bis zu seiner Sesshaftigkeit hatte Dannemann im Vergleich zur hiesigen Landbevölkerung ein recht bewegtes Leben aufzuweisen. Ernst Dannemann, am 12.11.1887 in Wuppertal-Barmen geboren, erhielt seine seemännische Ausbildung als Kadett auf den Segelschulschiffen "Herzogin Sophie Charlotte" 1) und "Kronprinzessin Cecilie" 2) des Norddeutschen Lloyd (NDL). Dabei geriet er auf seiner ersten Reise bei der Umseglung des berüchtigten Kap Hoorn mit der "Herzogin Sophie Charlotte" in der Nacht zum 6.9.1905 bei Windstärke 12 infolge von Mastbrüchen in Seenot. Notgedrungen wurde der weit entfernte Hafen von Montevideo am Rio de la Plata angelaufen. Die erforderliche Reparatur des Havarieschadens zwang die Besatzung, für ein halbes Jahr in Montevideo zu bleiben. 3)


Zeitungsbericht aus der „Deutschen La Plata Zeitung“ (Uruguay) vom 27.9.1905 über die Havarie um Kap Hoorn

Nach vierjähriger Ausbildung beendete er 1909 seine Segelschiffzeit als Steuermann auf Großer Fahrt, fuhr als Schiffsoffizier beim NDL und legte nach zwei Jahren Fahrzeit das Kapitänspatent auf Großer Fahrt ab, um danach in Ostasien für die Zubringerdienste des Norddeutschen Lloyd von Hongkong aus tätig zu sein. Man brachte Ladung aus China, Niederländisch Indien, Hinterindien und Malaysia zu den Haupthäfen Hongkong und Singapur, die von den Reichspostdampfern angelaufen wurden.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges geriet Dannemann 1914 als deutscher Schiffsoffizier in der britischen Kronkolonie Hongkong, das nun durch die Kriegserklärung von Deutschland zu Feindesland geworden war, in Stonecutters Island (Kowloon) in ein dortiges englisches Internierungslager.


Internierungslager Dannemann´s in Berrima/Australien

Gemäß Genfer Konvention hatten kriegsführende Staaten das Recht, auf ihrem Gebiet befindliche ausländische Personen zu internieren, d.h. ohne Anklage auf eine unbestimmte Zeit Personen gefangen zu nehmen, wenn die Sicherheitsinteressen des betreffenden Landes bedroht waren. Nach zweijähriger Internierung im dortigen "Concentrations-Camp" gelangte er anschließend unfreiwillig in Sydney auf dem Kontinent Australien, wo er über die Bahnstation Moss Vale landeinwärts nach Berrima, New South Wales (34°29`15" Süd, 150° 20`8" Ost) gelangte.


Internierte Deutsche Seeleute in Berrima/Australien (stehend: Dannemann)

In einem ausrangierten Zuchthaus, direkt an den malerischen Windungen des Wingecarribbee Rivers (von den Internierten der Einfachheit halber "Berrima River" genannt), wurde Dannemann für zweieinhalb Jahre zusammen mit weiteren 350 Seeleuten interniert und nach Kriegsende entlassen. Die Internierung ist eine etwas abgemilderte Form der eigentlichen Gefangenschaft.

In seiner Freizeit widmete er sich am dortigen Flussufer der Gartenkultur in einer Größenordnung von 140 qm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes sammelte er ungewollt Erfahrungen, die ihm für seine spätere nebenberufliche Tätigkeit als Ortsvorsteher und für den Umgang mit den deutschen Kriegsgefangenen in dem 1945 eingerichteten Gefangenenlager "Goldenen Meile" in Kripp nützlich waren.



Brief von Ernst Dannemann aus dem Internierungslager Berrima/Australien vom 26.7.1917 an seine Eltern.

Nach Kriegsende und seiner Freilassung kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm für ein halbes Jahr die Ausbildung auf einem Segelschiff. Die Auslieferung fast der gesamten deutschen Schiffsflotte nach dem Ende des Krieges an die Siegermächte zwang Dannemann zur Aufgabe des Seefahrtberufes. Kurzzeitig arbeitete er gezwungener maßen, wenn auch erfolgreich, als Betriebsleiter bei der Pommerschen Torfindustrie.
Nach 1920 trieb ihn jedoch das Fernweh wieder in den pazifischen Raum, wo er bis 1933 bei holländischen Firmen in Niederländisch Indien in Schiffsversorgungsbetrieben tätig war, nachdem er zuvor auf Java als Pflanzer von Gummibäumen und als Kaufmann sein Glück versucht hatte. In Surabaya auf Java lernte er seine spätere Frau Ulrike Schaumburg (* 30.3.1905 in Löhnigen) kennen, die dort als Kindermädchen des Deutschen Konsuls ihren Dienst versah.

