Jud Cahn aus Kripp ©

© weis/funk April 2012



Zum Tode des ehemals in Kripp wohnhaften jüdischen Bürgers Erich Cahn.


Seit 1994 beschäftigen wir uns ehrenhalber mit der Aufarbeitung der Ortsgeschichte von Kripp. Bei dieser selbst gestellten Aufgabe befassten wir uns auch mit dem dunkelsten Kapitel Deutscher Geschichte, dem Antisemitismus, wovon leider auch zeitweise eine in Kripp lebende jüdischen Familie betroffen wurde, die wegen ihres Glaubens während der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 bis 1945 aus der bürgerlichen Normalität heraus gedrängt, denunziert, verfolgt und teils dem Holocaust zum Opfer fiel.

Drei Jahre recherchierten wir in dieser Angelegenheit vor Ort, ohne jedoch so richtig weiter zu kommen. Dabei fiel auf, dass uns keiner eine präzise Auskunft geben wollte oder konnte.
Das auffällige Verhalten und Schweigen der älteren Zeitzeugen auf unsere präzis gestellten Fragen machten uns nun erst recht neugierig.

 

Auf der Suche dieser leidvollen Geschichte der ehemals in Kripp wohnenden jüdischen Familie des Siegfried Cahn gelangten wir einige Jahre später durch einen eher zufälligen Hinweis einer Kripper Zeitzeugin auf die Spur des vorletzten überlebenden ehemaligen jüdischen Mitbürger Erich Cahn von Kripp, der nun nach einer Odyssee unter dem Namen Eric Murray in Australien lebte.
Über 7 Jahre knüpften wir im schriftlichen Touch ein vertraulich freundschaftliches Band an, um die Spuren jüdischer Vergangenheit in Kripp zu erhellen. Hier zeigte sich unser Briefpartner sehr kooperativ.
Wichtige Dorfinterna von Kripp und eine Menge an Fragen über den schicksalhaften Werdegang der Familie wurden zum Kontingent Australien ausgetauscht. Dadurch war es uns möglich, eine fast lückenlose ausführliche Darstellung über das leidvolle Schicksal der ehemals sechsköpfigen Kripper Familie nachzuvollziehen.

Über Erich Cahn gelangten wir auch an seine ältere Schwester Edith in Llanos/ Argentinien. Sie lehnte jedoch jegliche Fragen ab, da es für sie gefühlsmäßig zu belastend sei und sie an diese schwere Zeit nicht mehr erinnert werden möchte.

Anlässlich einer bevorstehenden Stolpersteinverlegung für diese ehemals in Kripp lebende und später in Wiesbaden deportierte jüdische Familie Cahn erhielten wir in Kripp angesagten Besuch von engagierten Mitarbeiterinnen des „Aktives Museums Spiegelgasse“ für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden.
Nach einem intensiven Austausch an vorhandenem Informations-und Datenmaterial zwischen den Besuchern Frau Dr. Schaub sowie Rechstanwältin- und Notarin Karin Rönsch
erfolgte eine persönliche Einladung zur Stolpersteinverlegung am 4. Oktober 2011 nach Wiesbaden-Sonnenberg, vor dem ehemaligen Elternhaus der Mutter Berta Cahn, geb. Jacoby, in der Schuppstr. 2 (früherer Eingang Danziger Str. 4), von wo aus sie mit ihren beiden Kindern Ingeburg Lore und Heribert nach Ostpolen deportiert wurde.
Über dieses traurige Ereignis wurde Erich Cahn in Australien von uns mittels Pressemeldungen und Fotos informiert.

Wir versuchen nun im nachfolgenden Bericht, den tragischen Lebensweg der ehemals in Kripp wohnenden Familie Cahn während der Nationalsozialistischen Zeit teils mit lokalgeschichtlichem Interesse zu beleuchten.


Kripp, ab 1938 „Judenfrei“

- Schicksal der ehemals in Kripp lebenden jüdischen Familie des Siegfried Cahn -

Über das Schicksal der ehemaligen Kripper jüdischen Familie Cahn wird hier erstmals berichtet.
Nur noch wenige ältere Kripper Bürger erinnern sich heute an die hilfsbereite und beliebte jüdische Familie und deren Schicksal mit fortschreitender Brutalisierung der Lebensumstände von Juden im Dritten Reich bis hin zum Holocaust.

