Ein Ja zum Leben

Buch von Mathilde Karsten

Das Buch wurde 1982 von Mathilde Karsten geschrieben, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes Hermann Karsten. In diesem Buch schreibt sie, neben den biografischen Elementen, viele Anekdoten, Erinnerungen und Anstöße.
Auf 135 Seiten hat Mathilde Karsten ein Werk kreiert, welches in unserem Ort Kripp stattfand. Eine Zeit, die im April des Jahres 1937 ihren Anfang nahm. Einige Kapitel dieses Buches möchte ich hier, im Jahre 2010, für unseren Ort Kripp vorstellen.
                                                                                                                                                                                                                   Horst Krebs
Hier einige Auszüge:

Der Einzug in Kripp

Es war April 1937. Eine Riesenaufgabe, denn die Düsseldorfer Praxis sollte natürlich als Versorgungsquelle für alle Fälle weiterbestehen. Die Familie zog mit in dasSanatoriumsgebäude ein, aber für die Kinder gab es ein kleines Extrahäuschen im Park, genannt "Kinderland"; das sah aus wie ein Knusperhäuschen, und dort konnten sie sich alle nach Herzenslust austoben. Es wurde, wie sich bald herausstellte, gar nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bringen: Praxis, Sanatorium, Familie und kleine Kinder. Das zeigte sich schon in den ersten Tagen. Alles, was Hände hatte, war im Haus mit der Einrichtung beschäftigt. Der jüngste "Stammhalter Karsten" wurde im Körbchen auf den  Balkon abgestellt. "Das Kind muss früh so viele frische Luft bekommen, wie nur möglich", meinte der stolze Vater zu der Kinderschwester. Alle arbeiteten wie in einem Bienenhaus. Plötzlich kam es zu einem Frühlingsgewitter mit Donner, Blitz und einem Wolkenbruchregen. "Um Gotteswillen - das Kind!" Alle stürzten nach draußen, allen voran der Doktor. Weinend vor Aufregung riß die Mutter nach diesem Kneippschen Vollbad ihren Jüngsten, außen und innen patschnass, in die Arme. Er hat anscheinend von dieser Prozedur  sein Leben lang eine Vorliebe für das Wasser behalten.
Es wurde überhaupt ein schwieriges Problem: Kindererziehung inmitten dieses vielseitigen Saunabetriebes mit dem ebenso vielseitigen Arzt und Familienvater! Wo die Kinder auftauchten, wurden sie von den Patienten mit Süßigkeiten verwöhnt.
Trotzdem waren die Patienten den Kindern überall im Weg, wenn sie Sonntag zu den Eltern wollten, ja, sie nahmen ihnen die Eltern oft sogar am Sonntag weg bei gemeinsamen Spaziergängen. Wie oft hieß es von einem der Kinder: »Wir wollen aber nur dann mitgehen und nur dorthin, wo es keine Patienten gibt!"  Klaus, der Stammhalter, ging nur mit gesenktem Kopf, den Blick auf den Weg gerichtet, durch den Park."Jung, Kopf hoch", rief sein Vater. Darauf der kleine Klaus:"»Nee, dann muß ich den Patienten guten Tag sagen - meinst du, die hätten Freude daran, wenn ich denen die Hand gebe, wo ich doch immer so dreckige  Hände habe?"
Eines Tages hatte Klaus die Spitze des wunderschön gewachsenen Lebensbaumes aus Übermut abgebrochen. "Das muß er selbst fühlen als Strafe," erregte sich der Vater und nahm seineu Sohn beiseite in sein Zimmer. Darauf die kleine Schwester: "Klaus, schrei gleich laut, dann hört Vati sofort auf, damit die Patienten es nicht hören"!
Der Familienvater aber begann aus 6 Wochentagen 10 zu machen, indem er ständig zwischen Kripp und Düsseldorf mit dem Auto hin- und herfuhr. So gesund war er, daß ihm trotz Beinbeschwerden keine Strapaze etwas ausmachte.
Wohlbeleibt, Heiterkeit ausstrahlend begrüßte er Familie und Patienten, wenn er von Düsseldorf nach Kripp heimkam. Dann ging es zu Tisch, der für ihn besonders reich gedeckt wurde unter dem Leitwort: "Das Beste für den Doktor, denn er hat es ja so schwer mit dem Hin- und Herfahren". Kam er dann aber umgekehrt von Kripp nach Düsseldorf angefahren, so war er dort noch cinmal der arme Doktor:"lauft holt das Beste aus Küche und Keller, er wird nach der langen Fahrt  überanstrengt und müde sein!" Oh, wie hat der Doktor das zweimal genossen, dies konnte man ihm ansehen.
Bei dieser Gelegenheit fällt mir doch eine besondere Episode ein, die sich später in Diisseldorf zugetragen hat. In Kripp hatte damals unter anderen eine Patientin gekurt, die sich seit Jahren ohne Erfolg ein Kind gewünscht hatte. Ein Jahr später sieht er diese Dame, die der Doktor natürlich aus der Erinnerung verloren hat, in Düsseldorf mit einem Kinderwagen auf der anderen Straßenseite. Sie winkte ihm lebhaft zu und auf das Kind zeigend, ruft sie über die Straße "Herr Doktor, sehen Sie nur, mein Kind! Das ist von Ihnen"