Entlasssungszeugnisse Dannemanns von 1919 und 1933





Trotz Anerkennung stets vorbildlicher Führung, regem Eifer und höchste Zuverlässigkeit wurde Dannemann, wie alle anderen Deutschen von ausländischen Firmen, 1933 auf Grund der politischen Veränderungen in Deutschland entlassen. Um seinem Leben wieder eine preußische Ordnung zu geben, kehrte er, nachdem er die Schönheiten der Welt genossen hatte, noch im selben Jahr in die Heimat zurück, wo er zunächst, bis zur Heirat in 1934, bei seinem Vater in Bad Godesberg wohnte, der als Professor der Geschichte der Naturwissenshaften an der Universität Bonn einen Lehrstuhl innehatte.
Man lebte von Ersparnissen aus Handelsgeschäften in Übersee und Wertpapieranlagen. Der Wunsch, nach einem bewegten Vorleben sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen, führte den welterfahrenen Globetrotter nach Kripp, wo er Ländereien erwarb und Obstplantagen in der Größenordnung von 5.000 Bäumen anlegte.
Wegen seiner standhaften Haltung gegen das NS-Regime geriet er in die Fänge der hiesigen Gestapo und wurde 1943 verhaftet und kurzzeitig inhaftiert. Während der Kriegszeit wurde ihm zur Aufrechterhaltung der Volksversorgung ein französischer
Kriegsgefangener zum Arbeitseinsatz zugewiesen.

7.März.1945, militärische Ortseinahme
Unmittelbar bei der Einnahme unseres Ortes am 7.3.1945 durch Truppen der 9. US- Armee wurde Dannemann aufgrund seiner antinationalsozialistischen Einstellung von den Militärmachthabern als Verbindungsmann zwischen den Besatzern und der Bürgerschaft eingesetzt und später zum Ortsvorsteher ernannt. In dieser neuen Position gereichtem ihm jetzt sein legerer weltmännischer Umgang und seine hervorragenden Sprachkenntnisse zum Vorteil. Als Ortsvorsteher und Bindeglied zu den Besatzern leistete er einen wesentlichen Beitrag zur humanitären Hilfe an der Kripper Bevölkerung und den deutschen Kriegsgefangenen im Lager Kripp in der schweren Nachkriegszeit. Durch seine Fürsprache beim Lagerkommandanten wurde es Pastor Keller sogar einige Male gestattet, im Lager gelegentlich einige Messen zu zelebrieren.

Dem guten Kontakt Dannemanns zum amerikanischen Kommandanten haben es viele Kripper zu verdanken, dass ein Militärlaster für Notfälle einmal täglich 20 bis 30 Zivilisten, für die er sich beim Kommandanten persönlich verbürgen musste, mit einer speziellen Genehmigung über die von Kripp nach Linz über den Rhein geschlagene militärische Pontonbrücke transportieren durfte, um Familienangehörige zusammenzuführen oder Lebensmittel zu besorgen. Diese Brücke diente nur rein militärischen Zwecken und durfte von Zivilpersonen eigentlich nicht benutzt werden.
Zur wesentlichen Erleichterung der Kripper Bevölkerung trug das Organisieren eines Bootsmotors bei, den Dannemann durch seine guten Beziehungen von den amerikanischen Besatzern bekam. Dieser wurde dann an einen Nachen angebracht, der bisher mittels Handruder die provisorische Überfahrt von Kripp nach Linz und umgekehrt besorgte, da die Motorfähre durch einen
Bombentreffer vernichtet worden war, als sie am Kripper Rheinufer in Höhe des Hauses Rheinallee 10 lag. Später organisierte er von US-Pionieren ein größeres Boot mit 2 Längsbalken für annähernd 20 Fahrgäste. Für das Wechseln der Rheinufer von Zivilpersonen aus humanitären Gründen war damals eine spezielle Genehmigung der US-Militärverwaltung notwendig.