Bis in die Zeit des 1.Weltkrieges wohnten in Kripp eine kleine Anzahl jüdischer Familien, die sich jedoch im Laufe der Jahre durch Wegzug oder altersbedingtes Ableben bis auf die sechsköpfige Familie des Installateurs Siegfried Cahn reduzierte. Konfessionell organisiert gehörten sie zur Remagener Synagogengemeinde, einem seit Anfang des 19. Jahrhunderts bestehenden kleinen jüdischen Rabbinat mit eigener Synagoge, deren Mitgliederzahl sich zwischen 1925 bis 1936 von 31 auf 16 verringerte. 1)
Cahn wohnte seit 1916 mit seiner 1913 in Linz angetrauten Ehefrau Bertha, geb. Jakoby, und seinen 4 Kindern, Edith, Heribert, Erich und Ingeburg Lore in seinem Haus in der damaligen Hauptstraße 85, heutiges Haus der Familie von Berg, Quellenstraße 49, direkt links neben der jetzigen Bäckerei Etscheid.



Kleines graues Haus der Familie Cahn, links neben dem großen Backsteinhaus gelegen

Sie wurden bis zur beginnenden NS-Zeit von den Einheimischen als ihresgleichen akzeptiert. 2)
Einen amtlichen Siedlungsnachweis für die Existenz der jüdischen Familie Cahn in Kripp
ergeben die Einträge der Einwohnerbücher des Kreises Ahrweiler von 1926/ 27 und 1936 sowie das Adressbuch der Industrie- und Handelskammer Koblenz von 1926.

Siegfried Cahn entwickelte aus politischer Sicht gesehen eine dem damaligen „Zeitgeist“
aufgeschlossene Richtung. Seine loyale deutsch-nationale Gesinnung ergibt sich aus der Quartierliste der zurückziehenden deutschen Truppen nach dem verlorenen 1.Weltkrieg. Laut Quartierentschädigungsliste vom 11.11.-3.12.1918 wurden der Familie Siegfried Cahn für die Unterstellung von Pferden und Einquartierung von Soldaten insgesamt 6,63 Mark vergütet. 3)
Der Bruder seiner Ehefrau fiel im Ersten Weltkrieg 1918 als Kriegsfreiwilliger mit 21 Jahren an der Westfront.
Während der Weimarer Zeit war er als Anhänger der „Frei-Rheinland-Bewegung“ in Kripp und Remagen recht aktiv.
Der patriotische gesinnte Siegfried Cahn, der seine Familie so „deutsch“ wie möglich ausrichtete, bestritt neben seinem Hauptberuf als Installateur seinen Lebensunterhalt mit Pferd und Wagen als ambulanter Händler mit Obst, Gemüse und Altwaren. Gemeinsam mit seinem Freund, dem damaligen Kripper Friseur Sebastian Lützig, ugs. "de Lützigs Bass" genannt, betrieb er auf den nahe liegenden Jahrmärkten zur Freude der Kinder ein Kettenkarussell, das von ihm auf einer oberen speicherähnlichen Scheibe per Muskelkraft angetrieben wurde.
Die Familie Cahn war im gesellschaftlichen Kripper Dorfleben voll integriert und die schulpflichtigen Kinder im hiesigen christlichen Schulbetrieb, die jüngeren Kinder in der hiesigen Verwahrschule mit eingebunden. In der Kripper Bürgerwelt galt der ugs. genannte "Jud Cahn" als eine sympathische Erscheinung. 4) Die in Kripp allseits beliebte Familie bemühte sich sehr mit allen Nachbarn in freundschaftlicher Beziehung zu leben.
Eine enge Freundschaft, die über eine gute nachbarliche Beziehung hinausging, pflegten sie mit der Metzgerfamilie Linden, den Familien des Ortsbauernführers Rick, Fritz Schäfer, Elli Bachem und Luise Betzing. Besonders Frau Cahn stand mit ihrem sozialen Engagement der kinderreichen Kripper Familie Stoffels hilfreich zur Seite, nähte als exzellente Schneiderin für diese und den Nachbarskindern gerne unentgeltlich Bekleidung und brachte als Tanzlehrerin vielen Kripper Mädchen die ersten Tanzschritte bei. Sie stillte nach Angaben ihres Sohnes Erich einen Sohn der befreundeten Familie Fritz Schäfer und das Kind Elli Bachem von der neben liegenden Bäckerei.