Im Sanatorium für Naturheilverfahren
Im Sanatorium wurden die Anlagen im Laufe der Jahre erweitert und vervollständigt mit Kureinrichtungen, Kneippbehandlungen, Bädern, Massagen, Sauna, Bestrahlungen, so daß alle damals möglichen Anwendungen, auch die von Felke mit Lehmbädern, von Prießnitz mit den Wickeln und andere mehr je nach Bedarf und ärztlicher Weisung genutzt werden konnten. Rund um die großen, mit Bäumen bestandenen grünen Luftbäder mit Tauchbecken gab es einige sogenannte Lufthütten. Dort konnte der Patient ganz naturnahe schlafen und sozusagen mit den Vögeln aufwachen, draußen Tautreten, Luft und Sonne  baden und sich frei bewegen. Kripp wurde für den Doktor ein vielseitiges Bestätigungsfeld und damit zur Entwicklungsstätte für neue Ideen.
Noch in Diisseldorf hatte für ihn die Zeit seiner Pioniertätigkeit für die Sauna als vielseitiges Überwärmungsbad begonnen, später in Kripp die Entwicklung der Idee von den japanischen Heilbäder, dann die Gesundheitsinsel, seine Lieblingsidee, und schließlich als letztes die Duft-Farb-Ton-Therapie im Kampf gegen den Tablettenmißbrauch. Dazu gab es  noch viele Pläne zur Verbesserung einer gesunden Lebensführung, wie z. B. Ruhe- und Bewegungszentren an den Autobahnen und den Maku- Fit (Massagekugel-Gerät). Es war klar, in dem Doktor kreisten unentwegt Gedanken auf der Suche nach neuen Ideen zu Behandlungsmöglichkeiten.  Kripp wuchs, blühte und gedieh. Die Patienten kamen gern nach Kripp.
Das Gästebuch gibt Zeugnis von diesem Erfolg und von der Begeisterung, die die Patienten von hier mitnahmen in den Alltag.

 

