Sankt Martin ©

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Kripper Rivalitäten zum Martinsfest anno Dazumal

Mit dem Herbsteinzug finden im Rheinland, insbesondere zwischen Bonn und Koblenz alljährlich um den 11. November die Abläufe des alten Brauchtums der Martinsfeiern mit dem anschließendem Abbrennen des angelegten Martinsfeuers statt.

Mit dem Festtag, dem eigentlichen Begräbnistag Sankt Martins als kirchlicher Ehrentag gewidmet, beginnt meistens eine trübe, herbstwinterliche Zeit. Als Fest des Lichtes und des Feuers waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts nur das Brauchtum des Martinsfeuers bekannt, später wurden dann die Lichterumzüge eingeführt. Der Gestaltungsablauf des alten rheinischen Brauchtums war bis 1927 in Kripp unorganisiert. Für die Kripper Kinder und Jugendlichen begann nun eine Zeit, in der wegen der Martinsfeuer Blessuren, Schrammen und Prügel infolge Rivalitäten zum Tagesgeschehen gehörte. Gelangte man beim sammeln von Brennmaterial für das Martinsfeuer in den gegnerischen Distrikt, konnte es unter Umständen zwischen rivalisierenden Gruppen zu Reibereien kommen. Dies änderte sich durch die Gründung eines „Martinsausschusses“, dem ab dieser Zeit der gesamte organisatorische Ablauf des Martinsfestes in Kripp oblag.

Zur Person St. Martin

St. Martin, als gallisch- fränkischer Nationalheiliger verehrt, wurde 316 n.Chr. als Sohn eines römisches Tribunen in der röm. Kolonie Sabaria in Pannonien - heutiges Szombathely (Ungarn) -, geboren und trat als 15 jähriger auf Druck des Vaters als Militärtribun in das Kriegsheer Kaiser Julians ein. Während des Krieges gegen die Gallier zerteilte er 334 n.Christi mit dem Schwert seinen Mantel, um diesen einem frierenden Bettler vor den Stadttoren Amiens zu überlassen.

Nach dem Tod des Vater entsagte er dem Militärdienst und ging nach Gallien. Dort erwarb er sich große Verdienste mit der Ausbreitung des Christentums. Nach einer Klostergründung wählte ihn das Volk gegen seinen Willen zum Bischof von Tours, der Hauptstadt des französischen Departements Indre-et-Loire. Er starb am 8.11.397 n. Chr. in Candes bei Tours und wurde am 11. November begraben. Über seinen Tod hinaus verehrte ihn die Bevölkerung wegen seiner Mildtätigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe als Heiligen, insbesondere in unserem Gebiet, da das Bistum Tours neben Metz und Verdun zu den 3 Suffragettenbistümer des Erzbistums Trier gehörte.

Martinsbrauch

Der Martinstag (11. November) spielte schon seit dem Mittelalter im bürgerlichen Leben eine große Rolle. Er galt als Stichtag für alle Zins und Abgabegeschäfte. Nach einem alt hergebrachten Brauch endete für die Landwirtschaft auf Martini das Arbeitsjahr. Knechte und Mägde verdingten sich für das kommende Jahr. Des Weiteren stellt Martini den Stichtag für die Entrichtung der landwirtschaftlichen Pacht dar, der bis heute im Rheinland noch Gültigkeit hat.
Der eigentliche Sinn dieser Handlungen ergibt sich aus dem Kirchenkalender, denn vom Martinstag bis zum Heiligen Abend begann eine 40 tägige Fastenzeit, indem man vorher alle Verbindlichkeiten und Verpflichtungen zu erledigen hatte. Violett war ab Martini die liturgische Farbe zur Fastenzeit.
Mit einem weiteren alt hergebrachten Brauchtum zum Martinstag, dem Abbrennen des Martinsfeuers, blicken wir hier auf ein Brauchtum zurück, dass über Jahrhunderte im Rheinland gepflegt wird. Das Abbrennen eines großen Holzstoßes, dem Martinsfeuer, symbolisiert den früheren Sinn der Winterreinigung, um alles brennbare Aufräumbares den reinigenden Flammen zu überlassen. Stets war dieses Brauchtum mit lokalpatriotischen Ambitionen geleitet worden.
Der Sammeleifer wurde bei den Kindern durch den Wunsch des größten Feuers in seinem Distrikt angestachelt, was des öfteren ungewollt zu Ärgernissen führte. Zu diesem Zweck sammelten die Kinder in der Vormartinszeit bei den Ortsbewohner alles Brennbare, was diese bereits zum Abtransport für das Martinsfeuer bereitgestellt hatten. Wer nichts an Brennmaterial abzugeben hatte, spendierte den Kinder Süßigkeiten oder einen kleinen Obolus.
Dieses Sammeln, ein alter Heischebrauch, nennt man auch heute noch „Dootze“. Dem alten Heischebrauch zur Folge, pflegten die Dorfkinder einige Tage vor dem Martinsfest neben dem Sammeln von Brenngut für ein Martinsfeuer durch Singen die Bürgerschaft mit einem speziell für Kripp getexteten Liedes darauf aufmerksam zu machen, dass die Kinder eine freiwillige Beisteuer in Form von Süßigkeiten oder finanziellen erwarteten. Sie sangen:

„Dotz, dotz, dillije dotz
de heilige Sante Määtes,
dat wor n en joode Mann,
der deilt singe Mantel
mit enem armen Mann.
Rotz, rotz, rotz,
jidd uns en ahle Botz.
Rüh, rüh, rüh,
jid uns en Balle Strüüh.
Ramm, ramm, ramm,
jitt uns en aahle Wann,
Dotz, dotz, dotz,
Jidd uns jet und lod uns joan,
mir hann noch wigger römm zu joan.
Dotz, dotz, dillijedotz.“

Bei jeglicher Gabe wurde als Dankeschön der Zusatz gesungen:

„Hier wohnt ein reicher Mann, der uns etwas geben kann“

Wer jedoch den heischenden Kindern das Herz verschloss, brauchte für Spott und Hohn nicht zu sorgen. Für Geizkragen wurden dann als spezielle Zugaben beleidigende Texte gesungen, die örtlich verschieden waren. Nachfolgender Spottreim speziell für Kripp:
„Hier wohnt ein armer Mann, der uns nichts geben kann.
Elstere fleejen op et Daach und picken üch de Aasch us.“

Auf Grund dessen kam es in der Martinszeit beim Dotzen auch zu Zwischenfällen, wobei Kripper Jugendliche wegen ihres Fehlverhaltens beim hiesigen Schiedsmann und Bürgermeister zwecks einer Rüge zwangsweise vorstellig wurden. Obwohl der alt überlieferte Martinsbrauch des Abbrennens des Martinsfeuers und des Dotzens infolge zunehmender lokaler Exzesse durch Regierungs- Verfügung vom 28. Dez.1828 untersagt wurde, konnte der Martinsgedanke in leicht veränderter Form nach einer Unterbrechung wieder aufleben. Grund des Verbotes dürfte wohl, wie auch in Kripp, die bandenmäßige Auswüchse zwischen rivalisierende Jugendlichen beim Aufschichten des Martinsfeuers sein, der die Behörde dazu veranlasste, diese aufkommenden Auswüchse zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Moral strikt zu unterbinden.

Kripper Rivalen. Die „Rhingscheene“ und „Övverrschte“

Auch nach der Aufhebung dieses Verbotes kam es zwischen den rivalisierenden Kripper Jugendlichen in ihren selbsternannten Bezirken der Unter- und der Oberkripp bis 1927 zu Rivalitäten mit nicht unerheblichen Keilereien. Das Konkurrenzdenken hier in Kripp uferte zeitweise derart aus, dass in dem damals kleinen Ort bis zu 3 Martinsfeuer abbrannten. Während sich das Stadtgebiet Remagen in die Kampfbezirke der „Overstätzche“ und „Baachpörtzer“ teilte, gruppierte sich Kripp in die Distrikte der „Övverrschte“und „Ringscheene“ bzw.„Rhingeschte“.
Vom Johannessaal abwärts auf der Unterkripp war der Bezirk der „Rhingscheene“ (Bezeichnung für die am Rhein wohnenden), die ihr Martinsfeuer auf dem Kiesufer des Rheines, in Höhe der ehemaligen Villa Nagel, abbrannten. Das Feuer des Bezirkes Oberkripp, der so genannten „Övverrschte“ (im Oberdorf wohnenden) befand sich auf dem Gelände einer verfüllten Kiesgrube im Bereich des heutigen Schulplatzes, zeitweise nach der Bebauung der Voßstrasse in einer dortigen Ziegelgrube. Des Weiteren wurde in dem kleinen Kripp, wenn auch nur kurzzeitig, von damaligen Breuers Jungen in der Mittelstraße ein drittes Martinsfeuer errichtet und am Martinsabend abgebrannt.
Wegen eines fehlenden Waldes in Kripp musste das angesammelte kostbare Brenngut“ Holz“ bis zum offiziellen Abbrennen am Martinsabend mit Argusaugen bewacht werden. So wurden an den jeweiligen aufgeschichteten Reisighaufen vor dem Abbrennen Tag und Nacht Wachen aufgestellt, damit man sich nicht gegenseitig mangels Brennmaterials das Holz stahl, bzw. dem Gegner vor dem Martinstag das Martinsfeuer anzündete, denn das Anzünden des „feindlichen“ Martinsfeuer vor dem Martinstag galt als heroische Tat, die dem „Täter“ zu großen Ansehen und Respekt verhalf. Diese gegenseitigen Versuche verliefen stets mit Keilereien und Blessuren. Dabei legte man in beiden Lagern stets Wert auf eine hierarchische Struktur. Die Jungen aus dem vorletzten und letzten Schuljahr als selbsternannte „Matadoren“ befehligten über die Jungen der unteren Schulklassen, die als „Schlepper“ von diesen für die eigentliche Drecksarbeit eingeteilt und kommandiert wurden.
Zwei aufgeführte Beispiele spiegeln den damaligen Zeitgeist wieder, mit welchem Fanatismus man bei dieser Sache zu Werke ging und nach Rache sann. So versammelten sich vor dem I.Weltkriege die „Övverrschte“ an ihrem Martinsfeuer, um von dort aus in geschlossenen kleinen Kampfgruppen gegen ihre Rivalen, die „Rhingscheene“, mit Fackeln, Fahnen, Bohnenstangen (Bunneröhm) als Säbel dienend mit die heroisierenden Kampfparolen singend zum Rhein zu marschieren.