Der zweite links neben der Schwester ist Erich Cahn, der 2012 in Australien verstorben ist.
Rechts neben ihm sein Bruder Heribert, der in Sobibor ermordet wurde.

Der aufkommende internationale Antisemitismus und Ressentiments gegen eine über Jahrhunderte integrierte Volksgruppe, die bisher in Harmonie Seite an Seite mit anderen Bewohnern gelebt hatten, schwappte auch auf Deutschland über und wurde von der aufkommenden politisch rechts stehenden NSDAP aufgegriffen.

Die organisierte Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben vollzog sich nach der Machtergreifung Hitlers in mehreren Etappen mit Diskriminierung, Entrechtung bis hin zur Entwürdigung. Angeblicher Anlass der judenfeindlichen Propaganda der Nazis war der wachsende Einfluss der Juden während der Weimarer Zeit auf Kultur, Wirtschaft und Politik, dem nach der Machtübernahme Hitlers durch entsprechende erniedrigende Judengesetze und Verordnungen entgegen gewirkt wurde. Darunter fielen auch die antisemitischen Kampagnen des reichsweiten „Judenboykotts“ am 1. April 1933 sowie die während des Reichsparteitages der NSDAP verkündeten Nürnberger Gesetze vom 15.9.1935, die eine diskriminierende gesellschaftliche Sonderstellung der Juden zum Schutze der arischen Rasse beinhalteten.
„ Das Reichsbürgergesetz „ entzog allen die nicht deutsch oder artverwandten Blutes waren, das Bürgerrecht. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbot u.a. die Eheschließung zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes. Es fanden Überprüfungen der arischen Abstammung statt. Für die Deutschen im "Dritten Reich", die nun als Juden verfemt und ihrer bürgerlichen Rechte beraubt wurden, wurde es immer enger unter der Herrschaft des organisierten Antisemitismus der Nationalsozialisten. Viele Betroffene erkannten, dass es in Deutschland für Juden als „Nichtarier“ und „Staatsangehörige ohne Rechte“ keine Zukunft mehr geben werde.
Durch den Entzug jeglicher Existenzgrundlage durch die „Arisierung“, verbunden mit dem ständigen psychischen Druck von täglichen Diffamierungen und Boykottierungen lebten die Cahns in Kripp in einer Atmosphäre sozialer Isolation,Unsicherheit, Angst und großer wirtschaftlicher Not. Die gesellschaftliche Ausschließung und Meidung von der übrigen Gesellschaft empfand die Kripper Familie mit großer Hilflosigkeit und Bitterkeit. Obwohl man früher mit den anderen Ortsbewohner im Einklang zusammenlebte, schauten nun viele Kripper durch die Propaganda verängstigt, betreten weg oder verschlossen ihre Augen. Nur von wenigen war solidarische Hilfeleistungen zu erwarten.
Erste Hassattacken erlebte Erich Cahn schon als 9 jähriges Schulkind auf dem Kripper Schulhof, als seine katholischen Schulkameraden nach dem Katechismusunterricht verbal über ihn herzogen und anfeindeten mit dem Satz "Ihr Juden habt Jesus umgebracht". 5) Im Laufe der sich steigernden Judenhetze und antisemitischer Entwicklung während der Nazizeit erwägte die gesamte Familie ins Ausland zu emigrieren. Es sollte jedoch anders kommen!