DIE FROHNATUR
"Woher nimmt der Doktur seinen Frohsinn?", so fragte sich manch einer, "und wie kann er dies alles noch verkraften bei seinem schweren Beinleiden? " Ja, er schleppte sich förmlich, oft Fuß um Fuß, zuletzt nur noch wenige Zentimeter vorwärts und das mit 2 Stöcken. Wenn er in den letzten Monaten seines Lebens an eine Treppe kam, dann mußte er von hinten geschoben werden, damit er nicht rückwärts die Treppe hinabfiel. Trotzdem übertönte er selbst seinen Schmerz: "Los, Hermann", sagte er dann zu sich selbst, "vorwärts, hauruck und nach mal hauruck!"
Eines Tages, als er am zahnärztlichen Stuhl arbeitete, fragte ihn eine der ältesten Patientinnen, warum er denn dabei so gerne sänge? Da bekannte er ihr: "Das tue ich auch, weil ich starke Schmerzen habe. Wenn ich  mich dabei singen höre, dann fühle ich meine Beinschmerzen nicht so sehr!"
"Was war eigentlich das beste am Großvater?", fragten die Kinder bei  der Tischrunde nach seiner Beerdjgung. »Das beste?", meinte der Jüngste nachdenklich, »das beste war doch, daß der Großvater immer mit uns so viel Spaß machen konnte, auch wenn er noch so große Schmerzen hatte."
Die Frohnatur hatte der Doktor von seiner Mutter geerbt. Auch sie ließ sich nicht unterkriegen. Im Volksmund heißt es ja wohl auch mitunter:
Die Dicken sind meistens fröhlicher und gemütlicher als die anderen. Beide Eltem Karsten waren korpulent. Ja, eigentlich hatte seine gauze Familie diese Erbanlage. Natürlich, gerade als Arzt, wollte der Doktor gern schlank sein, und er kämpfte zeitweise sehr dafür. Mit Fastenkuren hat  er es einmal eisem bis auf 30 Pfund Gewichtsabnahme gebracht. 12 Pfund  hat er einmal, aber nur zu Versuchszwecken, wéihrend eines einzigen  Saunabades abgenommen bei 112 Grad! — Sein schönster Traum, der . sich oft wiederholte, war der vom Fliegen. "Stell dir vor, ich war im Traum so leicht, daß ich alle Erdenschwere fallen ließ, und in die blaue Ferne schwebte, es war wundersam", sagte er zu mir, "ich war ganz  glücklich".
Das besondere an seinem heiteren Wesen war, daß er den Frohsinn suggestiv auf andere Menschen übertragen konnte und weiter, daß er über  sich selbst lachen konnte. Wenn er ausging, trug er seinen breitrandigen Borsalinohut, der immer von selbst wiederkam, wenn der Doktor ihn irgendwo liegen ließ. Manchmal wurde er auch des Hutes wegen mit einem geistlichen Herrn verwechselt.
Dabei passierte es eines Tages, daß er bei seiner Fahrt nach Düsseldorf  um Hilfe gebeten wurde von einer Gruppe Novizinnen, die von übermütigen Jugendlichen auf dem Kölner Bahnhof angepöbelt wurden. "Hochwürden", riefen sie, "bitte beschützen sie uns. - Dürfen wir zu  ihnen ins Abteil steigen?" Der vermeintliche Hochwürden nahm sie natürlich gerne unter seine Fittiche, lachte in sich hinein und beschäftigte  sich mit dem Arztkalencler, den die Nonnen für ein Brevier hielten. Sie saßen ihm ehrfürchtig schweigend gegeniiber. In Düsseldorf angekommen, stieg der Doktor dann schmunzelnd aus und eilte in seine Praxis.
Manchmal wehrte sich der Doktor, wenn ich versuchte, ihn auf sein Gewicht anzusprechen. "Willst du mich lieber mager haben wie eine Stange und dabei tierisch emst! Ich brauche einfach eine kleine Fettreserve für mein frohes und zufriedenes Gemüt. Das laß ich mir nicht nehmen. "Gegen diese Begründung ließ sich nichts weiter einwenden. Später sagte er: "lch habe jetzt so viele Enkelkinder, da darf ich mir ein Bäuchlein anschaffen, das gehört zu meiner Großvaterwürde."  Dafür hatte er aber auch wunderbar starke Nerven. Er konnte sich augenblicklich nach jeder Anstrengung, nach jeder Aufregung entspannen und jeden Ärger sofort fallen lassen. "Worüber sprecht ihr eigentlich immer noch?", fragte er dann erstaunt nach kleinen Ärgernissen. "Das ist doch alles vorbei, und ich hab es längst vergessen! " So reagierte er selbst dann, wenn ihm jemand Unrecht getan hatte. Ja, er besaß in dieser Hinsicht eine geradezu kindhaft gläubige Gemütsart. Ihm konnte darum auch wirklich kaum einer böse sein oder feindlich gesonnen sein. Und dies alles hat ihn bis in die 80-iger Jahre jung gehalten, sodaß man ihm sein Alter nicht ansehen konnte. Frohsinn und Gottvertrauen waren für ihn das Gleiche, so wie er es am vollkommensten ernpfand in den Kantaten von Joh. Seb.Bach. Welch eine Gnade für ihn, als er an einem Ostermontag, umgeben von seiner Familie unter den Klangen seiner Lieblingskantate »Mit Herz und Mund und Tat und Leben" im Alter von 82 Jahren sanft entschlafen durfte.
Aber auch aus den Worten des Dichterphilosophen Hans Künkel las er das große "Ja" zum Leben, und er las dies immer wieder bei den gemeinsam mit mir gestalteten Abenden für unsere Patienten vor. Die dort auch sprachlich wunderbar zum Ausdruck gebrachte Philosophie war ihm ein ganz großes Anliegen. Er konnte viele Stellen auswendig. Manche ehemaligen Patienten werden, wenn sie dies lesen, den Klang der Doktorstimme noch im Ohr haben. "Ja sagen zum Schicksal", heißt es bei Künkel, "ja zu seinen Freuden, aber auch zu seiner Not. Gerade wenn wir am Boden liegen, dann rüstet sich das Leben zu einem neuen Aufstieg. - Ja, wir sind stärker als das Schicksal, wenn wir es gelassen tragen und es sogar bejahend selber wollen. Dann geht über unserem Leben die Sonne auf".
Diese Überzeugung kam bei Hermann Karsten immer wieder zum Ausdruck, auch wenn in seinem Leben ein Tief einbrach. »Laß nur kommen", sagte er dann wohl, "auch wenn noch ein zweites Tief dazukommt."
Ich fühle aber schon, bald kommt wieder ein Hoch, und darauf kannst du dich schon freuen."Dieses aus dem Herzen kcmmende J A sagen"  zu den Lebensnöten zeigte sich bei ihm auch in seinem Verständnis und seiner Liebe zu den Mitmenschen. "Wir müssen sie zuächst nehmen wie sie sind", meinte er, "dann enttäuschen sie uns auch nicht." So konnte er die Menschen lieben und sie wiederum ihn. Beim regelmäßgen Abschluß der Saison vor der längeren Winterpause verabschiedete sich manch ein Patient von ihm: »Ich bete für Sie, Herr Doktor, daß Sie uns noch  recht lange erhalten bleiben!"
Schließlich fanden sich die Gedanken auch wieder in jedem Vortrag, den der Doktor über gesunde Lebensführung hielt und mit seinem Leib- und Magenlied beendete. Er setzte sich dann selbst ans Klavier und stimmte mit überzeugender Stimme, die durch alle Räume klang, das Lied an:
"Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen, und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen . . . man kann ja im Herzen stets lachen  und scherzen und denken dabei: Die Gedanken sind frei!"