„Wer wat will, der kann jo komme, denn mir seen jo Overkreppene Jonge. Heirassassa,
Holldiala. Der Rhingschene ihre Määteshaufe is jezz draan!
Der Pitter hätt sich rangeschleicht, vom Rhing us her et Feuer entzweit. De Rhingschene
sind usser Rand und Band, mit Eimer löschen sie de Brand.“

Übersetzt: Wer was will, der kann ja kommen, denn wir sind ja Oberkrippener Jungen. Heirassassa, Hollidiala. Den Rheinanlieger ihr Martinsfeuer ist jetzt dran. Der Peter hat sich rangeschlichen, und vom Rhein aus her das Feuer entzündet. Die Rheinanwohner sind außer Rand und Band, mit Eimer löschen sie den Brand

In Höhe von Nagels Eck (ehemalige Villa Nagel), eine Art Bannmeile der „Ringscheene“ für ihr Martinsfeuer, wurden die Angreifer mit zielgerichteten Wassergüssen aus Eimern empfangen und nach dieser Taufe mit „Bengele“ (Knüppeln) „verkammesöölt“ (verprügelt) in die Flucht geschlagen. In einem anderen Jahr war es vorgekommen, dass die „Övverrschte“ in einer Nacht- und Nebelaktion unbemerkt das Martinsfeuer der Unterkripper auf dem Rheinwerth erreichten und dieses geräuschlos mit Holzstangen in die Rheinfluten hievten.
Um anfallenden Ärgernissen und Unfug zukünftig ein für allemal zu unterbinden, gründete die Schulbelegschaft erstmals 1927 unter der Leitung von Lehrer Hoellen einen Martinsausschuss, der den gesamten organisatorischen Ablauf des Martinsfestes übernahm. Da von nun an nur noch ein Martinsfeuer für Gesamtkripp abgebrannt wurde, regulierten sich die Rivalitäten zwischen den jugendlichen Bewohnern der Ober- und Unterkripp. Auch das Backen der Martinswecken (Stuten) wurde durch den Martinsausschuss wegen mehreren ansässigen Bäckereien reglementiert, sei es im jährlichen Wechsel oder in Kooperation.

Mit dieser Reform entstand auch der heutige Fackelzug als weiteres Zeichen des Lichterfestes. Nach dem 1.Weltkrieg wurde das Abhalten des Martinsbrauches zeitweise von der amerikanischen Besatzungsmacht untersagt und zum Ende des 2.Weltkrieges fielen wegen Verdunkelungsanordnung die Martinszüge aus.1)
Quellen:
1) Nach einer Erzählung des verstorbenen Zeitzeugen Michael Schumacher (* 1902), Kripp

2) Noch zu erwähnen wäre, dass das Kampflied der Overkrepper in der Nachkriegszeit wie folgt im Text leicht abgeändert wurde:
„Wer wat will, der kann jo komme, denn mir seen jo Overkreppene Jonge. Mir hann Curasch, mir hann Curasch, unn wenn me keene Knüppel hann, dann tredde me se in de Aasch."