Während eines Dämmerschoppens in der seinem Haus gegenüberliegende Gaststätte „Zur Traube“ (heutige "Dorfschenke") ließ Siegfried Cahn sich in einem heftigen Streitgespräch mit einem parteibeflissenen Remagener zu der verbalen Äußerung provozieren, die ungeahnte nachhaltige Folgen und Trennung von seiner Familie zur Folge haben sollte. "Der Hitler kann mich mal am A... lecken" und verließ wutschnaubend das Lokal. „Morje widd där jehollt. Ich sorje dafür, dat där (Cahn) fott kütt“ (Morgen wird Cahn geholt. Ich sorge dafür, dass Cahn weg kommt) gab der Nazibesessene den verweilenden Gästen, unter anderem Cahns Freund Fritz Schäfer zu verstehen und dass er von diesem Vorkommnis Meldung mache und Cahn morgen mit Sicherheit abgeholt würde. Schäfer, sich der akuten Gefahr bewusst, warnte daraufhin Cahn und riet ihm noch in der gleichen Nacht zur Flucht. Mittels blauem Monteuranzug und einer geschulterten Hacke getarnt floh dieser 1936 zu Fuß nach Luxemburg und entging somit Hitlers Schergen. 6) Die Absicht, seine Familie später nachzuholen, gelang ihm jedoch nicht.
Nur weil sie Juden waren, wurde diese angesehene und hilfsbereite Kripper Familie von den Nazis unterdrückt und diskriminiert. Kein Geschäft durfte ihnen etwas verkaufen. Aber – da war doch noch die nächste Nachbarschaft und einige echte Freunde. Trotz Verbots im Umgang mit Juden streckten sie aus Mitgefühl und Hilfsbereitschaft den Cahns die hilfreiche Hand aus, soweit es eben möglich war. Einige suchten Balance zu finden um sich selbst nicht zu gefährden. Um ihre Kripper Bekannten und Freunden nicht der Gefahr auszusetzen, von Denunzianten als "Judenfreund-oder knechte" angeschwärzt zu werden, gingen die Cahns nach außen hin auf Distanz zu diesem Personenkreis. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemühten sich diese dennoch, der Familie Cahn beizustehen, indem sie ihr in irgendeiner Weise halfen. Und seien es nur zugedachte Lebensmittel, die man unbemerkt am Tage in den Gärten versteckte, damit diese von den Betroffenen nachts abgeholt werden konnten. Hier werden die vorgenannten Kripper Freunde und Bekannten von dem Sohn Erich besonders erwähnt. Diese Solidarität war der einzige schwache Trost, den der Mutter Cahn mit ihren Kindern in dieser Zeit noch blieb. Den Unterhalt ihrer Familie bestritt sie während der Abwesenheit ihres Mannes als gelernte Schneiderin mit vielen kleinen Gelegenheitsarbeiten, u.a. mit heimlichen Zuschneidern beim Schneider Betzing.

Durch die zunehmenden Pressionen gegen die Juden total verarmt, verkaufte Frau Cahn zur Sicherstellung ihrer Existenz das Haus an der zwischenzeitlich umbenannten damaligen Hermann-Göring-Strasse, heute Quellenstraße 49, unter Wert für 6000 Reichsmark an eine Remagener Familie und zog mit den Kindern Heribert und Ingeburg- Lore zu ihrem verwitweten Vater Meyer Jacoby nach Wiesbaden-Sonnenberg, Danziger Str. 4, um mit diesem gemeinschaftlich von ihrer „Substanz“ zu leben. 1939 erbte sie dieses Haus nach dem Ableben ihres Vaters.

Nun war Kripp, wie es für die „Parteieifrigen“ im damaligen Zeitjargon hieß, ab 1938 endlich „Judenfrei“.



Bajonet wurde auf dem Grundstück des Jud Cahn 2005 ausgegraben. Die Länge des Bajonet beträgt 51 cm, Klingenlänge 40 cm, Klingenbreite 24 mm. Die Spitze ist mittig auslaufend, und die Hohlkehle befindet sich auf der gesamten Klingenlänge. Das Bajonet ist nachweislich aus dem 2. Weltkrieg, weil erst ab Juli 1942 die Griffe aus Bakelit hergestellt wurden. Bei dem auf Cahn''s Grundstück ausgegrabenem Bajonett handelt es sich um das U.S. Amerikanische mod. E05. Es ist in seiner Grundform (Holzgriffschalen,Leinenscheide) ab 1905 in den U.S. Streitkräften geführt worden.