Der Saunapionier
Die Sauna, die wir vor unserer Hochzeitsreise besucht hatten, bestand damals in Kripp schon seit 1939, und der Doktor war stclz darauf, denn sie war die erste ärztlich geleitete Heilsauna, die es im damaligen Deutschland gab.
Sauna? Zuerst wußte keiner, was das war. Und als die Leute erfuhren, daß dort bei großer Hitze nackt gebadet wird, da entsetzten sie sich und sagten: "dann ist das ein Saubad."  Erst als der Pfarrer der kath. Kirchengemeinde sich in einem persönlichen Gespräch mit dem Doktor von der Verwandschaft zwischen Sauna und Kneippbehandlungen überzeugt hatte, beruhigten sich die Gemüter, und nach und nach kamen auch die Einheimischen gerne in die Kripper Sauna. —
Wie ist der Doktor noch in seiner Düsseldorfer Zeit auf die Sauna gekommen? — In den 30-er Jahren badete er regelmäßig im römisch-irischen Bad und empfand dabei den Aufenthalt in der trockenen Heißluftkammer als besonders angenehm und wohltuend. Als er danach durch einen Zufall den in Finnland tätigen Konsul Wuppermann kennenlernte, hörte er zum ersten Mal von dessen Begeisterung für die echt finnische Sauna. Dazu karn dann auch die Tatsache, daß die Finnen ihre Teilnahme an der Olympiade 1936 von der Einrichtung einer für sie wichtigen Sauna abhangig machten. Die Idee »Sauna<< hatte den Doktor damals schcn so erfaßt, daß er sich in der Waschküche seines Hauses daran machte, selbst einen Saunaofen zu bauen. Diese Sauna war natürlich denkbar primitiv, aber bei der späteren Gründung des Sanatoriums in Kripp 1937 kam es zu einer echt finnischen Sauna mit einem aufgemauerten Ofen und Granitsteinen für den Aufguß. Natürlich durften keine Birkenreiser fehlen. Sie wurden später nach jeder kirchlichen Prozession, wo bekanntlich Birkenzweige die Straßen zieren, eingesammelt und zum Sanatorium gebracht. Trotzdem funktionierte das erste Saunabad nur mit Hindernissen. Zuerst sollten die Herren ein Saunabad nehmen bei 90 Grad Hitze. Man hörte sie mit dem Doktor gemeinsam das  von ihm gedichtete Saunalied singen, nach der Melodie: das Wandern  gleichzeitig die Atmung und Inhalation des Birkendufts fördern. Als sie dann nach dem ersten Gang aus dem Schwitzraum unter die kalte Brause ins Luftbad kamen, gab es ein schallendes Gelächter. Jeder betrachtete die Rückseite seines Vordermannes und alle hatten sie jeweils zwei  schwarze Flecke auf ihrem Podex. Der Ruß muß sich durch einen technischen Fehler auf die Saunabanke abgesetzt haben!
Das Saunabad
als trockenes Heißluftbad mit kurzen Dampfstößen und einem Wechselreiz von kaltem Wasser und frischer Luft funktionierte im Lauf der Zeit immer besser. Für den Doktor war es nicht nur ein Bad unter zahlreichen anderen Badearten, die es in Deutschland gab; für ihn war es vielmehr ein Bestandteil der von ihm schon seit Jahren angestrebten Ganz= heitsbehandlung. Es lag ihm daher nicht nur daran, dieses Bad den  Patienten in Kripp allein nutzbar zu machen, sondern er wollte den  Saunagedanken in ganz Deutschland verbreitet wissen durch Praxis, Wort  und Schrift.
Als erster Saunapionier war er dann auch während des Krieges ununterbrochen tätig mit Vorträgen, Kursen und sogar mit einer Studienreise  nach Finnland. Auch die Kneippbewegung ist durch Dr. Karsten zur Sauna gekommen.