Den Kripper Anteil der Fähreinkünfte verwandte Dannemann für die ersten Bürgersteige in Kripp. Politisch war er ein überzeugter Anhänger und Mitbegründer der Bürgerliste, ab 1949 Mitglied des Fährausschusses und Gründer des Fördervereins für das Ehrenmal auf dem Friedhof.
Nachtfröste inmitten der Blütezeit in den angelegten Obstplantagen während des Frühjahrs 1960 machten sein Lebenswerk zunichte. Dadurch reifte beim ihm, auch aus Altersgründen, der Entschluss, den Obstplantagenbetrieb aufzugeben sowie einige Grundstücke zu verkaufen oder zu bebauen. Durch die von ihm betriebene Parzellierung eines dieser Grundstücke war er unmittelbar maßgebend beteiligt an der Entstehung des Baumschulweges. Im Zuge der Parzellierung sorgte er auch für den Grundstücksverkauf an die evangelische Gemeinde, die dort ihre Kirche baute.
Das soziale und humanitäre Engagement stand in seinem Leben immer im Vordergrund, sei es, dass er zwecks Brennholzbeschaffung für die Kripper Bevölkerung im besonders strengen Winter 1947/48 zusammen mit Pastor Keller und Hirzmann, dem Wirt der Dorfschänke, von der Militärbehörde eine spezielle Genehmigung zum Holzfällen im Remagener Forst erwirkte oder dass er sich vehement bei der schwierigen Wohnungssuche für die im Jugendheim einquartierten Ostflüchtlinge in Kripp einsetzte.
Zur Linderung der Wohnungsnot war er mit Pastor Keller die treibende Kraft beim Bau der Mosellandsiedlung Quellenstraße/ Voßstraße/ Pastor Keller Straße.
Selbst das Privatleben der Dannemanns war stets mit sozialen Aktivitäten ausgefüllt. So hatte seine Ehefrau neben dem Ehrenamt mehrerer Vormundschaften auch das einer Schöffin beim Landgericht Ahrweiler inne. Seine 1934 erworbene und unmittelbar am Rhein gelegene Villa wurde im Laufe der Zeit baufällig und war für die inzwischen verkleinerte Familie zu groß geworden. 1954 baute Ernst Dannemann daher ein neues Haus auf dem danebenliegenden Grundstück, heute Rheinalleee 46.
Der an der Rheingiebelseite angebrachte fremdländisch klingende Name des Hauses „SLAMAT“ stimmt wohl manchen Betrachter neugierig. Es ist ein malayisches Grußwort und bedeutet: „SEI GEGRÜSST“.

1950 endete seine geliebte Tätigkeit als Ortsvorsteher durch Abwahl bei der ersten Kommunalwahl nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Stimmenmehrheit der CDU.

Mit Stolz konnte er auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. In dieser schwierigen Zeit unterstützte er, soweit es ihm möglich war, die hiesigen Fabriken, damit diese die Produktion wieder aufnehmen konnten und neue Arbeitsplätze schafften. Am Ende seiner Tätigkeit als Ortsvorsteher hatte Kripp wieder eine funktionierende Ringofenziegelei, eine Lederfabrik, zwei Möbelfabriken, eine Marmeladenfabrik, zwei Wäschereien, ein Kurheim mit Kurbad, vier Hotels und einige Handwerksbetriebe sowie eine Anzahl Bauernstellen. Viele der älteren Kripper Bürger erinnern sich, wie er früher fast majestätisch auf seinem Fahrrad sitzend in seiner Knickerbockerhose und Hut durch Kripp radelte und dann abends in einem Gasthaus einkehrte, um sich bei einem Glas Rotwein oder Bier die Probleme anzuhören. Er versuchte zu helfen, wo er konnte und soweit es in seiner Macht stand, wobei er mit seinem Einsatz oft bis an die Grenzen des Vertretbaren ging. Er war immer stolz auf „seine Kripper“, wie er sich ausdrückte.

1978 verstarb Dannemann im Alter von 91 Jahren in Kripp, gefolgt von seiner Frau 1986 mit 81 Jahren. Beide wurden auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt.

Willy Weis/ Hildegard Funk, Remagen-Kripp

1) Stählernes Segelschulschiff mit 2.591 BRT, große Viermastbark des NDL mit 82,3 m Länge, 13,17 m Breite
und einer Takelung von 2.935 m²
2) Berühmte stählerne Viermastbark und schnellstes frachtfahrendes Segelschulschiff mit 3.530 m² Segelfläche,
3.242 BRT, 81 Mann Besatzung incl. Kadetten, Länge 103,17 m, Breite 14,02 m
3) Zeitungsausschnitt der „Deutschen La Plata Zeitung“ (Uruguay) vom 27.9.1905)
4) Bericht Dannemanns: Der Sturm war derart stark, dass sogar ein schmiedeeiserner Bolzen am Großmast von 15 cm Dicke glatt
durchbrach und das Schiff in der Minute 2 mal Steuerbord bis zu 43°, Backbord bis 40° kränkte.

Quellen:
Mündliche und schriftliche Angaben des ältesten Sohnes Gerhard Dannemann, Saselbekstr. 13a, 22393 Hamburg, sowie Unterlagen aus dem Familienarchiv G. Dannemann