Die älteste Tochter Edith, die nach Angaben von Zeitzeugen zur katholischen Kirche konvertierte und in Linz einen holländischen Schiffer aus Duisburg heiratete, konnte nachdem für sie die Grenze der Hoffnungslosigkeit überschritten war rechtzeitig dem Leid der Zeit entgehen, in dem sie 1936 das Reichsgebiet verließ und über Spanien nach Südamerika emigrierte. Sie lebte in Llanus nahe Buenos Aires und verstarb dort 2005 im Alter von 90 Jahren. 7)

Der Sohn Erich (*7.3. 1923 in Kripp) verließ im März 1938 Kripp und besuchte in Köln eine jüdisch technische Schule. Nach eigenen Angaben emigrierte er 1939 nach Britisch Palästina, dem heutigen Israel und gründete dort eine Familie. 1954 stellte er aus Herzliya/ Israel einen Wiedereinbürgerungsantrag an die Stadt Köln.
Auf der Suche nach einer politischen Heimat und beruflicher Zukunft versuchte er ab Januar 1957 in Deutschland wieder Fuß zu fassen, entschloss sich jedoch nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz im Dezember 1959 mit seiner Familie nach Australien zu emigrieren, wo er unter dem Namen Eric Murray in Carnegie/ Victoria lebte.

Mit der „Endlösung der Judenfrage“ auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurde das Schicksal der ehemals in Kripp lebenden jüdischen Familie endgültig besiegelt.
Drei Jahre nach der Übersiedlung nach Wiesbaden ereilte Mutter Cahn dort mit ihren beiden Kindern 1942 das jüdische Schicksal, indem sie von der Gestapo abgeholt und zum Sammelplatz an der Synagoge der Wiesbadener Friedrichstraße 33 verbracht wurden. Über die Viehverladerampe des Wiesbadener Bahnhofsgelände deportierte man am 10.6.1942 die ehemaligen Kripper Bürger und weitere Juden mit der Reichsbahn, Zug Nr. „Da 18“, über Frankfurt nach Lublin im besetzten Ostpolen, wo eine „Selektion arbeitsfähiger Juden“ zwischen 16 bis 60 Jahren für das Lager Maidanek statt fand.
Nichtverwendungsfähige sowie Frauen und Kinder wurden zur Vernichtung nach Sobibor transportiert und dort ermordet. Dies traf auch für den 22 jährigen Sohn Heribert zu, der, weil etwas geistig behindert, nicht für den Arbeitseinsatz Maidanek „selektiert“ wurde. 8)
Das Lager Sobibor war ein reines Vernichtungslager ohne Unterkünfte oder lagermäßigen Einrichtungen für die Deportierten, unmittelbar an der Bahnlinie auf freien Feld in einer Größe von 400 x 600 m Größe gelegen.
Die "fabrikmäßige" Tötung der ankommenden Transporte fand in 6 Gaskammern aus Ziegelsteinen sofort innerhalb von 3-4 Std. statt. Mittels eines fest installierten 8 Zylinder Motor mit 200 PS wurden Abgase in die Kammern eingeleitet. Nach einem qualvollen 20 minütigen Erstickungstod durch Kohlenmonoxyd wurden die Leichen unmittelbar nach dem Vergasen der Masse wegen zuerst von Arbeitskommandos in 60 x 20 m Gruben vergraben, später exhumiert und in dem dortigen Krematorium verbrannt.
Insgesamt wurden dort 250.000 Juden ermordet, davon alleine im Todesjahr der ehemals Kripper Familie 101.370. Das Lagerkommando bestand aus 20-30 SS- Angehörigen und 90-120 „Hilfswilligen“, unter anderem später auch der berüchtigte Ukrainer John Demjanjuk (+ März 2012) als „Hilfswilliger“ tätig. Lagerleiter der „Todesfabrik“ Sobibor vom April bis September 1942, also zur Zeit der Ermordung der Familie Cahn, war ein Obersturmführer Franz Stangl. (© MediaWiki)

Außer den Angehörigen der ehemaligen Kripper Familie, die sich durch Flucht oder Emigration rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, endete der antisemitische Naziterror für die 50jährige Berta Cahn, geb. Jakoby, den 21jährigen Sohn Heribert und der 11jährigen Tochter Ingeburg Lore im Vernichtungslager Sobibor tödlich, wo sie im Juni 1942 von SS- Schergen ermordet wurden. 9)
Die damalige Hilfeleistung der Kripper Freunde in der Not blieb nicht unvergessen. In den Notjahren der Nachkriegszeit schickte die in Argentinien lebende Edith Cahn der Familie Föhr Lebensmittelpakete aus Argentinien.