 


SAUNA-ANEKDOTEN
Alljährlich, an jedem Kirmesmontagmorgen, kommen die Junggesellen zum Weckruf mit Musik durch das Dorf gezogen. Dann gibt es auch wieder an der ehemaligen Wirkungsstätte des Doktors ein Ständchen zu seinem Andenken. Ich muß sie dann mit zwei Flaschen "Medizin"  begrüßen, und schon rufen sie mir zu: "Wat solle mer spiele, aber mer wisse et schon lang!" Und dann geht’s los. Wir sind die Eingeborenen von Saunabadien, heidischingella, schingellu, bum. Wir schwitzen vom Kopf bis an die Wadien; wir sind ja keine Kaviarfresser, doch wir schwitzen umso besser. Wir sind die Eingeborenen , . . Dieser Liedvers hat seine besondere Geschichte.
Vor Jahren zog einst das ganze Sanatorium samt dem Doktor und den Angestellten in einem langen Zug mit diesem Liedvers bei einer Karnevalssitzung in den Saal. Vornweg wurde das Schild von dem Hausmasseur getragen: "Königreich Saunabadien." Ihm folgte der Saunaofen aus Pappe mit lauter anfgemalten Backsteinelementen, dahinter die Angestellten, jeweils eine verschiedene Krankheit darstellend, bekleidet mit einem Bademantel, am Rocksaum Birkenreiser, über dem Gesicht bewegliche, selbstbemalte Masken, die zu der dargestellten Krankheit paßten, z. B. Masern, Ischias, Keuchhusten, Zahnweh usw. Zum Schluß kam seine Majestät, der Saunakönig, mit wallendem Gewand, rings mit vergoldeten Birkenreisern besteckt, auf dem Kopf einen Turban. An den Füßen hatten sie alle links eine Kneippsandale und rechts einen lautklappernden Holzschuh. So zogen sie unmittelbar vor den Prinzen Karneval und den Elferrat und machten ihm ihre Reverenz mit der Saunagesundheitswunderkur. "Achtung," rief der Saunakönig, und der ganze Hofstaat verneigte sich. Dann kam aus dem Saunaofen mit einer Spritze, die mit Puder gefüllt war, der Aufguß —— im gleichen Moment rissen  alle ihre Masken vom Kopf und heraus kamen lauter bildschöne, gesundaussehende, junge Mädchengesichter. Der ganze Hofstaat tanzte nun nach  heißen Rhythmen auf das Lied von "Sannabadien" den Gesundheitstanz um den König. Großer Beifall! Inzwischen waren einige durch das Dorf  gelaufen. "Kütt, kütt, eilt euch, der Doktor mit der ganzen Sauna ist  am Tanze". Da kamen noch viele herbei, aber ehe sie am Ziel waren,  war der ganze Spuk schon vorüber.

DIE JAPANBÄDER
Die bei der Behandlung des Pastors erwähnten Japanbiider gehören zum großen Gebiet der Wärmetherapie, der sich mein Manu verschrieben hatte. In der Literatur über Japan war dort immer wieder zu lesen von der Gewohnheit der Japaner, heiß zu baden; für uns Deutsche sogar unvorstellbar heiß. So ist in Kursazu, einem Ort der heilien Quellen, in großer Schrift zu lesen: "Hier wird alles geheilt, nur nicht die unglückliche Liebe!" Heiße Bäder sind für den Japaner geradezu ein Stück kultischer Handlung. Bei einer Ärztetagung kam der Doktor ins Gespräch  mit einem japanischen Kollegen. Dieser meinte, daß die Bevölkerung in Japan in den  Jahren, in denen sie noch nicht den amerikanisch überzivilisierten Einflüssen ausgesetzt war, weniger an Krebskrankheiten zu leiden hatte, als wir hier im Westen. "Das kommt gewiß durch die heißen Bäder", erklärte er. "Wie eigenartig", dachte Hermann Karsten, "unsere Patienten hier klagen immer über Kreislaufstörungen beim  Aussteigen aus der Wanne, wenn das Wasser zu heiß war."  Doch da ging ihm ein Licht auf! — Im Gegensatz zu uns, baden die Japaner immer in senkrechter Sitzhaltung, so bleiben sie auch beim Aussteigen in
der Vertikalen, und damit wird der Kreislauf entlastet. Diese Erkenntnis machte sich der Doktor zunutze und entwickelte eine besonders konstruierte Hochsitzwanne als modifiziertes japanisches Heilbad. Das Japanbad hat viele Vorteile: es hat einen geringen Wasserverbrauch und ist somit energiesparend, es entlastet den Kreislauf und wird als an- und  aufsteigendes Vollbad von den Patienten, auch von älteren, gern genommen und gut vertragen. Dadurch gewinnt dieses Bad auch Bedeutung in der Krebsvorsorge.


PROFESSOR DR. AIYOSHI KAWAHATA - EIN FREUND AUS JAPAN
Die Beschäftigung mit dieser Badeform hat uns in Kripp mit einer sehr wertvollen, echten Freundschaft beschenkt, durch das Bekanntwerden mit dem Universitätsprofessor Dr. Aiyoshi Kawahata, Kyoto/Japan. Mehrere Male machte er von staatswegen eine Reise durch Europa und durch die Vereinigten Staaten. Jedesmal kam er dann auch nach Kripp; zuletzt mit einer Gruppe von Gesundheitsschwestern und Gesundheits
lehrerinnen. Diese Japanerinnen schrieben uns damals in reizender Weise in ein Erinnerungsbuch die Worte: "In das weiche Licht der Nacht getaucht, empfanden wir in Kripp die Freundschaft zu Menschen, die uns bis dahin fremd gewesen waren.
Zum ersten Mal war Prof. Kawahata 1959, anläßlich des Weltgesundheitstages in Dusseldorf erschienen. Dort hatten wir ein besonderes Modell, eine von Hermann Karsten entwickelte Gesundheitsinsel, aufgestellt.
Dies faszinierte den Japaner, und schon am Abend besuchte er uns in einem Wochenendhaus von Bekannten am Rhein. Wissbegierig und begeistert fragte er: "Haben Sie in Deutschland auch Namen von Blumen mit Symbol fiir Menschenleben? "0h, ja", erklärten wir, "denken wir nur an Maßliebchen, an Stiefmütterchen, Tränendes Herz, Vergißmeinnicht, und wir zeigten ihm diese Blumen, wie sie dort im Garten wuchsen. Vierzehn Tage danach verneigte er sich vor seiner Abreise und sagte in Erinnerung an diese Blumen: "Aufwiedersehen — Vergiß meinen nicht!" Als Gastgeschenk hatte mein Mann dem Professor eine Körperbürste aus Kripp geschenkt mit einem eingeritzten Satz von Goethe: "Höchstes Gliük auf Erden ist gesund zu werden." Ein Satz, den wir uns lange mühten, auf japanisch zu lernen. .
Am nächsten Tag waren wir zusammen bei einem Vortrag in einem internationalen großen  Ärztekreis; alle Ärzte saßen dort mit Kopfhörern. Nach dem Vortrag kommt Prof. Kawahata auf mich zu, verneigt sich und ruft laut: "0h, ich noch einmal muß nehmen Abschied von Dr. Karsten, ich haben vergessen in Ihrer Zimmer auf Sofakissen meine Brüste (statt Bürste)." »Wie , was?", kam es in allen Sprachen übersetzt durch die Kopfhörer. Dann, nichtendenwollendes Gelächter, als er diesen Satz noch einmal wiederholt. Alle bestürmten mich und ich schämte mich furchtbar.
Eine ähnliche Situation wiederholte sich bei einem Besuch in Kripp. Im Sanatorium wollte er besonders in der Kurabteilung alles kennenlernen: Packumgen, Bestrahlungen, Bäder und Güsse. Er machte alles selbst mit. Danach besah er sich auch die Patientenzimmer und erzählte eifrig: "Ich haben heute schon bekommen von Schwester in Kurabteilung Küsse, erst warmen "Kuss" mit Zahlen: 21, 22, dann kalten "Kuss" und dann Wechselkuss und dann in Bett. "Diese Episoden gab er später nach seiner Rückkehr in Japan genauso humorvoll wieder in einem von ihm verfaßten Buch über Gesundheitserziehung in Europa und den Vereinigten Staaten.
Die Verbindung mit diesem Professor aus Japan entwickelte sich mehr und mehr - auch durch einen über Jahre fortdauernden Briefwechsel  zu einer echt brüderlichen Freundschaft. Wenn er aus Deutschland zurückkam, dann veröffentlichte er mehrmals seine Eindrücke in einer medizinischen Zeitschrift, die er uns übersandte. Er beschrieb genau die Sauna und ihre Wirkung wie auch anderen natürlichen Behandluugweisen. Die Duft-Farb-Ton-Therapie, wie sie in den 60- und 70-iger Jahren entwickelt wurde, schien ihm ganz besonders der Mentalität der Japaner zu entsprechen. Er schrieb daraufhin. "Duft-Farb- Ton- Therapie von Hermann Karsten, der beste Idee Du hattest im ganzen Leben."
Auch die von Hermann Karsten entwickelte Idee einer Gesundheitsinsel fand in Aiyoshi Kawahata einen begeisterten Mitkämpfer. Ja, er war sogar bemüht, einen Käiufer für das Sanatorium zu gewinnen, um auf diese Weise gemeinsam mit seinem Freund in Deutschland eine Stätte des Deutsch-Japanischen Kulturaustausches schaffen zu können.