Siegfried Cahn, der sich zwischenzeitlich in Arbon im Kanton Thurgau/ Schweiz aufhielt, heiratete und verstarb dort in Winden /TG am 30. November 1967.

1948 entlastete Siegfried Cahn als ehemaliger Sympathisant der Frei-Rheinland-Bewegung seinen besten Kripper Freund und Kameraden Josef Föhr, der während der Nazizeit wegen seiner antinationalsozialistischen Gesinnung als erklärter Regimegegner in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau inhaftiert war, mit einer von einem Schweizer Notar beglaubigten „Eidesstattliche Erklärung“.
Diese diente dem Kripper in der Nachkriegszeit zu seiner politischen Rehabilitation.
Aus diesem Schreiben geht hervor, dass Josef Föhr seinen Freund Siegfried bei seiner Flucht nach Luxemburg bis zur Reichsgrenze hilfreich begleitete 10.)



Mit schrecklicher Gewissheit fielen drei ehemalige jüdische Bürger aus Kripp dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Nur weil sie Juden waren, sollten sie nach all den Jahren des Zusammenlebens plötzlich vernichtet werden.

Erich Murray erfuhr nach fast 70 Jahre durch unsere Angaben den genauen Todestag, Todesort und Umstände der Ermordung seiner geliebten Mutter und Geschwister. Eine traurige Nachricht, die ihn zutiefst berührte. Zu seiner großen Freude und Überraschung konnten wir ihm 2011 Kopien einige seiner Gedichte zusenden, die er 1938 einer Emmy Millmann in ihr Poesie-Album schrieb. Unter anderem auch ein Gedicht seiner ermordeten Mutter. Emmy Millmann war eine damalige Spielkameradin aus seiner jüdischen Verwandtschaft, die nach Uruguay auswanderte. Dieses Album wurde aus den Trümmern des abgerissenen Hauses Cahn, Danziger Str.4 geborgen und im Wiesbadener Museum „Spiegelgasse“ für Deutsch-Jüdische Geschichte archiviert.







Unsere letzten Mailanfragen vom 13. März 2012 konnte Eric Murray nicht mehr beantworten, denn laut Mail seiner Tochter endete seine schicksalhafte Odyssee endgültig mit seinem Ableben am 1. März 2012.

Am 4. Oktober 2011 wurden in unserem Beisein vor dem Eingang des ehemaligen Hauses Cahn in Wiesbaden-Sonnenberg zur Mahnung und steten Erinnerung an das einst „unfassbar Geschehene“ in den Gehwegplatten drei namentliche Stolpersteine verlegt.
Dort, wo einst Mutter Cahn mit ihren beiden Kindern zur Deportation abgeholt wurden.
 


Dieses vom Kölner Künstler Gunter Demnik initiierte Kunstprojekt der Stolpersteine „Hier wohnte ...“ ist derzeit das größte dezentrale Denkmal weltweit.

Nachtrag:
Mit Bekanntmachungen, veröffentlicht unter Nr. 79 des Deutschen Reichsanzeigers sowie im Preußischen Staatsanzeiger vom 3.4.1939, wurde Siegfried Cahn in Abwesenheit die deutsche Staatsbürgerschaft zum 31.3.1939 aberkannt und für verlustig erklärt.



Des weiteren konnte in Erfahrung gebracht werden, dass Siegfried Cahn um 1945/46? von Luxemburg über Bayonne (F) nach Cuba gelangte, um von dort aus in die USA zu immigrieren.