Oh, diese Patienten!
Mit den Patienten des Sanatoriums gab es oft sehr erheiternde Episoden. Als nach dem Krieg wieder normale Verhältnisse eintraten,hatten die Männer offenbar genug vom Marschieren. So kamen sie eines Tages mit dem Wunsch heraus: »Wir möchten tanzen! "»Gut", sagte der Doktor, "halten wir eine Tanzstunde!" und schon organisierte er: "die Damen auf die eine Seite und die Herren auf die andere Seite. Bitte auffordern!" Ein Herr spielte Klavier. Er, der Doktor, forderte natürlichdie älteste Dame auf. Ich mußte die Polonaise anführen; freudig bewegtschritten wir nach den Klängen der Musik dahin. Plötzlich kommt hinter mir ein lautes: »Huy!<< Da war der Partnerin des Doktors offenbarder Rock geplatzt und weggerutscht. Unterrock war Nachkriegs Mangelware; sie trug keinen, und so stand sie also hochgesellschaftsfähig da. Lautes Lachen ging durch die Paare. Einige dachten: "Jetzt wird sie beschämt in ihr Zimmer fliehe", aber nein, sie huschte nur in die Ecke zur Tapetentüre. Der Doktor will die Situation retten und machte die Musik lauter. Schon will er sich eine Ersatzdame greifen, da flüstert  es aus der Ecke: "Herr Doktor, es geht wieder! " Die Polonaise konnte nun weiter gehen bis zum Walzer als Abschluss. Doch dann sagte sie plötzlich im Ballgeflüster zu ihm: »Herr Doktor, halten sie mich um die Taille fest, ich glaube er rutscht schon wieder. Noch am nächsten Morgen wurde im ganzen Haus über diesen Zwischenfall gelacht. Da gab es auch die Geschichte mit einer Frau. "Nein," kam sie in das Wartezimmer zurück, "so ein Arzt ist mir noch nie vorgekommen! Mir glatt ins Gesicht zu sagen:" Sie rauchen! und ich glaube, Sie trinken auch Alkohol!" Und dann sagte er auch noch dazu:" wenn sie nicht wollen brauchen sie nicht hierzubleiben, dann gehen sie lieber in ein Hotel Bellevue. "Nun denn", drehte sie sich auf dem Absatz herum, "er will mir helfen; also ich bleibe!" Dann sah man sie jeden Morgen auf der Terasse, wie sie in einem champagnerfarbigen Baby-Doll Nachthemd mit brauner Spitze auf einem Heimtrainer übte und dabei laut zählte zum Gaudi der Gäste im hintergrund. "Eins, zwei, drei, vier." Jeden Tag wollte sie zehn Umdrehungen mehr machen mit ihren arthritiskranken Knien. Allmählich lebte sie sich ein, und der doktor konnte es nicht verhindern, daß sie sogar anfing für ihn zu schwärmen. Sie sprach nur noch exaltiert von ihrem lieben Doktor. Dummerweise hatte sie erfahren, daß der Doktor dienstlich nach Düsseldorf, ihrer Heimatstadt, fahren mußte und damit war ihr nicht auszureden: "Ich fahre mit meinem lieben Doktor nach Hause." Er wehrte sich mit allerlei Ablenkuugen: "Ich brauche meiue Ruhe während der Fahrt, meistens schlafe ich, damit ich  in Düsseldorf wieder frisch bin."Oh," lächelte sie, "dann hüte ich ihren Schlummer."
Sie wartete auf ihn auf dem Bahnsteig in Remagen. 
In Düsseldorf standen bereits ihre Freundinnen, gespannt, wie es sich wohl mit ihren Beinnu gebessert haben könnte. Zufällig brachten zwei Sanitäter eine Bahre auf den Bahnsteig. Schon meinten die Freundinnen: "Ach je, vielleicht geht es ihr sogar schlechter statt besser, wenn  sie mit der Bahre geholt wird." Der Zug brauste heran. Alle suchen gespannt. Doch da ein lautes: "Hallo, Hallo, hier her!" Schon stelzt Frau  auf dem Bahnsteig ihre Freundinnen entgegen. "Seht, wie ich laufen kann,"ruft sie, "und staunt nur,"  dahei zeigte sie auf den Doktor "dies ist mein Wunderd!okter"  Der ganze Bahnsteig hat sich  bei dieser Szene förmlich umgedreht.
Einmal hatten von 30 Patienten etwa 10 zufällig einen Namen nach einer Gemüsebezeichuung, wie Frau Kohl Herr Wirsing, Herr Rübsamen,  Frau Rettich usw. Ein anderes Mal schien es, als ob der gauze Klerus versammelt sei: Fräulein Nonnen, ihr gegeniiber am anderen Tisch Frau  Bischof.  Dann war da Frau Prior mit Tochter und schließlich kam zum Gaudium aller Herr Papst mit Frau aus Düsseldorf. An  einem Tisch saßen gemeinsam, rein zufällig, Frau Vogel und Frau Hahn, und hinzukam unter schallendem Gelächter Herr Apotheker Storch.
Der schwerste
Patient des Hauses wog 324 Pfund, zur gleicheu Zeit kurte die leichteste Patientin mit nur 76 Pfund. Der Zufall wollte es, daß einmal nur Herren als Patienten zur Kur anweseud waren, danach kam später eine Dame, und die war dazu noch sehr hübsch. Umgekehrt war es auch der  Fall- nur· Damen - viele von ihnen hatten aber einen Namen mit der Endsilbe -mann: Eilemann, Giitermann, Wassermann, Lehmann, Brinkmann usw. Schließlich kam eine Dame aus Düsseldorf hiuzu. Sie stellte sich selbst vor und sagte: "Ich heiße Anders!" Damit meinte sie ihren Familiennamen; sie hieß tatsächlich Anders. '
Besonders schön waren die Geschichten mit Patienten aus dem Dorf. Oft lasen die Dorfbewohner den Namen Karsten in der Zeitung. Das kam meistens dann, wenn der Doktor vvieder eine seiner Ideen entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt hatte. So gab es eine gauze Serie von  Artikeln über die Sauna, über das Japanbad mit dem Besuch der Japaner, über Elly Ney und ihr Konzert im Park, auch über den Besuch von  Professor v. Ardenne im Zusammenhang mit der Sauerstoff-Mehrschrittstherapie für die Sauna.
Besonders interessant schien auch ein Artikel über die Duft-Farb-Ton- Therapie. Dabei lasen wir mit Entsetzen eineun von uns später sehr belachten Druckfehler. Da stand: Dr. Karsten habe ja immer wieder neue  Ideen eutwickelt, seine beste Idee sei nun aber wohl der neueste Weg im  Kampf gegen den Toilettenmissbrauch (gemeint war: Tablettenmissbrauch). Das schönste kam aber noch. Es erschien eine alte Bäuerin im  Wartezimmer und wollte unbedingt dem Doktor gratulieren zu dem Artikel. "Herr Doktor," sagte sie, "wat han se dat fein gemacht mit dem  Kampf gegen den Toilettenmissbrauch, und dazu hätt ich jetzt ’ne Bitte. Meine Tochter in Waldorf, die han da noch so´ne alte Plumpsklo, und dat stinkt da so; Herr Doktor, können sie mir da nicht ein Gratispröbchen geben gegen den Toilettenmissbrauch? " Der Doktor hörte sie ganz ruhig an und lachte in sich hinein. Dann suchte er eine Probe  Fichtennadelduft, und sie zog beglückt von dannen. 

Die Kripper Schützen
Seit langen Jahren war der Doktor Mitglied im Schützenverein. Eines Tages besuchen ihn zwei Schützen des St. Sebastian-Schützenvereins in Kripp.  
»Herr Doktor, wir kommen mit einer Frage. Können Sie gut schießen? Ja, das konnte er freilich, denn als Soldat hatte er sich mehrfach  Urlaubstage wegen seiner guten Schießkunst erschossen, und schließlich war er im Zeichen des Schützen geboren. »Dann müssen Sie dem Schützenverein beitreten. Sie gehören doch so wie so zur Prominenz im Dorf, und, fuhr der andere fort, »Herr Doktor, da han se auch wat davon. Wenn se zu uns Schützen kommen, nämlich wenn se sterben, dann gehen die Schützen mit der Fahne mit, und da können se sich jetzt schon drauf freuen."



So kam der Doktor also zu den Schützen und hat dort
manchmal gezeigt, daß er noch ganz gut treffen konnte; aber so gut wollte er dann doch nicht schießen, um am Ende noch Ehrenschützenkönig zu werden. Am 80-igsten Geburtstag bot sich uns allen ein wunderbar buntes Bild. Die Schützen in Festuniform rnit geschmückter Ordensbrust, weißen Federbusch am Hut, so kamen sie mit Fackeln und Blasmusik in den Park gezogen und stellten sich zur Ehrung auf. Es gab eine Festrede, und die Böllerschiüse hallten durchs Dorf. Der Doktor dankte, dann erweiterte sich der Kreis mit allen Geburtstagsgästen, und es begann ein Volkslied-Singen. Viele Lampions schaukelten in den Bäumen und beleuchteten die Szene. Zum Schluß zogen die Schützen mit ihrer Musik vvieder durch den Park in Richtung ihres Schützenhauses davon. Dort ließen sie den Doktor noch einmal kräftig hochleben und tranken sich eins.
Als der Doktor ein Jahr danach starb, kam es dann wirklich so,
wie sie im Scherz einst gesagt hatten. Sie ließen es sich nicht nehmen, den Sarg zu tragen und senkten ihn in das Grab unter dem Klang seiner geliebten Panflöte.