Willy Weis und Hildegard Funk, Remagen-Kripp

Siegfried Cahn * 13. 8. 1887 Bornheim/ Bonn; + 30. 11.1967 Winden TG , Schweiz
1. Ehe 1913 in Linz mit Berta, geb. Jakoby
1916-1936 whft. Kripp
1936 Flucht nach Luxemburg/
31.5.1939 Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit
Immigration 1945/46 ? über Bayonne (F) via Cuba nach USA
später Emigration in die Schweiz ( Arbon Berglistr.41,Kanton Thurgau)
2. Ehe in der Schweiz nach 1945
+ 30.11.1967 in Wingen/ TG (Schweiz)

Berta Cahn, geb. Jakobi *4.2.1891 Wiesbaden-Sonnenberg,
1913 Eheschließung mit Siegried Cahn in Linz
1916-1938 whft. Kripp
1938 verzogen nach Wiesbaden-Sonnenberg, Danziger Str. 4, (heute Schuppstr 2)
+ 10.6.1942 deportiert, ermordet im Juni 1942 im Vernichtungslager
Sobibor / Südostpolen

Edith Cahn * 22.7.1914, vermutlich in Linz/Rhein
• °° (Herrn OELLERS, emigrierte 1935 vorab alleine nach Argentinien)
• 1936 emigrierte nach Argentinien (Edith Cahn)
• + 12.1.2005 in Llanos Buenos Aires /Argentinien mit 90 Jahren

Heribert Cahn * 18. 3. 1920 in Kripp,
bis 1938 whft. Kripp
1938 verzogen nach Wiesbaden
10.6.1942 deportiert, + ermordet im Juni 1942 im Vernichtungslager
Sobibor / Südostpolen

Ingeburg-Lore * 17.1.1931 in Kripp,
bis 1938 whft. Kripp
1938 verzogen nach Wiesbaden
10.6.1942 deportiert, + ermordet im Juni 1942 im Vernichtungslager
Sobibor / Südostpolen.

Erich Cahn * 7.9.1923 in Kripp
bis März 1938 whft. Kripp
3/1938 Köln (Jüd.-Techn. Schule)
3/1939 Emigration nach Britisch-Palästina / Familiengründung
1954 Antrag auf Wiedereinbürgerung an die Stadt Köln
1957-1959 Aufenthalt Deutschland /Schweiz
1959 Auswanderung nach Carnegie/ Australien
2012, 1. März , Eric Murray nach Angaben seiner Tochter verstorben

Vermerk: Die Nachkommen der Familie Eric Murray (Erich Cahn) wurden hier nicht aufgeführt. (Datenschutz)
Fast alle Personendaten wurden der umfangreichen Korrespondenz von Eric Murray entnommen.


1.) Städtebuch Rheinland- Pfalz und Saarland, 1964, Prof.. Dr. E. Keyser, S.359, Nr. 15e, Kolhammer- Verlag)
sowie Statistik des Arrondissement Bonn 1808: Remagen 21 Juden, Gemeinde Chronik Niederzissen, S. 503
2.) Schriftliche Angaben Eric Murray ( Erich Cahn)
3) LHKO 635/ 593).= Quartierliste
4.) mündliche Aussage des Zeitzeugen Ludwig Rüth
5.) wie 2
6.) Angaben von Fritz Schäfer und Michael Schumacher+ 7.) Gertrud Schäfer, Kripp
8.) Wiesbadens jüdische Juristen, v. Rolf Faber und Karin Bönsch, Wiesbaden 2011, S.23, Fußnote 45
9.) mündliche Angaben und schriftliche Nachweise aus Archivunterlagen durch Frau Dr. Schaub sowie Karin Rönsch,
Rechtsanwältin und Notarin, beide Wiesbaden und freiwillige Mitarbeiterinnen des „Aktives Museum Spiegelgasse“ (AMS)
für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden, sowie Bundesarchiv Stand 2.9.2010 unter
www.bundesarchiv.de/gedenkbuchg/directory.htm, sowie
10.) Notariell beglaubigte Erklärung des Erich Cahn vom 12.10.1948

Quellen: Schriftliche Angaben der überlebenden Familienmitglieder
a.) Korrespondenz mit Eric Murray (Erich Cahn), Carnegie/ Australien.(+ 1.3.2012)
b.) Edith Oellers, geb. Cahn aus Argentinien lehnte in einem kurzen Schriftwechsel Auskünfte über ihre Person und dem
Familienschicksal generell mit der Begründung ab, dass sie die Tragödie mental nicht noch einmal durchleben möchte. (+ 2005)

sowie mündliche Angaben der Zeitzeugen Fritz Schäfer +, Löhndorf ; Eheleute Katharina und Michael Schumacher + ;Eheleute
Georg + und Gertrud Schäfer; Margarethe Föhr +, alle Kripp